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Der Israelit · 1895-05-28 · Heft 42-43 (28.5.1895) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 42-43 (28.5.1895)
Date
1895-05-28
Page
– (sequence 23)
Language
German
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805 darauf nach Sibirien, um persönlich das Unternehmen «ui beaufsichtigen. Der Podriatschik entfaltete in Irkutsk eine ebenso eifrige, wie umsichtige Thätigkett. Die geschicktesten und tüchtigsten Baumeister hatte er sich von Petersburg und Warschau mitgebracht. Am rechten Ufer der Angara, gegenüber dem Einfluß des Trbut, sollte das Gefängniß erbaut werden. Es war dies der Platz, wo im Jahre 1661 von den Kosaken eine Festung angelegt wurde, die 25 Jahre spater städtische Rechte erhielt. Heute ist dies der verlassenste und ödeste Theil der Stadt, umgeben von Sümpfen und Schutthaufen, gerade gut genug, um darauf ein Gefängniß für russtche Staatsgefangene zu errichten. Rosenblüth erbaute zunächst ein kleines Häuschen, in dem die Baubüreaus, die technischen Räume, die Zahlstuben sowie sein eigenes Comptoir untergebracht wurden. Die Steine wollte er von der Ost« käste Asiens, die eisernen Träger von China und die zum Bau nothwendigen Hölzer durch Flößer vom Don beziehen. Arbeiter hatte er bereits vor seiner Hinkuft in großer Menge und zu billigen Preisen engagirt und so schien Alles sich zu seiner Zufriedenheit abwickeln zu wollen. Aber Rußland ist das Land der Ueberraschungen und alle Erwartungen und Calculationen des Podriatschik schlugen fehl. Die Ostküfte Asiens war in Folge eines Aufstandes in Afghanistan gesperrt, die Bausteine mußten in Folge dessen, statt daß sie unter Benutzung des billigen Wasserwegs nach Irkutsk hätten gebracht werden können, nunmehr per Bahn einige tausend Kilometer weit herbetgeführt werden, wodurch die Kosten des Voranschlags um ganz Bedeutendes überstiegen wurden, die eisernen Träger konnten wegen eines inzwischen ausgebrochenen Zollkriegs nicht mehr aus China bezogen und mußten im Jnlande bedeutend theurer beschafft werden. Die Hölzer, die im Mai in Irkutsk eintreffen sollten, waren, weil in diesem Jahre der Don bis Ende April zugesroren war, noch immer nicht an Ort und Stelle. Dazu kam, daß in Folge der im vorhergegangene« Jahre in Rußland ftattgehabten Mißernte das Brot immer theurer wurde, die Arbeiter Lohnerhöhungen verlangten oder mit Strike drohten. Kurz und gut oder vielmehr, nicht kurz und nicht gut die zweimalhunderttausend Rubel des Freundes waren bereits zu Ende und die Mauern des zukünftigen Staatsgefängnisses hatten noch keine Mannshöhe erreicht. Trost- und mittellos langte Rosenblüth wieder in seine Heimath an, er warf sich dem Grafen zu Füßen und berichtete demselben, wie es ihm ergangen. „Du hast allerdings Pech, Brüderchen," sagte der Graf, „aber noch ist nicht alles verloren." Wie ich heute in den Zeitungen las, beabsichtigt die Stadt Warschau neue Hafenanlagen an der Weichsel zu errichten. Es wird von dem Podriatschik eine Kaution von 80,000 Rubeln verlangt. Ich glaube, wenn ich mein Gut verkaufe, daß ich doch mindestens diesen Betrag erhalten werde. Mit diesem Gelbe kannst du die Hafenbauten übernehmen und nach Erledigung der Arbeiten wirst du wohl so viel gewonnen haben, daß du mir dieses Geld, sowie das früher geliehene zurückzahlen kannst. Rosenblüth traute seinen Ohren nicht. So weitgehend hatte er die Opferwilltgkett des Grafen für ihn sich nicht gedacht. Er wußte, daß das Gut noch das einzige Besttzthum des Grafen war und daß, wenn er auch dies verlor, der Graf gleich ihm zum Bettler werden würde. Doch der Ertrinkende pflegt den Gegenstand, an den sich festzuklammern ihm Gelegenheit geboten wird, nicht zuvor einer näheren Prüfung zu unterziehen, und auch Rosenblüth nahm das Anerbieten des Freundes ohne Bedenken an. Das Gut wurde verkauft, der Erlös der Stadt Warschau als Kaution gestellt und bald sah man ein Heer von Arb eitern täglich an den Ufern der Weichsel unter der Oberl eitung Rosenblüths beschäftigt. Dieses Mal ging alles gut und glatt von statten. Es war dem Podriatschik gelungen, das Baumaterial zu außerordentlich billigem Preise zu beschaffen. Die Arbeiter erhielten nur geringe Löhne und die zum Baue nothwendigen Beamten und Architekten wurden ihm kostenlos von der Stadt zugestellt. Schon wuchsen die breiten Kaimauern aus dem Strome heraus, Lagerhäuser, Schiffskrahnen. Doggs waren nahezu vollendet, als Rosenblüth morgens früh um fünf plötzlich aus dem Schlafe geweckt wurde. „Um des Himmels willen, Podriatschik, kommen Sie schnell an die Arbeitsstätte, von Kaimauern, Lagerhäusern, Schiffskrahnen ist fast gar nichts mehr zu sehen. Das Eis der oberen Weichsel ist heute Nacht in Bewegung gerathen, es ist Hochwasser eingetreten, ungeheure Eisblöcke werden an die Ufer geworfen und unsere vielmonatliche schwierige Arbeit, das Werk von Tausenden von Menschen ist in wenigen Stunden zu Grunde gegangen.". Rosenblüth erhob sich nicht von seinem Lager. Schreck und Verzweiflung hatten seine Glieder gelähmt, und es war bereits Mittag geworden, als er noch immer auf seinem Bette lag. Er wußte nun thatsächlich nicht mehr, was er anfangen sollte. Zum Grafen zurückkehren, wagte er nicht, es hätte ja auch keinen Zweck gehabt, da der Graf nichts mehr sein Eigen nannte. Seiner Frau und seinen Kindern konnte er nichts mehr für deren Lebensunterhalt senden und so erfaßte die höchste Verzweiflung sein Herz. Unsere Weisen sagen, daß kein Mensch sündige, dessen Geist sich in vollständig gesundem Zustande befinde. Stets ist es irgend ein geistiger Defekt, ein Mangel an Einsicht oder ruhiger Ueberlegung, der den Menschen zur sündhaften That verleitet. Auch Rosenblüth, sonst ein gottesfürchtiger und frommer Mann, war wohl nicht im Vollbesitz seines Verstandes, als er den Entschluß faßte, sich von der Weichselbrücke herab in die strömende« Fluthen des Flusses zu stürzen. Er

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