Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 42-43 (28.5.1895)
- Date
- 1895-05-28
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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804 bewegen wußte. Auch dem Judenthume gereichte er zur Ehre, denn trotz seines großen Wohlstandes und seiner angesehenen Stellung befolgte er treu und gewissenhaft die Lehren unserer heiligen Religion und in den Augen seiner nichtjüdischen, vornehmen Nachbarn stieg er durch seine Handlungsweise nur in Achtung und Ehre. Auch dadurch suchte er den göttlichen Namen vielfach zu heiligen, daß er armen bedrängten Nichijuden durch kleine Vorschüsse wieder zu einer Existenz verhalf und mancher junge russische Offizier verdankte es lediglich dem Beistände Rosenblüths, daß er nicht wegen seiner Schulden mit Schimpf und Schande aus der russischen Armee ausgeftoßen wurde. Doch was ist beständig auf dieser wechselvollen Welt? Auch Rosenblüth sollte es erfahren, daß das Glück dem Menschen nicht immer lächelt und ganz schnell sank er von seiner mühsam errungenen Höhe hinab. Bei einigen größeren Lieferungen hatte er sich in der Berechnung geirrt, so daß ihm die Waaren einige hundert Tausend Rubel mehr kosteten, als er selbst dafür erhielt, bei einer 'anderen Lieferung ging der Preis plötzlich und unvorhergesehener Weise in die Höhe, so daß er hierdurch großen Schaden erlitt und bei einem dritten Unternehmen machte ihm die Regierung, aufgestachelt durch neidische Konkurrenten, derartige Schwierigkeiten, daß der Rest seines ungeheuren Vermögens durch allerhand Ersatzlieferungen, die große Summen kosteten, darausgingen. Trostlos, der Verzweiflung nahe, saß Rosenblüth in seinem Privatkabinet, den Kopf über seine Hauptbücher geneigt, sich immer wieder die Thatsache vergegenwärtigend, daß er nunmehr ein vollkommen ruinirter Mann sei. Da klopfte es an die Thüre und auf sein „Herein" überbrachte ihm der Diener aus silbernem Teller die Karte des Grafen TscherlofflHovtschek, welcher Herrn Rosenblüth seinen Besuch ankündigte. „Laß ihn eintreten, Hirschel," befahl er dem Diener und eine Sekunde daraus schritt die elegante Gestalt des Grafen durch die weit geöffneten Flügelthüren, sich behaglich in einen der berettstehenden Sessel niederlassend. Rosenblüth suchte sich zu fassen, was ihm aber schwer gelang. Ec wollte sich bei dem Grafen nach seinem Begehr erkundigen. Doch dieser ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Sdrawstwujtje*)," lieber Rosenblüth", ries der Graf, „aber mein Gott, wie sehen Sie aus, wie blaß und verzerrt sind Ihre Gesichtszüge, Sie sind ja nicht wieder zu erkennen, was fehlt Ihnen denn? „Ueberlassen Sie meine Sorgen mir, lieber Graf, Sie werden mir weder helfen können, noch wollen. Sagen Sie mir lieber, was mir das Vergnügen verschafft, Sie bei mir zu sehen." „Die Ursache meines Besuches tritt augenblicklich vollkommen in den Hintergrund angesichts des Unglückes, denn als ein solches muß ich es nach Ihrem Aussehen bezeichnen, das Sie betroffen *) Guten Morgen. hat. Sagen Sie mir, was Ihnen geschehen ist, denn ich halte es eingedenk der vielen Dienste, die Sie mir schon im Leben erwiesen haben, für meine Pflicht, Ihnen hilfreich zur Seite zu stehen, soweit es in meiner Macht liegt." Nachdem Rosenblüth sich noch einige Male, aber vergebens gesträubt hatte, dem Grafen von seinen Mißgeschicken Mittheilung zu machen, entdeckte er ihm endlich seine Lage. Der Gras hörte ihm lange und schweigend zu. Endlich sprach er: „Es ist wahr, Rosenblüth, Sie haben viel Unglück gehabt und ich begreife vollkommen die Verzweiflung, die Ihr Herz ergriffen hat. Aber noch ist nicht alles verloren, denn trotz Ihres weiten Blickes haben Sie einen rettenden Ausweg übersehen." Erstaunt und fragend zugleich, blickte Rosenblüth den Grafen an. „Ja schauen Sie mich nur an, lieber Mann, haben Sie denn nicht an Ihren besten und treuesten Freund gedacht? Das Vermögen meiner Frau im Betrage von zweimalhunderttausend Rubeln habe ich in guten russischen Staatspapieren zu Hause in meinem Kaffaschranke liegen. Ich stelle es Ihnen für neue Unternehmungen zur Verfügung und nachdem solche glücklich abgewickelt sind, geben Sie es mir mit Zinsen zurück." Rosenblüth traten die Thränen in die Augen. „Ihre Freundschaft ist wirklich rührend und niemals in meinem Leben werde ich Ihnen dieses vergessen. Aber annehmen kann ich Ihr freundliches Anerbieten nicht. Mein Stern ist im Sinken begriffen. Neider und Feinde umlauern mich allenthalben und es ist schwer anzunehmen, daß mir bei unserer hohen Regierung jemals wieder ein Geschäft gelingen wird." „Sie sehen zu schwarz, lieber Freund und haben durch Ihre bisherigen Mißerfolge allen Muth verloren. Bei Ihren Ansichten bliebe Ihnen ja weiter nichts übrig als unbedingt zu Grunde zu gehen. Nein, lieber Freund, so dürfen Sie nicht denken. Fassen Sie nur wieder Muth und suchen Sie mit den Ihnen angebotenen Mitteln so schnell wie möglich wieder in die Höhe zu kommen." Rosenblüth weigerte sich noch lange, das hochherzige Angebot des Grafen anzunehmen. Sein Gewissen sträubte sich dagegen den treuen Freund der Möglichkeit auszufetzen, daß er ebenfalls sein Geld verliere, doch die Verlockung war zu groß, er konnte vielleicht mit einem Male, allen erlittenen Schaden wieder auswetzen und endlich acccptirte er dankend die Offerte des Grafen. In Irkutsk war der Bau eines großen Staatsgefängnisses für Deportirte ausgeschrieben und sofort machte Rosenblüth eine Eingabe an die Abtheilung für Gefängnißwesen in Petersburg, daß er bereit sei, den Bau um die Summe von zweimal hunderttausend Rubel zu übernehmen. Der Gras sorgte durch seine Beziehungen dafür, daß der Bau seinem Freunde. übertragen wurde und Rosenblüth begab sich bald