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Der Israelit · 1895-06-10 · Heft 46 (10.6.1895) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 46 (10.6.1895)
Date
1895-06-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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m FerrlHeto«. David Speier. Aiflortsltzer Koman aus der Jett des Mtitgiäijrigtn Krieges von ®. Koh«, Verfasser von „Gabriel". Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werben. Uebersehungsrechte in fremde Sprachen Vorbehalten. 6.) Nun betrat ein junger Mann das Zimmer. Er war trotz seiner abgetragenen Kleidung eine ungewöhnlich schöne Erscheinung und der Primator ließ einen wohlwollenden Blick über die hohe stattliche Gestalt schweifen. Er mochte etwa vier bis fünf und zwanzig Jahre zählen und gemahnte trotz seines bleichen Gesichtes durch seinen muskulösen und doch schlanken Körperbau unwillkürlich an die Kraftmenschen und Helden der jüdischen Vorzeit, an Simson, an König Davids Ritter, an die Makkabäer. Von seinem Haupte wallten dunkelbraune Locken, die so wie seine Augen in einiger Entfernung ganz schwarz erschienen. Sein edel geformtes Gesicht, das, als ihn der Primator ansprach, von einer leichten Röthe überhaucht wurde, war von einem dunkeln Vollbart eingerahmt. „Wie heißt Ihr?" frug Brandeis nach einer kurzen Pause, während welcher er sich auf den Namen des jungen Mannes erinnern zn wollen schien. „Ich muß Euch schon lange Zeit nicht gesehen haben, denn ich habe ein starkes Gedüchtniß für Gesichtszüge und Namen und doch fällt mir der Eure nicht ein." Es schien dem Primator als ob der junge Mann erschreckt aufzuckte als er erwiederte: „Ich wüßte nicht, in welcher Weise ich die Ehre haben könnte, von Euch, Herr Primator, gekannt zil sein." „Wer seid Ihr und was ist Euer Begehr?" „Man nennt mich David Speier. Ich komme ursprünglich aus weiter Ferne, aus Deutschland, aus der Stadt, nach der ich genannt werde. Ich verließ schon vor zwei Jahren, als die Franzosen Speier besetzten, wie viele andere, diese Stadt und habe mich seit dieser Zeit in Böhmen in mehreren Gemeinden als Lehrer, Vorbeter, KoreS erhalten. Einmal habe ich sogar in einem kleinen Orte, wo der Rabbiner plötzlich gestorben und sich dort Niemand fand, der ihn ersetzen konnte, kurze Zeit, so weit meine schwachen Kräfte reichten, als solcher fungirt; aber alle diese Gemeinden gingen durch die Kriegswirren, durch die unerschwinglichen Contributionen, die ihnen von Freund und Feind auferlegt wurden, zu Grunde, die Mitglieder mußten ihre Wohnsitze verlassen und zerstreuten sich nach allen Richtungen. Ich konnte nirgends länger als einige Monate bleiben. Zuletzt war ich in Leipa. Dort konnte ich mein Leben nur dadurch fristen, daß ich mich einem Fleischer als Knecht verdang. Wie Euch, Herr Primator, bekannt sein wird, wurde vor Kurzem Leipa von den Schweden im Sturm genommen. Die ganze Stadt wurde geplündert, die Bewohner all ihrer Habe, ja sogar der Kleider, die sie am Leibe trugen, beraubt und überall nach vermeintlich verborgenen Schätzen gegraben. Am härtesten aber wurden unsere Glaubensgenossen behandelt. Die trunkene, entmenschte Soldateska begnügte sich nicht damit, die Juden völlig auszuplündern, während der Gebetstunden in ihr Gotteshaus zu dringen, dort die silbernen Geräthe zu rauben, sondern sie zerrissen und schändeten in frevlem, sinnlosem Uebermuth die heiligen Thorarollen. Einige warmherzige Glaubensgenossen, welche die Entweihung unserer Heiligthümer verhindern wollten, wurden unbarmherzig niedergemetzelt. Ich war der Einzige, dem es gelang ein Sefer Thoro*)zu retten, das ein schwedischer Soldat in so entsetzlich bestialischer Weise schänden wollte, daß meine Lippen sich sträuben diese näher zu bezeichnen. Ich stieß den Unhold so kräftig fort, daß er sich an der Mauer den Kopf blutig schlug, raffte die Thorarolle, die am Boden lag auf und wollte rasch aus der Synagoge eilen. Der Schwede drang auf mich ein und wollte mich durchbohren. Ich hielt mit einer Hand die gerettete Thorarolle fest an meine Brust gepreßt, und doch gelang es mir ihm seine Waffe zu entreißen und ihn in gerechter Nothwehr niederzuftoßen. Zum Glück befand ich mich in der Nähe des hohen Fensters, durch welches ich auf die Strasse sprang." Der Primator blickte mißtrauisch, ungläubisch aus. „Wollten die andern Soldaten denn nicht den Tod ihres Kameraden rächen? Verfolgten Sie Euch nicht? Wieso konnte es Euch gelingen ihnen zu entkommen?" „Da die Soldaten durch meine unerwartete Kühnheit verblüfft waren, auch nicht den Sprung aus denr Fenster wagten, um auf die Straße zu gelangen, den Synagogenhof durchschreiten mußten, hatte ich ihnen einen starken Vorsprung abgenommen, allein trotzdem wäre ich verloren gewesen, wenn nicht ein mir unerklärliches Ereigniß — mir erschien es als ein Wunder des gnadenreichen Gottes — eingetreten wäre." „Ich lief so rasch mich meine Füße trugen dem Stadtthore zu. Ohne mir für meine Hoffnung einen Grund angeben zu können, glaubte ich, wenn ich in's Freie gelangte, gerettet zu sein. Die Straßen waren menschenleer, die Bewohner waren entweder aus der Stadt geflüchtet, oder hatten sich in Kellern und l) Thoravorleser. *) eine Thora-Rolle.

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