Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1895)
- Date
- 1895-06-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Schlachtordnung wurde auf Vorschlag des Thierarztes auch der Paragraph ausgenommen, wonach, ähnlich wie in Sachsen und in der Schweiz, sämmtliche Thtere vor dem Schlachten durch einen Schlag auf den Kopf betäubt werden sollten. Uebertrctungen sollen mit Geldstrafe, bezw., mit Haft geahndet werden. Bürgermeister und Ralhsherren. nichts weniger als Antisemiten, stimmten der Verordnung bet, ohne zu ahnen, daß jener Paragraph einzig und allein auf das Schächten gemünzt war. Diese Verordnung von der Regierung bestätigt, diente dem Thterarzt als Waffe, und er hatte freies Spiel. Die Fleischer, einerseits durch die Publikation der Poltzeiverwaltung eingeschüchtert, zum andern die Drohung des Thierarztes befürchtend, hörten tatsächlich am 15. Mat auf, schächten zu lassen. Nur dem energischen Einschreiten unseres bewährten I. Vorstehers, Herrn S. Karo, ist es zu verdanken, daß diese unliebsame Situation die kurze Dauer von nur zwei Lagen anhtelt. In erster Reihe inteivenirte Herr Karo bei der Regierung zu Frankfurt a. £)., dann erwirkte er von der Polizeiverwaltung die Erlaub-, niß schächten zu dürfen, indem er bis zum Eintreffen einer entgilttgen Entscheidung von Seiten der Regierung alle Eventualitäten, die auf die etwaigen Anzeigen folgen sollten, übernahm. Es wird nach wie vor geschlichtet, ohne daß Jemand mit einem Strafmandat behelligt worden wäre. Bis zur Stunde ist eine Entscheidung des Regierungspräsidenten noch nicht eingetroffen, hoffentlich wird sie zu Gunsten des Schächtens ausfallen, um dem Treiben des Thierarztes ein für allemal ein Ende zu machen. Wrescheu, 5. Juni. Unsere Gemeinde, die seit längerer Zeit ohne geistliches Oberhaupt ist, feierte die verfloffenen Feiertage in erhöhter Feftesstimmung. Herr Rabb. Kandidat N. A. Nobel, Sohn des Herrn I. Nobel in Halberstadt, weilte hier und erfreute an beiden F.sttagen die Gemeinde durch meisterhafte Predigten, die durch die jugendliche Kraft ihrer Sprache, die männliche Reife ihrer Gedanken, den Schimmer der Poesie, der sie umwob, alle Herzen im Sturme eroberten. Der Vorstand unserer Gemeinde forderte den Redner auf Sonnabend Vormittags nochmals zu predigen, Nachmittags eine Derascheh zu halten. Zur Freude der ganzen Gemeinde und mit ungeteiltem Beifall kam der Redner diesem Wunsche nach. Erfreute einerseits der durchaus moderne Charakter der Predigten, der von einer in die Tiefe gehenden modernen Bildung Zeugnis ablegte, so befriedigte andererseits die Fülle des jüdischen Wissens, die zu Tage trat, die Begeisterung, mit welcher der Redner für das gesetzestreue Judenthum eintrat, schien aus^ beiden z Elementen gleichermaßen ihre Nahrung zu ziehen. Die Mitglieder unserer Gemeinde sind sich darüber klar, daß durch den Erfolg dieser 4 Predigten die Frage der Rabbinerwahl Hierselbst in ein neues Stadium getreten ist. — Bereut, 31. Mai. Eine denkwürdige Feier schloß diesmal an das hl. Fest der Offenbarung für uns an. Ein halbes Jahrhundert war verfloffen, seitdem unsere Vorfahren, gering an Anzahl, aber groß an Opferfreudigkeit unsere große und stattliche Synagoge erbaut hotten. Auf Anregung unseres H. Rabbiners Dr. S. Münz wurde nun das Gotteshaus von innen und außen gänzlich renovtrt, mit einem eisernen Gitter umg ben und zu seiner 50 jährigen Jubelfeier würdig in Stand gesetzt. Reichlich stoffen die Spenden von unseren Glaubrnsbrüdern, die unserer Gemeinde entstammen und nun in der großen weiten Welt an die alte theure Heimath liebevoll denken. Auch in der Mitte unserer Gemeinde entspann sich ein reger Eifer zur Verschönerung und Ausschmückung des Gotteshauses beizutragen. Am Vorabend des Wochenfestes hielten wir den Einzug in das verschönerte und erneuerte Gotteshaus. Einen mächtigen, tiefen Eindruck machten die Dankgebete und Festreden unseres Rabbiners H. Dr. Münz, die in Form und Inhalt gleich gediegen waren. Möge das religiöse Leben und Streben in unserer wohlgeleiteten Gemeinde weiterhi« kräftig blühen und gedeihen. Türkei. (n) Smyrna, 15. Mai. Vor einigen Tagen brachte ein griechisches Blatt die interessante Nachricht, Baron Hirsch wolle von England die Insel Cypern ankaufen, um aus derselben ein jüdisches Reich zu machen. Selbstverständlich war die ganze Nachricht erfunden, denn erstens gehört diese Insel zum Lürkischen Reiche, das sie blos durch England verwalten läßt, und zweitens, ist diese Insel fast durchwegs von Griechen bewohnt, die gewiß zum Schwerte greifen würden, falls man sie aus ihrer alten Heimath verdrängen wollte. Jndeffen sind hier schon zahlreiche Anfragen von russischen und galizischen Juden etngelaufen, ob an der bezeichneten Nachricht etwas Wahres sei, da dieselben nun baldigst nach dieser Insel abreisen wollen. Ein russischer Jude erkundigte sich zugleich, ob auch die Weingärten der Insel Cyp'rn viel von der Phylloxera gelitten haben, da er die Absicht habe, einige Weingärten dort anzukaufen, um so koschern Cypernwein (j'D'ifcj? D erzeugen zu können. Nun, dieser Herr wird sich wohl gedulden müssen, bis der Messias kommt, dann wird er sein schönes Projcct sicherlich auch ausführen können.