Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-06-05 · Heft 44-45 (5.6.1895) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 44-45 (5.6.1895)
Date
1895-06-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448601--40844-2489775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

806 Zeitungsnachrichten und Correfpondeuzeu. Deutschland. Mainz, 2. Junt. Ein gar trauriger Gang war es, von welchem wir soeben zurückkehren. Ein Mensch in der Vollkraft seines Lebens, auf dem Höhepunkte seines Schaffens angelangt, ein vollkommener Jehudi in des Wortes ganzer Bedeutung, ein Mann, der sowohl für die Gemeinde, wie für seine Familie Großes leistete, wurde von dem unerbittlichen Tode jählings hingerafft. Herr Bernhard Sender in Biebrich a. Rh. hauchte am vergangenen Vorabend des heiligen Sabbath Peraschath Noßah in kaum vollendeten 46 Lebensjahre seine reine Seele aus. Für alle Diejenigen, die ihn kannten, bedarf es der Schilderung der vorzüglichen Eigenschaften, die den Verblichenen zierten, nicht. Sie kennen Alle die Größe des Verlustes, den das Judenthum betroffen und diese Kenntniß fand heute auch bei dem stattgehabten Leichenbegängniß gebührenden Ausdruck. Im Trauerhause ergriff zuerst der aus Paris herbeigeeilte Schwager des Dahingeschiedenen, Hr. Rabb. Dr. W e i s k o p f»"j das Wort. Mit thränenerftickter Stimme schilderte er das herbe Schicksal, das Familie S e n d e r in dem kurzen Zeiträume von einem Jahre erlitten. Zwei Schwestern, die Frau des Redners, sowie Frau Meyer in Darmstadt seien dem treuen Bruder erst vor Kurzem in den Tod vorangeeilt und kein Auge blieb thränenleer, als er ein Bild von dem innigen Verhältniß, das die Geschwister mit einander verband, entwarf. Sodann richtete ein Vetter des Herrn Sender, Herr Rabbiner Dr. Kotteck »"j aus Homburg v. d. Höhe, einige Worte an die Trauerversammlung, um auch seinerseits seinemtiefen Schmerzen entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Der schier endlose Trauerzug setzte sich hierauf in Bewegung. Aus der ganzen Rhein- und Maingegend waren die Freunde gekommen, um dem verehrten Tobten, der wie selten ein Mann sich einer ungelheilten Beliebtheit erfreute, daS letzte Geleite zu geben. Vor dem Friedhofe entrollte der amtirende Rabbiner, Herr Dr. Kahn n aus Wiesbaden, in herrlicher ergreifender Rede ein treues Lebenslied des Heimgegangenen. Anknüpfend daran, daß Herr Bernhard Sender am Freitag Nachmittage zur ewigen Ruhe eingegangen sei, bemerkte er, daß jeder jüdische Hausherr um diese Zeit der Woche drei Aussprüche an feine Hausgenossen zu richten habe: Habet Ihr verzehntet? Habet ihr die Pflicht der Erubin erfüllt? Zündet das Licht an! Herr Sender habe die in diesen Aussprüchen enthattcnen Pflichten im weitesten Maaße erfüllt. Er habe Wohlthaten ausgeübt, nicht nur soweit es ihm seine Kräfte gestatteten, sondern weit über dieselben hinaus; öffentlich und im Geheimen, früh und spät, stets wenn die Anforderung an ihn erging, habe er gespendet, gestützt und geholfen und auch Andere zum Wohlthnn veranlaßt. Die allerstrengste Rechtlichkeit wäre stets der größte Grundsatz seiner Geschäftsthätigkett gewesen und lieber habe er Tag und Nacht auf das Angestrengteste gea/beitet, als daß er jemals einen Pfennig genommen hätte an dem ein Zweifel in Bezug auf redlichen Erwerb gewesen. Auch sein Familienleben könne als ein Muster des jüdischen Hauses dahingestellt werden. Sein Söhnchen, welches in Kurzem ein Bar-Mizwoh wird, habe er schon von frühester Kindheit an zum Studium des heiligen Gottes - Wortes angehalten. Winter, wie Sommer, bei jeder Jahreszeit, mußte der Kleine einige Mal in der Woche nach dem eine halbe Stunde entfernten Wiesbaden wandern, um in die Anfangsgründe des Talmud eingcführt zu werden. Mit Trostes- Wünschen für die Hinterbliebenen schloß der verehrte Redner seinen formvollendeten Nachruf. Ein Verwandter des Verstorbenen, Herr Dtstrictsrabb.Dr. Bamberger v,3 auS Burgpreppach ergriff nunmehr das Wort, um namentlich die Verdienste des Herrn Sender um die Leitung der Btebrtcher Gemeinde hervorzuheben. Zu keiner Zeit habe er weder Mühe noch Opfer gescheut, um die für die Gemeinde möglichst günstigsten religiösen Verhältnisse herbeizuführen. Noch in diesem Winter sei er bei allerstrengster Kälte in Gegenden gereist, nach welchen die Verkehrsmittel, nur höchst unvollkommen seien, um sich an Ott und Stelle persönlich nach dem Vorleben eines anzustellenden Lehrers zu erkundigen, da ihm, dem gewissenhaften Vorstande, die schriftlichen Auskünfte nicht genügten. Zum Schlüße richtete noch Herr Lehrer Sulzbacher von Biebrich eine Mahnung an die Gemeindemitglieder, sowie an die Hinterbliebenen unentwegt in den Fußstapfen des theueren Verblichenen zu wandeln und die Fahne des wahren, echten, unverfälschten Judenthums stets hochzuhalten. Dann würden die unsterblichen Verdienste des geliebten Todten ihnen und uns stets beistehen. Das dies so sein möge, ist auch unser Wunsch. nH3wn Frankfurt a M., 4. Juni. In der heute dahier abgehaltenen, zahlreich besuchten Jahresversammlung des Hessischen Israel. Lehrervereins wurde die Stellungnahme des Vereins zu den vom D. I. G. B. versandten Leitsätzen für ein Statut des vom D. I. G. B. zu begründenden Lehrerverbandes berathen. Nach mehrstündiger Debatte, an der stch besonders die Herren Rabbiner Dr. Bondt, Lehrer Kahn-Mainz, Ehrmann-Frtedberg, Dr. Barnaß und Dr. Lutz-Pfungstadt einerseits, Marx-Alsheim und Dr. Adler-Berlin, der vom D. I. G. B. als Delegirter gesandt worden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.