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Der Israelit · 1895-06-05 · Heft 44-45 (5.6.1895) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 44-45 (5.6.1895)
Date
1895-06-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVI. Jahrgang. Erste Seil, ju M 44 $e 45 des „Israelit". Leitender Artikel. Die jüdischen SpeisegeseHe «ach ihren verschiedenen Gesichtspunkten zum ersten Male wisienschaftlich-nrethodisch geordnet nnd kritisch beleuchtet von Rabbiner Dr. 2l Wiener.) S. Um vierzig bis fünfzig Jahre zu spät hat dieses Buch das Licht der Welt erblickt. Ja, als Deutschlands Judenheit noch unter dem Zeichen der Rabbiner Versammlungen stand, als man noch eine Ehre darin suchte, mit fanatischer Kraftmeierei an dem alten Judenthum zu rütteln und Stein für Stein aus dem alten Bau loszulösen, wobei mau auch auf den Beifalleiner Menge rechnen durfte, die sich unter dem Scheine des Rechts von den alten jüd. Verpflichtungen freimachen wollte — da wäre dieses Buch an der Zeit gewesen, da hätte es seine gläubigen, resp. ungläubigen Leser und Schüler gefunden. Aber heute — die frisch fröhliche Zeit des Reformirens ist zu ihren Vätern eingegangen, heute giebt es nur zweierlei Juden: die einen, die sich nichts erlauben lassen und die andern, die auf eine Erlaubniß nicht warten, und darum dürfte dieses Werk nur pro nihilo geschrieben sein. Doch der Verf. vermag es nicht über sich zu gewinnen, seine Waffen in der Halle rosten zu lassen; er ist einer der Alten, er hat unter den Stürmern gestanden und will doch nicht, daß die Welt es vergeffe. Darum knüpft er in seinem dreiundachtzigsten Lebensjahr wieder an die Zeit an, da man die Abschaffung alles dessen im Judenthum dekretirte, was man als eine Störung des behaglichen Lebensgenusses ansah. Und da — ich muß es gestehen, denn ich bin ja auch ein Mensch und weiß fremden Schmerz nachzusühlen — thut mir der alte Mann doch leid, denn ein tief elegischer Zug geht durch die Vorbemerkungen (Vorwort, Nachwort, Nachschrift — der Mann zeigt ein großes Bedürfniß sich auszusprechen.) mit denen der Verfasser sein Werk begleitet. Er bekennt es, daß der Sinn für die Reformen ausgestorben, und darum habe er die Absicht, die Schrift in hebräisch-rabbinischer Sprache herauszugeben aufgegeben, da sie alsdann erst recht von den Rabbinern todtgcschwiegen worden wäre; er sei stets ein „Prediger in der Wüste" gewesen mit seinem Verlangen nach Reformarbeit, mit seinen Klagen über den Rückgang des religiösen Freisinnes. Endlich habe er doch das Glück erlebt, und er sieht es als ein günstiges Vorzeichen an, daß die letzte Nummer des Jahrgangs 1893 der „Israelitischen Wochenschrift" die Klage um den Rückgang des religiösen Freisinns erhebt und nach Reformthätigkeit ruft.— Es ist wirklich ein trauriges Geschick, im hohen Alter eine solche Unterbtlanz seimr Lebensthättgkett bekennen, gleichsam den Konkurs anmelden zu müffen. Alles umsonst gewesen, keinen Schritt vorwärts gethan, im Gegentheil, zurück gegen alle Erwartungen und Hoffnungen, in den vierziger Jahren schmetternde Fanfare zum Einbruch in die feste Mauer des Judenthums und am Ende des Jahrhunderts die zum Rückzug rufende Chamade! Bet dem Rückblick auf eine langjährige Thätigkeit die offen eingestandene Furcht: „Mein Collegen werden mich todtschweigen l" Aber, als wenn es mit dieser traurigen Enttäuschung noch nicht genug wäre, spottet dieser alte Herr seiner selbst und weiß nicht, wie? indem er aus einer Aeußeung, die ein Blatt gethan, als es bereits in den letzten Zügen lag, Hoffnung auf Neuerstehung der Reform schöpfte. Diese Selbstironie hätte sich der alte Herr ersparen sollen. Nun zu dem Buche selbst. Der Verf. bittet, ehe man über dasselbe urtheilt, das Buch ganz durchzulesen, ich bekenne, daß ich dies nicht gethan habe, ich habe mich mit der Hälfte begnügt und dann noch ein wenig geblättert und wage doch ein Urtheil. Ich will annehmen, daß alles, was ich nicht gelesen, ganz ausgezeichnet und vorzüglich sei, obwohl ich in meinem Innern davon überzeugt bin, daß dieses nicht der Fall ist, doch ich setze den Fall, so genügt nicht nur die Hälfte, die ich gelesen, sondern nur ein Einblick in das Inhaltsverzeichnis zu erklären, daß das vorliegende Werk ein Unicum von Gehässigkeit, falschen Trugschlüssen, Ueberhebung und Verunglimpfung ist. Der Verf. will die jüdischen Speisegesetze nach der historischen, religiösen, antiquarischen, diätetischen und interconfesstonellrn Seite beleuchten und das Resultat aller dieser Untersuchungen? Was bis jetzt als biblisch galt, hat für unsere Zeit den Werth verloren, und das Rabbtnische, nun ja, das ist selbstverständlich Unsinn. Wenn es bisher als feststehende Thatsache galt, daß die Speisegesetze nicht wenig zu dem relativ vorzügl. Gesundheitszustände der Juden beigetragen, so ist Herr Wiener der Meinung, daß gerade sie Erzeuger von specisisch jüdischen Krankheiten geworden sind. Natürlich muß die Statistik schweigen, wenn Herr Wiener spricht. Die anscheinltch größeren Ausgaben des jüdischen Haushaltes wirken nach der secial-ökonomischen Seite schädlich und dem freundschaftlichen Verhältniß der Juden zu ihren christlichen Mitbür- *) BreSlau, S. Schottländer.

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