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Der Israelit · 1895-06-05 · Heft 44-45 (5.6.1895) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 44-45 (5.6.1895)
Date
1895-06-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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804 sie sich zuwendet das ganze eigene Selbst einsetzt, kurz, die von keiner Sache abhängig ist. Frägt man einen von solcher Liebe Erfüllten, was eigentlich seine Liebe veranlaßt, so bleibt er die Antwort schuldig. Eine solche Liebe, die nicht in äußeren Vorzügen, Reizen und Vortheilen ihren Grund hat, ist von unbegrenzter Dauer. Sie währt so lange als die geliebte Persönlichkeit dauert, ja noch länger, sie geht selbst über deren Grab hinaus. Eine solche Liebe ist z. B. diejenige der Eltern gegen ihre Kinder. Sie ist den Eltern von Natur cingepflanzt und durch keinen äußern Umstand bedingt. Sie bleibt daher selbst dann, wenn das Kind den Eltern keine Befriedigung gewährt, selbst wenn es ihnen Verdruß bereitet. Deshalb liegt in dem Umstand, daß wir Kinder Gottes sind, uns die tröstliche Ueberzeuqung verbrieft, daß selbst unsere Schwächen und Fehler uns die Liebe Gottes nicht aufzuheben vermögen. Wer Gott in dieser Weise liebt, hat das Ideal vollendeter Gottesliebe erreicht. Wer dagegen Gott liebt wegen einer äußeren Sache, wegen des Reichthums, der Schönheit, Gesundheit, der Kinder, die seine Gnade gewährt hat, dessen Gottesltebe trägt keine Garantie für ihre Dauer in sich. Sie wird schwinden, sobald der Reichthum, die Schönheit, Gesundheit oder die Kinder verloren gehen. Mit dieser Unterscheidung ist aber sofort gesagt, daß es nichtsdestoweniger eine L cbe geben kann, die von einer anderen Sache abhängt, und trotzdem von Dauer ist, sobald nämlich nur die Sache von Dauer ist, von welcher die Liebe abhängt. Bei dem Wanken und Schwanken des menschlichen Gcmüths,beidem Wechselder Verhältnisse, welche dasselbe beeinflussen, ist daher die Liebe zwischen Menschen schwankend, wenn sie von äußeren Umständen abhängig ist. Unsere Liebe zu Gott kann jedoch dauernd sein, auch wenn sie von Erwägungen abhängt, welche sonst die unwandelbare Liebe beeinträchtigen. Wer Gott z. B. liebt, weil ihm seine Allmacht, seine Allwissenheit, seine Gnadensülle den Zoll Verehrung abringt, der hat seine Liebe wohl auch von einer anderen Sache abhängig gemacht, aber von einer solchen die niemals aufhört und die daher auch ewig ist wie die ihr zu Grunde liegenden Veranlassungen. Aber in Wirklichkeit ist dann nicht Liebe, sondern jene aus der Vergegenwärtigung von Gottes Größe sich ergebende ehrfürchtige Verehrung der Affect, der den davon Durchdrungenen mit Gott vebindet. Aber die Liebe zu Gott, zu der uns die Mahnung verpflichtet: -jtnd ^>331 Vdii "p3^ ^33 'x 'N nx nanxi „Liebe Gott mit deinem ganz n Herzen, deiner ganzen Seele, und deinem ganzen Vermögen" (V. B. M, Cap. VI. V. 5.) ist ein Affcct, der wie die Liebe zwischen Eltern und Kindern sich auch ohne solche Vergegenwärtigung geltend macht. Sie folgt dem uns von Natur eingtpflanzten Zuge ohne Reflexion und ist daher ein Ideal das nur von wenigen erreicht wurde. Sie ward zum Beispiel Abraham zugesprochen, wenn ihn das Prophetenwort (Jesaja Cap. 41. V. 8) nnix oma« als denjenigen bezeichnet, der Gott liebte. So hoch nun die ehrfürchtige Hingebung an Gott steht, welche aus dem Bewußtsein seiner Erhabenheit folgt und deshalb gewöhnlich rooonnn nx-p genannt wird, so bedarf es doch nur geringen Nachdenkens um sich zu vergenwärtigen wie ungemein weiter die Liebe reicht, die uns mit Gott verbindet. Die Verehrung aus Furcht und selbst aus geläuterter Ehrfurcht erschlafft und schwindet vollständig, wenn die Pflichten und Lasten, welche sie auferlegt zu schwer werden oderauch nur zu schwerscheinen. Der von Ehrfurcht erfüllte unterzieht sich zwar diesen Pflichten aber nur schweren Herzens. Die Schwierigkeit der Pflichten und Lasten läßt die Rücksichten der Ehrfurcht immer mehr zurücktreten. Sie verbittert den damit Belasteten mehr und mehr und kann dazu führen, daß er alles abwirft. Wer aber Gott liebt, der freut sich der Opfer, durch welche er seine Liebe besiegeln kann. Die Opfer hören auf als solche zu gelten, sobald der Gegenstand seiner Liebe sie fordert. Er kann diesen Gegenstand seiner Liebe nicht vergessen, denn er ruht im tiefen Herzengrund eingesenkt, aus dem ihn nichts verdrängen kann. Selbst wenn ihn der Gegenstand seiner Liebe hart und ungerecht behandelt, so bewährt sich ja eben darin die Liebe, daß sie selbst das Unrecht liebend hinnimmt. MX noan oyre bv „Liebe deckt alles Unrecht zu." (Sprüche Salomos X. 12.) Die Beispiele, welche unser Spruch zur Jllustrirung seiner Behauptung herausgreift sind ungemein belehrend. — Halten wir zunächst daran fest, daß eine Liebe in hohem Grade anerkennenswerth und edel sein kann, auch wenn sie von einem andern Gegenstand abhängt. Wer den Weisen wegen seiner Weisheit und den Tugendhaften wegen seiner Tugend liebt hat seine Liebe gewiß einem würdigen Gegenstand zugewendet. Nichts destoweniger liegt eine Täuschung vor, wenn mir glauben wir hätten den Weisen und Tugendhaften geliebt, während unsere Lir be nur seiner Weisheit und seiner Tugend wahrscheinlich sogar uns selber galt und der Veredlung, die wir von der uns imponirenden Weisheit und Tugend erhoffen. Wie leicht eine solche Selbsttäuschung möglich ist, beweist das Beispiel von Amnon und Tamar, welches im 2. Buche Samuel Capitel 13 ausführlich berichtet wird. Amnon war in sinnlicher Leidenschaft für Tamar entflammt und hält diese Leidenschaft für Liebe. Als er durch List und Ge-

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