Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 44-45 (5.6.1895)
- Date
- 1895-06-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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820 thatsächlich der Fall war — denn die entscheidende Versammlung war bereits die zweite, da die erste nicht beschlußfähig war — die Theilnahme nur spärlich gewesen und sie hätten kampflos den Paragraphen aus dem Felde geschlagen. Die Gegner hätte« gewonnen und die Religiösen nichts verloren, da der bisherige Modus ja auch weiter beobachtet worden wäre. Es war eben eine neue Illustration zu dem alten Worte: Blinder Eifer schadet nur. Hoffentlich ist das Tafeltuch noch nicht zerschnitten und w'rd Friede und Verständigung ohne Aufgabe heiliger Prinzipien wieder angebahnt werden. .bx»’ by Diäten ZeitrmgSrrachrichten «mb Correspondeuzen. Deutschland. Köln, 23. Mai. Ein unübersehbarer Trauerzugbewegte sich am Dienstag Nachmittag durch die Straßen unserer Stadt, um die sterblichen Uebcrreste einer edlen Frau, der Frau unseres Vorstehers Sim. Simon zur letzten Ruhe zu geleiten. Die Verstorbene gehörte zu den immer seltener werdenden Frauen, die mit ihrem ganzen Sinnen und Trachten, mit Gedanken und Thun felsenfest im Boden des traditionellen Judenthums wurzeln. In ihrem ganzen Wesen von in unseren Tagen des falschen Flitters und äußeren Scheins auffallender Einfachheit und Schlichtheit zeigte sie in jeder ihrer Handlungen eine wahrhaft vornehme Denkungsart. In ihrem Herzen ruhte ein unerschöpflicher Schatz von Liebe. Wie die Frühltngssonne so strahlte ihr Antlitz in beglückender Wärme. Mit dem Zauberstab der Liebe hatte sie ihr Familienhaus zu einem Paradies umgeschaffen, zu einer Stätte des reinsten innigsten schönsten Familienglückes. Hier war der Mittelpunkt für die zahlreichen Kinder und Kindeskinder, die ste einfach und schlicht, wie ste es selbst war, erzogen hatte und die mit rührender Pietät zu ihr aufblickten. Aber wenn auch die Liebe zu dem Familienkreis ihr, wie natürlich, die wichtigste war, ihr Herz betrachtete alle Menschen als Glieder einer großen Familie und umfaßte ste alle mit Liebe. Sie litt mit der ihr eigenen Empfänglichkeit für die Eindrücke der Außenwelt selbst mit unter den Leiden ihrer Nebenmenschen. Eine tonra dn eine wahre Mutter für die Armen und Nothleidenden stillte ste während ihres segensreichen Lebens ungezählte Seufzer, trocknete ste unendlich viele Thränen, linderte die Leiden und Qualen der vom Geschick Verfolgten. Sie war eine jener Frauengestalten, die da wandeln das irdische Thal der Thränen in einen segenspendenden Quell. Solche Menschen können nicht sterben. Ste leben in tausend dankbaren Herzen, ste leben in ihren gleichgesinnten und durch sie zu den Höhen des Lebens geführten Kindern, sie leben in ihren guten Werken. Aus Württemberg. (Dr. Sondheimer und der zweite Feiertag.) Herr Rabbiner Dr. Sondheimer fühlt sich aus Anlaß der im „Israelit", erschienenen Artikel über ihn „verpflichtet", seine Erörterung, die Abschaffung des zweiten Feiertages, weiter zu verbreiten. Er wirft dem „Israelit" vor, daß er ihn nicht sachlich bekämpft, d. h. ihn nicht ernst genommen habe. Trotzdem wir das nicht zngeben können, wollen wir doch ein ernstes Wort nicht blos an Dr. S., nicht blos an die Juden Badens, sondern an alle Juden richten. Was willDr.S. milder Abschaffung des zweiten Feiertages? Den früheren Rabbtnervrrsammlungen ist es nicht gelungen, einer officiellen Abschaffung des zweiten Feiertages Anerkennung und Zustimmung bei einem größeren Theile der Juden auch nur eines Landes zu verschaffen. Glaubt doch im Ernste kein Reformjude, daß sein Rabbiner befugt ist, ihm die Entweihung des rap zu erlauben, ihm das Speisegesetz als nicht mehr giltig erklären zu dürfen. Man setzt sich darüber hinweg, ohne Dispens seines Seelsorgers. Erster und zweiter Feiertag werden von einem Teil der Geschäftswelt als Werktage betrachtet, ohne erst die Abschaffung des zweiten Feiertages durch einen Rabbiner abzuwarten. Glaubt nun D r. S.in der That, daß es ihm gelingen werde durch Abschaffung des zweiten Feiertags dem ersten Tag mehr Anerkennung und Beachtung in seiner Gemeinde und im badischen Lande zu verschaffen, die sich dann auch auf eine Heiltghaltung des rav ausdehnen und erstrecken würde? Kennt Dr. S. nicht da8 Sprichwort: „Der Appetit kommt beim Essen", der sich bei allen derartigen Reformbestrebungen auf religiösem Gebiete ganz besonders in unserem Jahrhundert so außerordentlich stark gezeigt hat, daß er bald alles verschlungen hatte und kaum etwas übrig ließ, so daß heutzutage selbst die modernen Rabbiner, die in Reformgemeinden wirken, sich wehmüthig beklagen, daß das Judenthum in ihren Gemeinden zu weit gesunken? Dr. S. sollte sich doch einmal in seiner Gemeinde, wo bis jetzt der 2. Feiertag nicht offiziell abgeschafft war, umsehen, wie denn dort der erste Feiertag, wie der ns*» geheiligt wird! Glaubt Dr. S. wirklich, daß die Abschaffung einer heiligen Institution heiligend wirken wird auf die übrigen religiösen Institutionen? Wenn er als Rabbiner eine sanctionirte Institution ab sch affen will, mit der zugleich ganze Theile unseres Gesetzbuches hinfällig würden, so