Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1895)
- Date
- 1895-06-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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853 TWW*?^?ri?w' t^-t» Zeitungsnachrichten und Correspondeuzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 9. Juni. Im Anschlüsse an die Correspondenz von hier in Nr. 45 über die Generalversammlung des isr. Lehrervereins im Großherz. Hessen theile Ihnen mit, daß in der Nachmittagssitzung, zu der auch die Herren Rabbiner Dr. Horovitz und Charles Hallgarten von hier erschienen waren, Herr Lebermann-Darmstadt einen Vortrag über „die soziale Wirksamkeit des tüd. Lehrers in feiner Gemeinde" hielt, zu welchem Herr Ehrmann-Friedberg das Correferat hatte. Beide Vorträge waren so gediegen und fanden solch allgemeinen Beifall, daß beschlossen wurde, dieselben durch den Druck der OÖffentlichkeit zu übergeben. Herr Hallgarten erbot sich für die Druckkosten aufkommen zu wollen. Rußland. Petersburg. Der Militärgouverneur von Ssemipalatinsk, General Karponw, hat folgende bemerkenswerthe Kundgebung veröffentlicht, die in Gestalt von Placaten auf den Straßen der Stadt angeschlagen wurde: „Es ist zu meiner Kenntnitz gelangt, daß in Mitte der Bevölkerung unsinnige Gerüchte circuliren, als ob ein im Dezember vorigen Jahres verschollener Knabe, Wladimir Latinjew, von Juden geraubt worden, um aus ihm christliches Blut zu erlangen, dessen nach der Meinung unwissender Leute, die Juden angeblich zur Ausführung ihrer religiösen Ceremonien bedürfen. Gegenwärtig ist der Knabe Latinjew todt aufgefunden worden und wurde in Gegenwart des Procureurs, des Untersuchungsrichters und anderer Zeugen ärztlich untersucht, wobei es sich herausstellte, daß an dem Kinde keine Merkmale zu entdecken waren, welche darauf hindeuteten, daß man den Versuch gemacht habe, ihm Blut abzuzapfen. Ich ersuche die Bevölkerung obenerwähnten lügnerischen Gerüchten keinen Glauben betzumessen, wobei ich jedoch die Warnung hinzufüge, daß Diejenigen, welche derartige Gerüchte verbreiten oder in Bezug auf die Juden irgend welche Drohungen ausstoßen sollten, zu gerichtlicher Verantwortung gezogen werden. Sollte sich jedoch Jemand irgend welchen Gewaltact bezüglich der Juden erlauben, so werde ich mich dadurch in die peinliche und nicht wünschenswerthe Nothwendigkeit versetzt sehen, zu strengen Maßregeln Zuflucht zu nehmen, um jeglichen Gewaltact zu verhindern. Ich hoffe, daß sich in Mitte der Bevölkerung verständige Leute finden dürften, welche diejenigen zur Raison bringen, die sich von unsinnigem Weibergeschwätz htnretßen lassen." Jedenfalls ist eine solche Kundgebung seitens eines hochstehenden Functionärs sehr erfreulich, obgleich es schwer zu erhoffen ist, daß dieselbe auf die unwissende und fanatische Bevölkerung irgend welchen bleibenden Eindruck machen wird. Petersburg. Vor vier Jahren, am Purimfeste 1891, ward Petersburg von dem Gerüchte ganz außer sich gebracht, daß das bekannte Bankhaus I. E. Günzburg u. Co., eine der ersten und solidesten Firmen Rußlands, seine Zahlungen eingestellt habe. Dieses Gerücht bewahrheitete sich, und unsere antisemtischen Hetzorgane benützten diese Gelegenheit, um über den Baron Horace Günzburg, den Chef der Firma, und über das Judenthum herzufallen. Man kann es den Hetzern nicht recht machen. Werden die armen Juden reich, so mästen sie sich an dem Fett des Volkes und sind Gauner. Werden die reichen Juden arm, so sind sie Spitzbuben, die das arme Volk um sein Letztes bringen. Die Firma Günzburg war in momentane Geldverlegenheit gerathen und hatte sich um Hilfe an den Finanzminister (damals Herr Wyschnegradski, der unlängst starb) gewandt. Dieser versprach die gegen genügende Sicherheit erbetenen fünf Millionen Rubel, hatte aber bald darauf gewisse Bedenken, die auch nicht ohne judenfeindliche Unterlage gewesen sein mögen, zog die Unterhandlungen in die Länge und gab im letzten Momente einen abschlägigen Bescheid. Hätte die gefährdete Firma einen derartigen Ausgang früher gewußt, sie würde sich andere Ressourcen eröffnet haben. Sie rechnete jedoch sicher auf den Minister, daß derselbe ein so altes, ehrenwerthes und vollständig zahlungsfähiges Haus nicht fallen lassen würde (wie er es wiederholt in weit verzweifelteren Fällen bei manchen Banken und Banquiers gethan) wurde bon der unerwarteten Weigerung ganz außer Fassung gebracht, verlor den Kopf und — fallirte, stellte seine Zahlungen ein, obgleich die Activen die Passiven um mehr als das Doppelte überstiegen. Es ward eine Administration organisirt, die bald constatirte, daß die Firma vollkommen zahlungsfähig sei und daß nur momentane Geldverlegenheit die Katastrophe herbeigeführt. Und man begann die schwierige Aufgabe der Liquidation, wobei gewisse Immobilien zu Spottpreisen verkauft wurden, um Abschlagszahlungen zu machen. Wer weiß, welches die Folgen dieser Wirthschaft gewesen wären, wenn sich nicht ein glücklicher Zufall hineingemischt hätte. Einige der Firma Günzburg gehörige sibirische Goldbergwerke, die theils als versiegt betrachtet wurden, theils einen t'efjr geringen Ertrag abwarsen, erwiesen sich plötzlich als reich goldhaltig. Es wurde eine ergiebige Goldader entdeckt, und die Antheilscheine erreichten bald eine schwindelnde Höhe, so daß Tausende zu Hnnderttausenden wurden und Hunderttauseude sich in Millionen Rubel wandelten. Der Ertrag der Goldbergwerke ist in diesem Jahre ein so glänzender, daß Baron Horace Günzburg es schon jetzt für möglich gefunden, die Administration aufzuheben und seinen sämmtlichen Ereditoren nicht nur das volle Capital, sondern auch die Zinsen für die vier Jahre zu bezahlen. Wenn Sie wollen, so gehört dieser Jncident eigentlich nicht in den Beilrag zur Geschichte der Juden in Rußland. Es ist aber eine Episode, die mit unserer Martyrologie