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Der Israelit · 1895-06-12 · Heft 47 (12.6.1895) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 47 (12.6.1895)
Date
1895-06-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVI. Jahrgang. Erste Beilage M M 47 des „Israelit". Leitender Artikel. Wadeptaudereien. Wiesbaden, 10. Siwan. Der Wetteifer unserer Großstädte in der Errichtung architektonischer Sehenswürdigkeiten, sanitärer Institutionen und moderner Beleuchtungs-Verkehrsanlagen hat in den letzten Jahrzehnten manchen dieser Städte ein durchaus neues Gkpräge aufgedrückt. Wenn wir nach vielen Jahren solch eine Stadt wiederbefuchen, so finden wir an deren Stelle gar oft einen Ort, der bis auf den Namen nur noch sehr wenig mit dem alten uns so wohlbekannten Platz gemeinsam hat. Die wtnkltchen Gassen haben breiten wohlgepflasterten Straßen Platz gemacht, über welche die Straßenbahn, — dte neuste Errungenschaft der Veikehrstechnik, — dahinrollt, an Stelle der kleinen Bauten find stilvolle palastähnltche Wohnhäuser getreten, der stete Fremdenzuzug hat sogar an das alt überlieferte Vätererbe, an dte bürgerlichen Sitten und Gebräuche seine nivellirende Hand gelegt. Welche Veränderungskraft der Zeit innewohnt, kann man so recht beobachten, wenn man nach Jahrzehnte langer Abwesenheit zum ersten Male wieder die schöne Bäderstadt am Salzbachstrand aufsucht. Wie hat doch in diesen Jahren die geniale Hand der Kurleitung, indem fie den Reizen der Natur die der Kunst hinzufügte, es verstanden aus der kleinen naffauischen Residenz ein Paradies zu schaffen, zu dem nun alljährlich viele Tausende niBW yanso riNn hinströmen. Und nun erst die Veränderungen auf religiösem Gebiete! Während vor Jahrzehnten der hiesige Kuraufenthalt dem gläubigen Juden nur mit Entbehrungen und Erschwerungen aller Art möglich war, mag heute mit wenig Ausnahmen kein Kurplatz existiren, der in vollkommenerer Weise all jene Institutionen besitzt, wie fie der glaubenstreue Jsraelite benöthigt. n*nyn njffc ina. Unwillkürlich entgleitet unseren Lippen der Segensspruch, wenn wir das prächtige Gotteshaus in der Friedrtchstraße besuchen. Ehedem besaß das orthodoxe Gemeindewesen im 4 ten Stockwerk eines alten in einer Seitengaße befindlichen Hauses einen niedrigen Betsaal. Achtundvierzig Stufen führten hinauf und stellten an die oft geschwächten Körperkräfte der Kurgäste recht erhebliche Anforderungen. Und doch ließ man sich auch diese 4 Stiegen nicht verdrießen. Der frühere Londoner 21, der damals hier zur Kur weilte, äußerte sich einmal als man seiner astmatischen Beschwerde wegen, ihn von dem anstrengenden Besuch der Synagoge abzuhalten suchte: „Sehen Sie, lieber Herr, wenn ich auch nur ein „Kaddisch" oder nur eine „Keduschah" höre, dann bin ich schon für mein anstrengendes Hinaufklimmen mehr wie reichlich bezahlt." Wie würde sich der Selige gefreut haben, wenn er Gelegenheit gehabt hätte, die Errungenschaft des neuen Gotteshauses zu sehen. Noch mehr aber würde er sich gefreut haben, wenn er noch den Aufschwung des ThorastudiumS in jener Gemeinde zu beobachten Gelegenheit gehabt hätte, für die er immer besonders Jntereffe gehegt hatte. Allsabbathlich nach dem Vor- und Nachmtttagsgebete und allsonntägltch nach dem Abendgottesdienste werden hier jetzt religiös belehrende Vorlesungen gehalten, während neben diesen „Schturim" allabendlich noch im Hause des Rabbiners einzelne Gemetndeglieder sich zu eingehendem Talmudstudium zusammensinden. Die Hauptfrage für den Kurfremden ist bekanntlich dte Magenfrage. Sie ist ebenfalls hier in recht befriedigender Weise gelöst. Heute stehen dem rttuellebenden Jehudi hier geräumige mit gefälliger Pracht eingerichtete Speisesäle zur Verfügung, deren architektonische Einrichtung und Eleganz mit den nichtjüdischen erstranglichen Hotels wetteifert. Für diejenigen Fremden, welche während eines längeren Kuraufenthaltes Unterkunft in einer Privatfamilie vorziehen, bietet Wiesbaden eine Reihe von Häusern, die einzelnen Gästen mit bescheideneren Ansprüchen gegen mäßige Preise familiäre Pension gewähren. Sogar für die sog. „Schaletianer" ist hier Sorge getragen. Schaletianer? Sie sehen mich fragend an! Kennen Sie die Bekenner dieses ehrenwerthen Ordens nicht? Nun dann, ich will Ihnen von denselben erzählen. Welch sonderbare Käuze doch das großstädtische Kurleben bietet! Dte Schaletianer stehen mit einem Fuß im orthodoxen Lager und mit dem anderen an der Grenzscheide der „Schmatt". Soweit es sich nämlich um dte Erhaltung der jüdischen Nationalspeise handelt, freuen sich dte Herren der alleräußersten Rechten der Erhaltung und Uebung der jüd. Nationalgeb ote, da fühlen sie sich als wahre Zadiktm. Setzen Sie doch einem solchen Herrn einmal einen Teller gesetzte Bohnensuppe oder irgend eine Nummer aus der großen Ordnung „Kugel" vor, von der majestätischen Brühkugel bis hinunter zur zielbewußten „Magenkugel", wie sein Auge leuchtet, wie da sein ganzes Innere lacht und sich freuet, da

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