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Der Israelit · 1895-06-10 · Heft 46 (10.6.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 46 (10.6.1895)
Date
1895-06-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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833 Schlupfwinkeln verborgen; die schwedischen Soldaten waren in den Wohnstätten mit Raub und Mord und Nichtswürdigkeiten beschäftigt; und so kam mir lange Zeit kein Mensch entgegen. Ich hörte die schweren Tritte, die lauten Verwünschungen und Drohungen der schwedischen Soldaten hinter mir und erkannte t meinem Schrecken, daß sich mit jeder Sekunde die Entfernung zwischen ihnen und mir verringerte. Ich war ohne Waffen, hielt in meinem rechten Arm die Thorarolle unter meinem Mantel versteckt, ich hätte mich nur mit einer Hand vertheidigen können, und jeder Versuch dies zu thun, wäre trotz meiner ungewöhnlichen Körperkraft, der erdrückenden Uebermacht gegenüber, ein vergeblicher gewesen." „Das glaube ich auch," schaltete der Primator ein „aber weiter, weiter!" „Hätte es sich nur um mich gehandelt, ich hätte meinen Lauf nicht fortgesetzt und ruhig abgewartet, bis mich die schwedischen Soldaten erreicht hätten, sie hätten mich wohl in ihrem wilden Grimme sofort niedergehauen, ich hätte nicht einmal lange zu leiden brauchen und es wäre dies einem langsamen, qualenreichen Tode, den ich, wenn sie mit kaltem Blute über mich zu Gericht gesessen wären, erwarten mußte, weit vorzuziehen; allein ich hielt es für meine höchste Pflicht, die heilige Rolle, so lange ich es eben vermochte, vor Entweihung zu schützen und spannte alle meine ermattenden Kräfte an, um mit meinem kostbaren Schatze zu entkommen. In meinem athemlosen Lause, meine Verfolger dicht hinter mir, hatte ich eine Stelle erreicht, an der sich vier Gassen kreuzten; da nun gerade jetzt einige schwedische Proviantwagen quer zwischen mir und den mir Nachfolgenden fuhren, ward ich kurze Zeit ihren Blicken entzogen. Ich lenkte nun in eine Seitengasse ab, um wenn möglich das nahgelegene Stadtthor auf dem kürzesten Wege zu erreichen. Die Soldaten hatten kurze Zeit meine Spur verloren; allein in dem Momente, als ich das Stadtthor erblickte, hörte ich wieder eilende Schritte hinter mir. Das Stadtthor war weder geschlossen noch von einer Wache besetzt, meine Hoffnung auf Rettung verstärkte sich und ich flog demselben, so rasch ich nur vermochte, zu, da ...." Speierhielt von der Erinnerung an diesen furchtbaren Augenblick übermannt, kurze Zeit inne und der Primator wiederholte unwillkürlich in höchster Spannung: „Da? „Da ritt ein Regiment schwedischer Dragoner einen Obersten an der Spitze durch das Thor in die Stadt und versperrte mir den Weg. Jetzt schien ich rettungslos verloren, nur ein Wunder konnte mich retten — es geschah ein Wunder!" „Weiter, weiter!" drängte der Primator. „Der Oberst, der an der Spitze des Regiments ritt, war ein Mann von ungewöhnlicher Größe mit Zügen, die man, wenn man sie einmal gesehen, nie vergißt. Sein Gesicht war nämlich in eigentümlichster Weise entstellt. Quer durch die ganze linke Wange, von der Stirn bis zum Kinn, lief ein breiter rothbrauner Streifen, offenbar die Folge einer schlecht geheilten Hiebwunde. Er hielt den Kopf hoch erhoben und ließ seine Blicke unstät umherschweifen, als wenn er von allen Seiten Verrath und Ueberfall befürchten würde. Als. sein Blick mich traf, färbte sich sein von Sonnenbrand gebranntes Gesicht noch dunkler und verzerrte sich zu einer furchtbaren Fratze. Er zuckte wie von einem Blitzstrahle getroffen zusammen. Er sprengte an mich heran und ich glaubte, daß er mich mit seinem Säbel niederftoßen würde, aber er frug mich nur „Wer seid Ihr?" Daß er mich deutsch ansprach, wunderte mich nicht; die Schweden Hausen nun schon so lange in Deutschland, daß sie schon längst unsere Sprache erlernt haben und auch wir die ihrige verstehen; aber daß er meine Antwort in höchster Spannung, die sich deutlich in seinen Zügen ausprägte, erwartete, erschien mir unerklärlich. Ich erwiederte der Wahrheit vollkommend entsprechend: „Ich bin ein unglücklicher, verfolgter Jude!" „Ein Jude.... ein Jude...." wiederholte er, dann frug er mich noch so sonderbar, nach meiner Familie, meinem Geburtsorte.... ich konnte mir gar nicht vorstellen, was ihn das kümmern konnte. Mittlerweile waren die mich verfolgenden schwedischen Musketiere angelangt. Daß sie mich in friedlichem Gespräche mit einem ihrer Oberste fanden, machte sie einen Augenblick stutzig, dann aber traten sie mit haßfunkelnden Allgen an mich heran und ein Korporal erfaßte mich am Arm. „Was wollt ihr vom dem Manne?" herrschte ihn der Oberst all. „Der Jude hat einen Mann voll unserem Regimente erschlagen, wir wollen ihn lehren sich all einen! schwedischen Soldaten zu vergreifen!" „Wann soll dies geschehen sein?" frug der Oberst. „Vor wenigen Minuten in der Judensynagoge, aus der wir uns einige silberne Geräthe holten!" „Ihr irrt Euch in der Person" erwiederte der Oberst zu meinem größten Erstaunen, „der Mann ist nicht jener, den ihr verfolgt habt. Er kam gar nicht aus dieser Richtung, er kam vor Kurzein zum Thor hereill. Jll einer fremden Stadt, während einer Plünderung kann leicht eine Verwechslung unterlaufen. „Laßt den Maml ruhig seilles Weges gehen!" Die Soldaten waren in der Synagoge erst in dem Momente aus mich aufmerksam geivorden, als ich einen ihrer Kameraden niederstieß, ich hatte rasch die Flucht ergriffen, mich während dieser nicht umgeblickt und war auch kurze Zeit gänzlich ihren Blicken eiltschwunden, sie erkallnteil mich nicht und es kollnte ihnen immerhin möglich erscheinen, daß jener, bctt sie verfolgten, entkommen ulld der Manll, der mit dem Obersten sprach in der That ein anderer sei. So unlieb es ihnen

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