Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 44-45 (5.6.1895)
- Date
- 1895-06-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Walt seine Leidenschaft befriedigt hatte, wendete sich die vermeintliche Liebe in einen Haß um, der größer war als die frühere Liebe. Dietzer Haß ist der Beweis dafür, daß die frühere Liebe keine Liebe zu Tamar sondern Hang zur Sinnlichkeit war. Wahre Liebe schließt für alle Zeit den Haß selbst dann aus, wenn der Gegenstand der Liebe diese nicht erwiedert, da es aber hier nur die Lüsternheit war die Ammon liebte, so zeigte sich die Liebe zu Tamar als Schein, als der Anlaß dazu durch Befriedigung der Leidenschaft aufgehört hatte. Das vollendete Gegenstück einer reinen, selbstlosen, von keiner äußeren Sache abhängigen Liebe ist das Beispiel der Liebe Jonathans zu David, welche uns im I. Buch Samuel Cap. 18 geschildert wird. In dem ersten Verse dieses Satzes, dürfte sich der Schlüssel finden, der das Geheimnis der reinen, durch nichts beeinflußten Liebe erschließt. Es heißt daselbst: ts^a mtppj iroirp ffBji 121b wfoa wi . wwa itmT man«*) “in „Er hatte aufgehört mit Saul zu reden; die Seele Jonathans aber war geknüpft an Davids Seele, und Jonathan liebte ihn wie seine Seele.." Die Liebe Jonathans zu David, war dieselbe Liebe, die jeder zu seiner Seele hat. — Diese Liebe ist durch keinen äußeren Umstand veranlaßt oder bedingt. Es ist dies vielmehr die natürliche, von allem losgelöste Liebe, die niemals aufhört. Die Liebe, die der Mensch zu sich selbst, zu seinem besseren Ich hat, vollzieht sich ja nicht auf Grund irgend welcher Erwägungen. Es hat sich wohl noch Niemand gesagt, durch meine Seele lebe ich, durch meine Seele eigene ich mir alles Wissen, alles Vermögen an, ich bin deshalb verpflichtet meine Seele zu lieben. Man hat auch wohl noch niemals gehört, daß Jemand, wenn es der Seele an Trieb und Fähigkeit gebricht, Wissen und Vermögen sich anzuetgnen, deshalb sein zweites Ich gehaßt oder auch nur weniger geliebt hätte. Für seine Seele und das daran geknüpfte Leben setzt der Mensch alles ein, ohne je nach der Ursache dieser Liebe zu fragen. Sie ist so selbstverständlich, natürlich und nothwendig, daß wir es uns gar nicht anders denken können. So war die Liebe Jonathans zu David, als ob die beiden Seelen mit einander verbunden gewesen wären, so daß Jonathan Davids Seele liebte, wenn ihn die Liebe zu der eigenen erfüllte. Das wollen die Worte sagen: iw?» ]rwrr inantn Jonathan liebte David, wie er seine eigene Seele liebte. Wie er die eigene Seele ohne bestimmte Veranlassung liebte, wie die Selbstliebe selbst dann nicht berührt wird, wenn auch unser seelischer Theil den anderen schädlich beeinflußte, wie noch Niemand die Seele gehaßt hat, wetl dieselbe ein unbedachtes Wort, eine unüberlegte, Schaden bringende That veranlaßt hat, so war die Liebe Jonathans zu David. Sie wurde nicht berührt, geschweige denn aufgehoben durch den Umstand, daß sie Jonathan viele Unzuträglichkeiten brachte. Sie gefährdete wiederholt sein Leben, da der eigene Vater den Mordstahl gegen Jonathan deshalb richtete. Jonathan wußte ferner, daß David das Königthum erhalten und er selber auf diesen Rang deshalb verzichten müsse. Aber der Liebe Jonathans that dies alles keinen Abtrag, denn sie war von keiner äußern Sache abhängig, er liebte ihn wie er seine Seele liebte. Die dieser Liebe am nächsten verwandte, ist, wie bereits erwähnt, die zwischen Eltern und Kindern. Bei Jakob und Benjamin wo dies in besonders hohem Grad der Fall war, findet sich derselbe Ausdruck wie bet Jonathan und David iffBja mwp ne®ji „seine Seele war geknüpft an seine Seele (I 6 M. Cap. 44 V. 30.) Dieses Beispiel gewahrt einen Begriff von der Liebe, wie sie zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer walten soll. Sie gleicht nicht einer Liebe, die durch irgend etwas und wäre es das höchste bedingt ist. So lange es noch der Vergegenwärtigung der Größe, Herrlichkeit und Allmacht Gottes bedarf um uns ihm zuzuwenden, so lange ist es nicht die sich ihres Ursprungs selber unbewußte Liebe, mit der jeder seine eigene Seele liebt. Sie waltet auch ohne Vergegenwärtigung alles dessen was wir sonst durch das Gedächtniß an Gottes unahbare Höhe uns zum Bewußtsein bringen. Sie bedarf keiner Beweise, keiner Begründung, keiner Ursache und weist diese Behelfe auf welche andere so großes Gewicht legen, lächelnd von sich. Sie genügt sich selbst, sie ist ihr eigener Beweis. Erklären läßt sie sich nicht. Sie tst ein besonderes Gnadengeschenk Gottes, und verläßt niemals denjenigen, den sie je ergriffen hat, nicht im höchsten Glück noch im tiefsten Leid. Sie setzt die Weisheit, Gerechtigkeit und Gottesfurcht desjenigen vorraus, den Gott mit ihr begnadet nnd reicht sie schließlich als höchsten Lohn für das rastlose Streben auf dieser Stufenleiter immer mehr zur Nähe Gottes zu gelangen. Wir sind in der Erklärung dieser Mischnah im wesentlichen dem lichtvollen Commentar i” von Rabbi Herz Wesel gefolgt, und werden mit Gottes Hilfe bet der Erklärung des Parek VI. zu den Worten v'pvTi nx anix noch einmal Veranlassung haben, auf dieses Prolem, das zu den geheimnißvollftea der menschlichen Seele zählt, zurückzukommen. (Fortsetzung folgt.)