Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1895)
- Date
- 1895-06-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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854 in inniger Verbindung steht. Ebenso wie man das gesammte Judenthum für den Reichthum seiner Glieder verantwortlich macht, so wurden wirdurch den Günzburg'schen Bankerott in Mitleidenschaft gezogen. Ganz abgesehen davon, daß mit dem Reichthum das Prestige des Baron Horace Günzburg fiel, der ein glühender, jüdischer Patriot und von bestem Willen beseelt ist, für seine unglücklichen Glaubensgenossen zu wirken, ihr elendes Schicksal zu erleichtern, und durch seinen momentanen Ruin der Möglichkeit beraubt war, etwas zu thun, so wurde allen russischen Juden die Schuld in die Schuhe geschoben, daß Mner ans ihrer Mitte fallirt und das Geld gar mancher Christen dabei große Gefahr lief. Das war Oel in die Flamme der Racenhasser gegossen. Und hat uns der Sturz des Hauses Günzburg sehr geschadet: ob die sich dieser Tage vollziehende Resurrection der Firma dazu beitragen wird, unsere Lage zu bessern — daran ist starker Zweifel gestattet. Wir haben es schon leider erprobt: Das Schlechte, das Einer aus unserer Mitte vollzieht, schadet uns unendlich; das Gute, das Einer von uns thut, hilft uns gar nichts — der Jude wird verbrannt. Nach einer Meldung der „Daily News“ aus Odessa find 20 jüdische Familien aus Tiflis ausaewiesen worden. Weitere 32 Familien müssen die Stadt am 1. Juli verlassen, so daß nur noch 52 Familien in Zukunft daselbst wohnen dürfen. England. London, 10. Juni. Der als Candidat für die Predigerstelle der Federation of Synagogaes hierher berufene Dr. Grünwald, Oberravbiner von Bulgarien, erkrankte am vergangenen Freitag kurz nach seiner Ankunft und tst leider heute in ein btsseres Jenseits abberufen worden. Die allgemeine Bestürzung im östlichen S adttheile ist unbeschreiblich. Vermischtes. Berlin, 1. Juni. Von 258,348 Personen, welche I. 1893 in Preußen eine Ehe eingingen, waren 9800 (3764 männliche, 6036 weibliche Analphabeten. Vom Tausend der Neuvermählten desselben Religionsbekenntnisses waren Analphabeten unter den Männern Frauen Evangelischen 6,7 11,4 Katholiken 31,3 49,7 sonstigen Christen 1,7 4,2 Juden 5,1 6,6 Die Juden haben also weniger Individuen unter sich, die nicht lesen und schreiben können, als die Christen. Berlin. (Ein toleranter Hauptmann.) Die deutsche Kriegerzeitung „Der Veteran" vom 1. Febr. 1895 enthält nachstehende Notiz: Nachfolgendes Schriftstück wurde uns zur Veröffentlichung eingesandt, dasselbe kennzeichnet die edle Gesinnung eines HauptmannS seiner Compagie gegenüber. Das Schriftstück ist vom Platzmajor und Hauptmann a. D. v. G f ug zu Graudenz und wurde nach seinem Tode in feinem Nachlaß gefunden. Dasselbe hat folgenden Wortlaut: Weil bürg, 27. Juli 1857. Als vor einigen Tagen die hiesige Garnison die Leiche eines alten Kameraden zur Ruhestätte begleitete, hielt der katholische Ortsgeistliche eine Rede. Nachdem der Redner den Entschlafenen, einen guten Menschen und Christen, gepriesen, daß er nun bei Gott sei, fügte er bedeutend hinzu, in welcher schrecklichen Lage sich die Juden befinden müßten, wenn sie sich vergegenwärtigen, daß ihnen der Himmel nicht beschieden sei. Tags darauf hielt der christliche Hauptmann vor seiner Compagnie, die er aus den Friedhof geführt, eine Rede. Er rief einen in der Compagnie befindlichen Juden vor und ließ ihn das Handbuch für den Unterricht der Soldaten der Herzogl. Nassauischen Infanterie herbeiholen, aus dem er selbst den § 18 vorlas: „Der Soldat soll sich eines religiösen Lebenswandels befleißigen, er soll wohl bedenken, daß die Religion in schweren Lagen seine Stütze sein wird. Die Kirche, zu welcher er gehört, soll er besuchen. Soldaten verschiedener Consessionen sollen sich ihres Glaubens wegen nicht entzweien. Spöttereien über religiöse Gebräuche dürfen nie vorkommm." Darauf fuhr er fort: „Ich habe Euch versammelt und diesen Paragraph des Gesetzes vorgelesen, weil gestern der Pfarrer auf dem Friedhofe gesagt hat, die Juden kämen nicht in den Himmel (die Heiden gehen uns nichts an>. Ich will Euch warnen, daß keiner sich erlaubt, den Juden N. der Compagnie in irgend einer Weise wegen seiner Rebgion zu verspotten oder ihm zu sagen, er käme nicht in den Himmel. Wer sich das untersteht zu sagen, erhalt vier Tage scharfen Arrest, mag's auch der Pfarrer aus dem Friedhofe gesagt haben. Ihnen", zu dem Israeliten gewendet, „sage ich, Sie kommen in den Himmel, wenn Sie ordentlich und brav bleiben. Dem Schurken aber bleibt der Himmel verschloffen, welchen Standes und Glaubens er auch sei." Die Rede des Kriegömannes in der Kaserne soll bei den Soldaten mehr Glauben gefunden haben, als die des Mannes im Ordensklcide auf dem Acker des Friedens. Dornheim (Mittelfranken.) mo nrw '"® raff beging Hierselbst Herr I. L. Schönfärber, der bereits 40 Jahre das Borsteheramt der hies. jüd. Gemeinde inne hat, seinen siebzigsten Geburtstag. Obwohl wir alle Ursache hatten, aus Anlaß ersteren Umstandes dem Jubilar ein sichtbares und bleibendes Zeichen unserer Liebe, Verehrung und Dankbarkeit zu geben, nahmen wir, in Rücksicht der strengen Religiosität des Jubilars, Abstand von einer öffentlichen Feier. Dennoch ist dieser Tag nicht unbemerkt in unserer Gemeinde vorübergegangen und die Gemeindemitglieder haben ihren freudigen Gefühlen dadurch Ausdruck verliehen, daß jeder am selbigen Sabbat zur Thora Ansgerufene dem Jubilar einen *pai? *o machen ließ. Diese kleine Ehrung hat Herr I. L. Schönfärber in reichem Maße verdient, denn wenn in unserer Gemeinde G. s. Dank noch der echte fromme Sinn für min und mso bei allen Mitgliedern ungeschwächt lebt und herrscht, so ist dies ausschließlich unserm frommen, friedliebenden und von echter Gottesfurcht getragenem Vorstande zu verdanken, der bestrebt war und ist, rmn pDirp und uns gar oft am Sabbat durch seine geistvollen und anregenden .-i-mi-Vorträge erfreut. In solcher Stunde nimmt er oft Gelegenheit, das der Religion Zuwiderlaufende rücksichts- und schonungslos zu verur-heilen, und dadurch und daß er ferner durch seine wahrhafte Frömmigkeit und große Gottesfurcht der Gemeinde ein nachahmungswerthes Muster abgab, erreichte er das schöne Ziel, daß in unserer Gemeinde alle Mitglieder noch echte, fromme Jehudim sind. Dieser Umstand erklärt es als selbstverständlich, daß diese Freude nicht auf Familie und hies.