Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1895)
- Date
- 1895-06-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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8ßS innere Gottesdienst ist fletrirt und vielfach geradezu profanisirt. Ec ist zumeist die verkörperte Verletzung des Verbots, die Sitten und Gesetze anderer Völker und ihrer Kulte nachzuahmen. Jüdische Gotteshäuser mit christlichen Kircheninstrumenten; statt der heiligen, göttlichen, hebräischen Laute, die gewöhnliche Landessprache, mit der wir unseren materiellen Anliegen genügen; die religionsgesetzltch verbotene Mischung und Vereinigung der Geschlechter zu Chören für Hebung und Erbauung der Beter, das sind die charakteristischen äußeren Kennzeichen dieser Stätten der Aboda. Die Aboda, derjenige Gottesdienst, der sich draußen im Leben zu vollziehen hat, für den deshalb jede jüdische Gemeinde ihre Institutionen gründet, er ist nur der Form nach vorhanden. Ohne Thora, ohne Ehrfurcht vor Gottesgesetz giebt es kein ireo, kein hedd, kein "imo und hd». Alle diese Bezeichnungen sind nichts als bloße Formen, welchen der Kern fehlt. Wenn der Rabbiner die Göttlichkeit und Verbindlichkeit der Thora leugnet, oder, wenn er diese Leugnung auch nicht unverblümt ausspricht, wenn er seine rabbinische Ausbildung an Anstalten und bei Lehrern genoffen hat, welche die Thora leugnen, wie kann denn von einer Ueberwachung dieser Institutionen die Rede sein, auf welchen die Reinheit deS Genusses und diejenige des ganzes Familien- und Gemeindelebens sich gründet? Kürzlich hat ein solcher Rabbiner eine Schrift über die jüdischen Speisegesetze veröffentlicht, deren eingehende Widerlegung an anderer Stelle in diesen Blättern erfolgt. Derselbe stellt in dieser Schrift alles als Jrrthum, Thorheit und Ueberspanntheit hin, worauf das nnieo des jüdischen Lebensgenusses sich stützt. Der Verfasser hält es aber nicht für überflüssig zu bemerken, daß er trotz dieser seiner Anschauung rituelle Anfragen über nuo und hd-iü gewissenhaft nach den Bestimmungen unseres Religionsgesetzes entscheide. So machen sie es alle. Hundertmal begegnet man der Behauptung: Wenn unser Rabbiner auch sonst neu ist und sich über vieles für seine Person hinwegsetzt, so ist er doch sehr streng in der Prüfung der Schochtim u. s. w. Es ist das auch in gewissem Sinne wahr. Im Vergleich zu dem sonstigen Lehren und Leben dieser Art Rabbinen ist jede, ist selbst die laxeste Rücksichtnahme auf das Religionsgesetz etwas ungewöhnliches. Aber daß Leute, welche die jüdische Gewissenhaftigkeit in Speise und Trank für einen überwundenen Standpunkt ansehen, daß solche Leute sich nun wirklich die Mühe nehmen, die oft erforderlich ist eine religiöse Anfrage gewissenhaft zu entscheiden, das wird man ihnen nicht glauben. Wäre es aber auch wirklich der Fall, daß alle Entscheidungen eines Mannes, der selber das Gesetz nicht beobachtet, das er lehren und interpretiren soll, religionsgesetzltch correct wären, daß sie trotzdem null und nichtig sind, braucht nicht erst gesagt zu werden. Es herrscht kein Zweifel darüber, daß eine Gemeinde z. B. durch Einführung eines nichtjüdischen Cultus in ihr Gotteshaus ihren jüdischen Charakter etngebüßt hat. Es ist diese Entscheidung in der rabbwischen Litteratur der jüngsten fünfzig bis sechzig Jahre wiederholt ausgesprochen und eingehend begründet worden. Aber man hat sich wohl vorzüglch an dieses eine Faktum gehalten, weil es mehr wie viele andere in die Augen fällt, weil es offictell dem jüdischen Gemeinwesen das Gepräge des Abfalls verleiht. Aber bet hundert andern Erscheinungen des jüdischen Gemeindelebens, wie es heute vielfach in die Oeffentlichkeit tritt, ist genau dasselbe der Fall. Wenn eine jüdische Gemeinde nur dazu da ist, um das Gottesgesetz zu lehren und zu verwirklichen, so hat sie aufgehört eine jüdische Gemeinde zu sein, wenn sie diese Zwscke tatsächlich nicht erfüllt, in vielen Fällen nicht einmal mehr anstrebt. Eine Gemeinde, die z. B. keine Mikwe unterhält und zwar aus principieller Geringschätzung dieser Institution, welche die Reinheit des jüdisch-n Familienlebens garantirt, hat damit die Etgenthümlichkeit einer jüdischen Gemeinde in noch viel höherem Grade etngebüßt, als wenn sie zehn Synagogen-Orgeln besäße. Wenn eine Gemeinde keine Synagoge unterhielte, so würden wir ihr gewiß das Kriterium einer jüdischen Gemeinde absprechen. Und doch fehlt ihr dann nur eine Institution, welche nicht einmal in der Thora vorgeschriebrn, sondern nur rabbtnisch geboten ist. Besitzt aber eine Gemeinde keine Mikweh, keine Schechita, keine Thora und keine Lehrer derselben, besitzt sie vielleicht statt eines Lehrers und Pflegers der Thora einen bezahlten Beamten, der das, was er lehren sollte, selber nicht glaubt, dann kann Niemand im Ernst dann zweifeln, daß hier die Grundlagen erschüttert sind, auf welchen die ganze Existenz der Gemeinde ruht. Daß die thätige Menschenliebe verkümmern muß auf einem Boden, wie der soeben geschilderte, das bedarf nicht erst weitläufiger Auseinandersetzung. Die Partisanen des Abfalls mögen immerhin sich und andere bereden, ihr jüdisches Herz fei das alte geblieben, wenn auch die Thal ihres Lebens von derjenigen der Väter abwetche. Es ist dies eine Täuschung und im günstigsten Falle eine Selbsttäuschung. Wenn sie sich wirklich den warmen Schlag des jüdischen Herzens erhalten haben; nicht das jüdische Herz war es und nicht das jüdische