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Der Israelit · 1895-06-17 · Heft 48 (17.6.1895) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 48 (17.6.1895)
Date
1895-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Thora selber aber geht leer dabei auS, von ihr erfahren die Kinder kaum den Namen. Und dieser Jammer, der schon seit zwei, drei Generationen großgezogen wird, hat sich so eingelebt, daß man ihn heute in großen, ansehnlichen Kreisen nicht nur nicht begreift, sondern ihn sogar für einen Fortschritt ansieht. In Berlin, der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands, wächst eine solche Unzahl von Kindern ohne jeglichen jüdischen Unterricht auf, daß, als antisemitische Blätter diesen Skandal in ihrem Sinne ausgeschlachtet hatten, man sich maßgebenden Orts nun entschloß drei Lehrkräfte zur Ertheilung von jüdischem Religionsunterricht anzustellen! Aber es ist, wie ausdrücklich betont wird, nur der Religionsunterricht, welcher ertheilt wird, das Hebräische dagegen — also die Tbora — ist ausgesprochener Maßen von diesem Unterricht ausgeschlossen! Bewegt sich eine Gemeinde, die mit dem Unterricht ihrer Kinder solche Pfade wandelt, noch »2112 irasn in den Wegen der jüdischen Gesammthett, wie sie der jüdischen Gemeinde vorgezeichnet find? Drei Lehrer für zehntausend ohne Unterricht aufwachsende Kinder sind vielleicht genügend, um den Antisemiten den Mund zu stopfen, aber weiter reicht ihre Bedeutung nicht. Dreißig Lehrer wären auch ungenügend für diese Zahl von Schülern, selbst wenn diese nicht auf eine große Zahl von Unterrichtsanstalten vertheilt wären. Und nun dürfen sie nicht einmal Thora mit den Kindern lernen, denn das Hebräische ist ausgeschloffen! Sehen wir jedoch von dieser Ungeheuerlichkeit ab, die in diesem Umfange sich wohl kaum zum zweitenmale finden dürfte und Wersen wir einen Blick auf diejenigen jüdischen Gemeindeschulen, in welchen das Hebräische nicht außer Cours gesetzt ist. Bei einem großen Procentsatz beschränkt sich da das Hebräische auf das Uebersetzen des Gebetbuchs; die Thora selber aber geht auch hier leer aus. Wo dies aber selbst nicht der Fall ist, wo wirklich die Thora wenigstens im Urtext den Kindern in die Hand gegeben wird, ist es nur die schriftliche Thora, der .-iS bvzw mm aber wird kaum mit Namen gedacht, geschweige denn, daß sie gelehrt wird. Und sie ist es doch, wie wir erst kürzlich an dieser Stelle nachzuwetfen Veranlassung hatten, welche unsere Eigenthümlichkett ausmacht, sie ist erst die belebende Seele des geschriebenen Gotteswortes. Ist es so aber mit den Kinderschulen bestellt, so steht man sich nach den sonstigen Pflanzstätten der Thora erst recht vergeblich in den meisten Gemeinden um. Wir sprechen nicht von den Bothe Midrasch, nicht von den Jeschiboth/nicht von dem Mangel an Jüngern und Lehrern, sondern von der betrübenden Thatsache, wie das Bewußtsein gänzlich verloren gegangen zu sein scheint, daß die Pflicht der Beschäftigung mit der Thora mit der Schulzeit nicht aufgehört hat, sondern mit ihrer Absolvtrung erst recht beginnt, und so lange währt, als das Leben dauert. Selbst die Ehebroth werden immer spärlicher, in welchen die Erwachsenen sich zusammenfinden, um eintgemale in der Woche oder wenigstens allsabatlich Thora zu lernen. Während sonst so lange der alte Kehillogeist'unsere Gemeinden beseelte, jeder Verein, er mochte welchen Zweck auch immer haben, außer diesem Zweck auch noch das Studium der Thora durch gesellige Zusammenkünfte, durch SchiurVorträge pflegte, haben heute selbst die Vereine, welche dem Namen nach für Talmud Thora ins Leben gerufen wurden, der Thora vielfach den Rücken gekehrt. Haben Gemeinden, Vorsteher, Rabbiner, Prediger und Lehrer, welche für Verbreitung der Thora in ihrem Kreise das ganze Jahr hindurch keinen Finger rühren, noch das Recht ihr Gemeinwesen ein jüdisches zu nennen, wenn sie Talmud-Thora, diese erste höchste jüdische Gemeindepflicht, in dieser Weise verkümmern lassen? Und es ist noch ein Glück, wenn eine große Zahl von Rabbinern, Predigern, Lehrern und Gemeindevorstehern ihre Thora für sich behalten. Was diese Rabbtnen lehren, was diese Prediger predigen, was diese Lehrer unterrichten und diese Gemeindevorsteher sanktiontren, trägt in den meisten Fällen die Etiguette der Thora, giebt sich für sie aus, um sie unter dieser Form um so nachhaltiger bekämpfen und vollständig verdrängen zu können. Es hat sich da unter dem stolzen Namen „Wissenschaft des Judenthums" eine Wissenschaft ausgebildet, die sich zur alten, redlichen Thorawiffenschaft verhält, wie eine vertrocknete Blume zu einer frischen, wie eine abgestandene Lache zu einem lebendigen Quell. Diese Wissenschaft, welche die alten Gesitzesfolianten durchstöbert, nicht um daraus die Norm des Lebens zu gewinnen, sondern um für historische, linguistische und archäologische Studien die einzelnen Notizen zusammenzuklauben ist die lebengestaltende Thora mit nichten, wie, sie unsere großen Meister gelehrt und uns überliefert haben. Die literarischen Vereine, die sich zur Popularisirung dieser sogen. Wissenschaft bilden, die Zeitungen, die sich in ihren Dienst stellen, die Katheder und Kanzeln, von welchen sie verkündet wird, im Dienste der Tbora stehen sie sammt und sonders mit Nichten. Kann man sich noch darüber wundern, wenn das praktische Leben, wenn der innere und äußere Gottesdienst, der dieser After Thora erblüht, nicht der A b od a entspricht, welche die zweite Säule des jüdischen^ Gemetndewesens repräsentirt? Dieser

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