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Der Israelit · 1895-05-28 · Heft 42-43 (28.5.1895) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 42-43 (28.5.1895)
Date
1895-05-28
Page
– (sequence 24)
Language
German
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806 erhob sich von seinem Lager, kleidete sich an. begab sich auf die Straße, langsam den Ufern der Weichsel zuschreitend. Er war in kurzer Zeit um Jahrzehnte gealtert und wer den hohen kräftigen Mann mit dem schwarzen Vollbart noch vor wenigen Jahren gesehen hatte, der hätte in dem gebückt daher wankenden Greise kaum dieselbe Person wiedererkannt. Aber der höhere Stabsoffizier, Graf von Leobowof, der soeben in seiner Equipage vom Statthalterpalaste nach den Ufern des Flusses fuhr, um die Rettungsarbeiten zu kontrolliren, hatte ein vorzügliches Gedächtniß für Personen und menschliche Antlitze. Er erkannte auch im Fluge, trotz der großen Veränderung, die mit Rofenblüth vorgegangen war, den langsam daher schleichenden Mann. Dieser sah und hörte nichts mehr von der Welt, er hatte nur noch den einen Gedanken, seinem Leben ein ge waltsames Ende zu bereiten und war deshalb nicht wenig überrascht, sich von einem aus einer Equipage steigenden höheren Offizier plötzlich am Arme gefaßt zu sehen. „Aber Rofenblüth, lieber alter Freund, Sie hören und sehen ja nichts, schon dreimal habe ich Ihnen zugerufen, aber Sie thun, als wenn Sie mich nicht mehr kennen wollten. „Ach, Leobowof, Sie sind es; Sind Sie jetzt hier? Es freut mich, Sie noch einmal gesehen zu haben. Aber wenn ich Sie bitten darf, lassen Sie mich gehen, nützen kann ich Ihnen doch nichts mehr. Mein letztes Ständlein hat bereits geschlagen." „Aber, mein lieber Freund, ich glaube, Sie reden irre, wer verlangt denn von Ihnen, daß Sie mir nützen sollen? Ich habe Gott sei Dank Ihre Dienste nicht mehr nöthig, ich habe eine der höchsten Stellen im russischen Heere erklommen, aber wenn ich Ihnen nützen kann, will ich es mit der größten Genugthuung und Bereitschaft thun. ich würde damit nur einen geringen Theil der Dankbarkeit, die ich Ihnen schulde, abtragen. Erinnern Sie sich noch, wie oft Sie mir aus meinen Spielverlegenheiten geholfen haben, wie Sie meinen Schneider und Handschuhmacher bezahlten, ja wie Sie sogar die Kaution zur Erlangung des Hauptmannpatents für mich stellten, die dreitausend Rubel, die ich Ihnen beute noch schulde? Wo wäre ich, wenn Sie, mein Retter, nicht gewesen wären? Sprechen Sie, wie kann ich mich Ihnen nützlich erweisen, was in meinen Kräften steht, soll geschehen." „Mir ist nicht mehr zu helfen, Graf, ich wiederhole Ihnen, mein letztes Stündlein ist gekommen, leben Sie wohl." „Zum Donnerwetter, haben Sie Gift genommen oder sind Sie zum Tode verurthetlt oder sind Sie gar geisteskrank geworden, denn anders kann ich mir Ihre Rede nicht erklären." Rofenblüth hatte soweit seine Fassung wiedergenommen, um dem Grafen, der ihn etnlud, neben sich in seiner Equipage Platz zu nehmen, in fortlaufender Rede, seine Lebensschtcksale zu erzählen. Der Graf hörte ihm aufmerksam zu und als er geendet, versank der Graf in tiefes Nachdenken. Endlich begann er: Ich glaube, daß ich Dich retten kann, Rosenblüth, paffe genau auf, was ich Dir nunmehr sage. An der asiatischen Grenze soll eine große Festung mit vielen Forts und bedeutenden Schanzen errichtet werden. Schon seit vielen Wochen ist eine Submission ausgeschrieben, die Offerten sämmtltcher Podriatschiks befinden sich bereits geöffnet in meinem Besitze. Der Mindestfordernde verlangt einen Preis von zwei Millionen Rubeln, reiche Du heute Abend noch eine Offerte ein, in welcher Du eine Million Rubel und 950,000 Rubel verlangst und ich verbürge Dir, daß Du den Zuschlag erhalten wirst, von der erforderlichen Kaution von zweimal hundert tausend Rubeln entbinde ich Dich Kraft meines Amtes. „Aber, lieber Graf" sagte Rofenblüth „wenn der Mindestfordernde zwei Millionen Rubeln verlangt hat, so wird für mich bet einem noch um Fünfzigtausend Rubeln billigeren Preis doch kaum etwas zu verdienen sein. Außerdem ist mir die ganze Sache vollständig fremd, ich besitze keine Berechnungen und keine Kostenvoranschläge, ich sehe also nicht ein, wie mir hierdurch eine Rettung erblühen sollte." „Laß das alles meine Sorge sein", sagte der Graf, „ich werde es schon zu Wege bringen, daß Du ein Vermögen dabei verdienst, ein Betriebskapital von 200,000 Rubeln steht Dir aus meiner Privatfchatulle zur Verfügung." Und der Graf hielt Wort. Während alle übrigen Unternehmer den Bedingungen gemäß gezwungen gewesen wären, den Grund und Boden für die Aufschüttungen auf weiten Umwegen zur Arbeitsstätte zu fahren, war es Rofenblüth gestattet, dem Militair gehörige Brücken für seine Führen zu benutzen, wobei er ungeheure Summen an Fuhr- und Arbeitslöhnen sparte. Auch die der Krone gehörigen Steinbrüche wurden ihm zur Verfügung gestellt, so daß ihn die Steine viel billiger als die übrigen Unternehmern kamen. Auch sonst wurden ihm alle möglichen Erleichterungen gewährt, so daß er aus dem Geschäfte ungefähr eine Million Rubel erübrigte. Er zählte alle seine Schulden, kaufte seinem Freunde, dem Grafen, ein viel schöneres Rittergut, als derselbe vorher besessen hatte, und ist heute wieder ein hochangefehener, reicher Mann, eine der Hauptstützen für seine armen Brüder im großen Czarenreiche. Verantwortliche Redaktion: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 8, Mainz. Druck und Verlag der Zoh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Attien-Gesellschaft in Mainz.

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