Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1895)
- Date
- 1895-06-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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852 fühlt er sich als wahrer, als ganzer Jude mit jeder Fiber seines Magens und der ungeübte Beobachter wird, wenn er hier ein auf strenge Diät gesetztes Individuum in so selbstloser Weise mit rvvDü »dj die größten Portionen Kugel verschlingen sieht, gewiß glauben, es hier mit einem hochorthodoxen tiefschwarz in der Wolle Gefärbten zu thun zu haben. Der Enthusiasmus für diese Herren ist nur leider nicht auf die altjüdischen Gerichte beschränkt geblieben. Die Herren haben auch manches was sie in der elterlichen Küche nicht vor sich gesehen haben, nachträglich in den Bereich ihrer Leibspeisen gezogen. Ein Restaurant für solche Leute ist nun schwer zu finden. Die jüdischen Lokale entbehren der in der trefenen Küche gebotenen Genüsse, und die christlichen entbehren dagegen wieder die der rituellen Speisekarte. Dann haben die jüdischen Restaurants auch den Nachtheil, daß man einmal zur Betheiligung religiöser Uebungen herangezogen werden kann, für die man doch absolut gar kein Inten ffe mehr empfindet, während die christlichen Restaurants wieder den Nachtheil haben, daß man dort sich heute gar leicht der Gefahr einer antisemitischen Provokation aussetzt. Wo sollen also die Herren Schaletianer speisen? Es ist — ich gebe zu — schwer diese „Schaloh" zu beanworten; aber hier in W. ist sie „geenverth" worden. In der Taunusstraße exiftirt ein christliches Local-Dahlheim — da stehen neben den verbotenen Genüssen der christl. Küche auch die spezifisch jüdischen Gerichte in hohem Ansehen, und ein den „Freitagabend bei Dahlheim" vorstellendes Wandprotrait vollendet die Selbsttäuschung in einem jüd. Restaurant zu sein. Hier bet Dahlheim ist man vor jedem Heranziehen zum Benschen, das im jüdidischen Restaurant üblich, ebenso verschont, wie vor jedem schmähenden Worte eines antis. Ttschnachbars, dem man im christl. Lokale sonst ausgesetzt ist. Wenn man an einem ^»-Mittag hier eintritt, so kann man sich beim ersten Blick in ein rituelles Restaurant versetzt glauben, und doch ist hier nichts jüdisch weder der Wirth noch die Speisen, höchstens die Gesichtszüge und die Namen einiger Gäste. Wenn die Sache Nachahmung findet und auch andere christl. Hotels sich zu Clubs der Schaletianer umwandeln, so müssen die antisemitischen Herren Junker, die mit möglichst wenig Juden am Tische sitzen wollen, sich auf die Eventualität vor bereiten in den Koscherhotels zu tafeln. Im jüdischen Restaurant werden sie, wie ich denke, gewiß ebenso liebevoll empfangen wie die anderen Gäste und vielleicht, daß die Kost bet den Herren auch eine günstige Metamorphose der Gesinnung veranlaßt. Wie viel geschätzte Namen sehen wir hier in der Ttschrunde des „Badischen Hofes" vertreten. Am oberen Ende der Tafel erblicken wir von einem Damenflor umgeben einen mit kleinen Pince—nez bewaffneten Herrn, dessen Bart bereits bedenklich ins Graue übergeht. Er ist ein Sohn des verstorbenen Oberrabbiner von Großbritanten b"s\ Herr Direktor A. der der väterlichen Tradition treu bleibend, die herrlichen Frühlingstage hier in dem naussischen Italien zubringt. Die Damen, deren englischer Typus so unverleugbar ist, gehören ebenfalls der Äffchen Familie an. Am anderen Tischende erblicken wir ein freundliches stets heiteres Ehepaar. Herr Z., der würdige Schwiegersohn eines hochberühmten Talmudisten, hat seine geschäftliche Thättgkeit niedergelegt, und teilt sich in seines Vaters Gemeinde heute mit einigen wackren Gesinnungsgenossen in das beschwerliche Ehrenamt eines nai* der verschiedenen dortigen Kaschruth — Institutionen. Herr Z. weiß von der Zahl der unter seiner Aufsicht alljährlich geschlachteten Gänse, von der entsprechenden Masse der von ihnen erzielten Lebern und von der Anzahl von seinen Gänsen gewonnenen „Grüben", so pikante für einen Gourmand wahrhaft sich eignende Sensationsberichte zu geben, daß es meinem Nachbarn immer ganz wehleidig zu Muthe wird und die Nasenflügel des Herrn (als athmen sie den embrosischen Duft) sich lüstern erweitern. Das vis ä. vis des Herrn Dr. eine oft hochangesehene Persönlichkeit, (Herr Klempnermeister W.) ist zur Zeit unser Von mot-Fabrikant und ich kann ihm nachrühmen, daß es nicht die schlechtesten Witze sind, die Herrn W. ihre Vaterschaft verdanken, d. h. es gibt noch schlechtere Witze, da bei der table d’höte lebhaft die Frage venttlirt wurde, warum der verstorbene Gustav Freytag als alter schwacher Greis an seinem Lebensabend wohl gerade noch eine Jüdin sich zur Gattin genommen, meinte Herr W. „Er wird gedacht haben, nur eine Jüdin versteht so einen Freytagsabend richtig zu pflegen." Zur Zeit ist Herr W. mit der Fabrieation eines neuen Witzes beschäftigt, wenigstens hat er bei der heutigen Mittagstafel ganz gegen seine Gewohnheit kein Wort gesprochen, sondern immer nachdenklich auf den Tisch hinzestiert und nach Dichterweise leise vor sich hin gesprochen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bis zum morgigen Frühstück das neueste Bon-mot bereits das Licht der Welt erblickt hat, und wenn Sie liebe Leserin, die Sie auch die schöne Bäderstadt zu besuchen gedenken, sich mit Ihrer Reise eilen, so können Sie vielleicht noch der hohen Ehre thetlhafttg werden — dieses neueste Bon-mot in ursprünglichster Fassung aus des Dichters eigenstem Munde anhören zu dürfen.