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Der Israelit · 1895-05-28 · Heft 42-43 (28.5.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 42-43 (28.5.1895)
Date
1895-05-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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789 tief ausgeschnittene Weste tjont schwersten Goldbrokat, welche ein kunstreich gefälteltes Jabot in dem eine kostbare Brustnadel stack, sehen ließ, kurze schwarzseidene Beinkleider, weiß seidene Strümpfe und Schuhe mit goldenen Schnallen. Den Hals umschloß eine dicke Krause, welche eben so wie die Manschetten aus feinsten Brüssler Spitzen bestand, am Kopfe saß ein schwarzes Sammetkäppchen. Brandeis hatte schon mehrere Stunden gearbeitet, einen Recurs an die Statthalterei und einige Briefe an mehrere Gemeinden, in einer die Allgemeinheit betreffenden Angelegenheit entworfen, mehrere Erlässe an die Synagogen- und Gemeindevorstände diktirt und unterfertigt, endlich die von der Statthalterei, der Kammerprokuratur und dem Magistrate eingelaufen Akten gelesen und sich für die nächste Kollegiensitzung, in welcher diese Gegenstände zur Verhandlung gelangen sollten, Notizen gemacht. Als es jetzt vom Rathhausthurm elf Uhr schlug — es war dies die Sprechstunde des Primators — öffnete der Meschores die Thüre und meldete: „Herr Primator, es sind mehrere Personen im Vorzimmer, die etwas vorzubringen haben." „Laßt Sie der Reihe nach, in welcher sie angekommen sind, eintreten. Es versteht sich von selbst, daß wenn sich unter diesen ein Appellant,') ein Talmid- Chochom?) oder einer der Stadtgaboim^) befindet, dieser den Vortritt hat." Der Schreiber, der bisher an einem Seitentische, des Diktates des Primators gewärtig, gesessen, erhob sich nun und verschwand mit einer tiefen Verbeugung. Kurz darauf betrat ein hochgewachsener Mann in mittleren Jahren, dessen Kleidung den Rabbiner verrieth, das Zimmer. Der Primator erhob sich von seinem Sitze, reichte dem Ankömmling die Hand und sprach: „Scholem alechem!1 * * 4 *) Mit wem habe ich die Kowod^) zu sprechen und was wünscht Ihr?" Alechem Scholom!6 7) Die Kowod ist meinerseits. Ich bin Reb Josef Pollack, DajonH in Semnitz in Ungarn und hoffe bei der in vier Wochen stattffndenden Wahl zum Nachfolger des vorigen Jahrs aus dem Leben geschiedenem Rafs^) gewählt zu werden. Ich möchte um die Erlaubniß bitten in der altehrwür¬ 1) Mitglied des Oberrabbiner-KollegiumS. Dieser Titel war ein sprachunrichtiger. Es gab nämlich in Prag ein Unter- und ein Obe-rabbmat und man konnte von dem ersteren an daS letztere appelliren. 2) Talmudgelehrter. 3) Stadlverwalter. So wurden die Spitalvorsteher, welche auch dem Armenwefen Vorständen, bezeichnet. 4) Friede mit Euch! eine damals übliche Begrüßungsformel. 6) die Ehre. ®) Mit Euch Friede! die übliche Erwiederung. 7) RabbinatSaffefor. 8) Rabbiner. digen Altncufynagoge am Schabbos8) vor Mincha^) eine Droscho") abhalten zu dürfen." Der Primator lud den Dajon durch eine Handbeivegnng ein, sich auf den Stuhl, der neben ihm stand, niederzulässen und erwiederte: „Es freut mich Eilch persönlich kennen zu lernen, ich habe Euch als großen Talmid Chochom rühmen hören. Um so mehr bedauere ich Euern Wunsch nicht erfüllen zu können. Unser Oberrabbiner hat schon einem durchreisenden Lamden^) die Erlaubniß zur Abhaltung einer Droscho ertheilt; aber fuhr der Primator nach kurzer Pause fort, „wem: Ihr bis zum zweitnächsten Samstag hier bleiben wollt, würde Euch der Oberrabbiner, der darüber zu entscheiden hat, dies unbedenklich bewilligen." „Heute ist Montag, bis zum zweitnächsten Sabbatb, sind noch zwölf Sage, solange kann ich nicht warteil. Ich verbinde" fügte Reb Josef Pollack zögernd hinzu," mit meiner Reise hierher noch einen andern Zweck. In meiner Begleitung befindet sich auch der Vorsteher unserer Gemeinde Wt'6 Hirsch Raaber. Unsere Synagoge ist in den letzten Kriegsjabren ein Raub der Flammen geworden und unsere Gemeinde ist zu cinu, um sie mit ihren eigenen Mitteln aus ihrem Schutte neuerstehen zu lassen. Wir sind gezwungen die Mildthätigkeit edler Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen. 'Wir sammeln Gaben für diesen heiligen Zweck und können uns daher nicht lange iu einer Stadt aushallen. Ich hätte mich so glücklich gefühlt in der Altneuschul zu sprechen. Die Erinnerung an diese Stunde hätte mein ganzes nachfolgendem Leben in wundersamer Weise verschönt." „Ihr beabsichtigt hier eine Sammlung einznleiten?" sprach der Primator, dessen Mienen sich verdüsterten. „Dazu müßt Ihr allerdings meine Genehmigung erlangen. Ihr habt hierzu die ungünstigste Zeit gewählt. Wir haben den Feind, die Schweden im Lande, Ihr fönut Euch denken, daß Handel und Wandel stocken und die Erwerbsverhältnisse die denkbar schlechtesten sind. Dazu kommt noch daß viele Glaubensgenossen vom flachen Lande nach Prag flüchten, und die Zahl der hiesigen Armen, die täglich wächst, noch in empfindlicher Weise vermehren, so daß wir unsere Kräfte aufs höchste anspannen nrüssen, um alle diese Dürftigen zu erbalten." „Herr Primator!" ries Pollack erschrocken, „nach Eueren Äußerungen nmß ich befürchten, daß Ihr die Bewilligung zur Vornahme der Sammlung verweigert! Das wäre recht traurig für uns, wir hätten die weite Reise hierher vergeblich unternommen und nicht nur 9) Sabbat. 10) dem Nachmittaggebet. n) einen Vortrag. 12) Talmudgelehrter.

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