Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 44-45 (5.6.1895)
- Date
- 1895-06-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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♦^«^?^iriyi^^s^»g^^iw^yi^^^4^t«cy^rawaa^^w!gggBgpgg}5pgiPwgwwg - ■, 212 gern legen die Speisegesetze das größte Hinderniß in den Weg. Ob der Herr Rabbiner zu Oppeln wohl seine Zeit verschlafen hat? Weiß dieser Herr denn garntchts von den Liebenswürdigkeiten, mit welchen die Juden, denen die Speisegesetze längst Hekuba sind, von einem großen Theil ihrer christlichen Mitbürger überschüttet werden? Daß der Vers, nicht vorurtheilslos an die Forschungen über die Speisegesetze herangegangen ist, was ihn berechtigt hätte zu verlangen, die Widerlegungen rein sachlich zu halten und ihm das Recht der freien Meinungsäußerung seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung unverkummert zu lassen, geht aus den Jnvectiven hervor, die er gegen den Talmud schleudert. Ja, er kann sich gar nicht mit dem Ausschütten seiner Galle gedulden; schon im Inhaltsverzeichnis, das doch sonst nichts anderes als eine trockene Aufstellung der im Buche behandelten Punkte ist, tummelt der Verfasser das Rößlein seines fanatischen Hasses gegen die Quellenschriften der jüd. Religion. Da sind manche ernste Betrachtungen im Talmud „müssiges und albernes Geplauder", der RabbinismuS ist von einer „kindischen Naivetät", und ist auch zugleich „chauvinistisch angehaucht". Das ist allerdings nur der Vortrab, das schwere Geschütz folgt dann in den Vorreden und im Text. Da ist der Talmud ein „unbeholfener und verpfuschender Lehrling und Gehilfe" der Bibel, kein Leiter, macht er ja „cquilibristische Schwungschlüffe", über welche man „die Hände über den Kopf zusammenschlagen" möchte, darum wird er mit seinen Bestimmungen die „Schraube ohne Ende", doch ist dies alles natürlich, sollte von den „skurillen" Rabbinen etwas B sseres zu erwarten sein? Manches Schöne hat allerdings der Talmud, aber „zehn Zwölftel" ist unnützes und unbrauchbares Zeug. Aber noch mehr, diese penible Beachtung von Formen erzeugt geradezu Jrreligiösität, besuchen doch — o Jammer einer verderbten Zeit! — viele Frauen ganz Peßach nicht die Synagoge, weil sie zu Hause mit der Kleinigkeit sich abgeben zu müssen glauben/die rituelle Führung ihres Haushaltes zu überwachen. Doch noch mchr, diese „unerquickliche, minutiöse Küchenreligiösttät" entsittlicht geradezu ihre Bekenner. Die mittelmäßigen Naturen glaubten und glauben noch heute, der gewissenhaften Ausübung mancher weit wichtigeren Riten, ja, vielleicht gar der sittlichen Pflichten weit weniger obliegen zu müssen, weil sie betreffs vieler ceremoniellen Observanzen, spcciell der Speisegesetze, eine peinliche Scrupulosität an den Tag legen." Ja gewiß, man merkt ja überall diese entsittlichende Wirkung der scrupulosen Befolgung der Speisegesetze. Welche Juden sind es denn anders in den glänzenden Spielsälen von Monaco, die sich , öffentlich mit ihrer diamantblitzenden Mätressen! der Lust am Spielsporte hingeben, als solche Talmudjuden, welche keinen Morgen vergessen, ihre Thephillin anzulegen und m:t ängstlicher Sorgfalt das koscherste Restaurant für ihr Diners sich aussuchen. Der Talmudismns entstittlicht seine Bekenner! Hört cs alle, die ihr es hören wollt, das hat nicht irgend ein Antisemit mit dem üblichen sittlichen Defect gesagt, das hat ein greiser Rabbiner urdi et orbi verkündet, ein Rabbiner, der der natürliche Schirmherr und Anwalt des jüdischen Glaubens und seiner Rlligionsquellen sein sollte! Sie halten den Talmud für antiqutrt, gut, es ist Ihr Recht Ihre Ueberzeugung zu haben, man kann Ueberzeugung weder geben noch nehmen, aber Sie haben nicht das Recht ihn als ein Quelle der Entsittlichung zu schmähen und zu verunglimpfen. Sie können lachen über die Thorhelt der Hunderttausende, die ihrer freien Bewegung Fesseln anlegen und darben, wo sie sich Ihrer Meinung nach sättigen könnten, aber Sie haben nicht das Recht, die Hunderttausende zu verdächtigen, als s.ten sie minderwerthig im Bewußtsein ihrer sittlichen Verantwortung und gewissenlos in der Erfüllung ihrer sittlichen Pflichten! Man sieht, auch das Alter kann leichtfertig mit dem Wort sein, und mit derselben Leichtfertigkeit, mit welcher über Hunderttausende von Menschen, die gewissenhaft ihre religiöse Pflicht üben, geurtheilt wird, mit derselben Leichtfertigkeit werden die Koryphäen unserer Vergangenheit beschimpft. Daß der Vers. dem Adereth pfäsfischen Hochmuth zuschreibt, ist noch milde gegen die Doppelzüngigkeit und Charakterlosigkeit, deren er Maimonides und Rasch - bam zeiht. Jener ist ihm der Mann mit bem Januskopfe und dieser habe gewiß „mit innerem Widerstreben, gegen sein besseres, exegetisches Bewußtsein" den Genuß jedes Fleisches mit Milch als biblisches Verbot erklärt. Weil ihnr die Strenge des Maimonides in seinem Jad hachasaka nicht paßt, weil der „wort- und sinngetreue und geistreiche" Raschbam dem Verf. mit seiner Erklärung in die Quere kommt, darum Heuchler und Doppelzüngige! Als ob Maimonides je die Verpflichtung, die Tradition voll anzuerkennen von seiner Begründung der Gesetz; im More abhänaig gemacht oder der „wortgetreue" Raschbam die Tradition beseitigen gewollt hätte. Nicht so, verehrter Herr, diese Männer sind durch den Talmudismus nicht so entsittlicht, worden, daß sie das gelehrt hätten, was sie nicht geglaubt oder von dessen Unwerth sie überzeugt gewesen wären. Sie freilich machen es anders: Sie sind überzeugt, daß die talmudischen Erklärungen und Anordnungen barer Unsinn seien, daß sie zu Unrecht das Behagen der Menschen stören, den socialen Frieden hindern, das Leben unnöthig