Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 41 (23.5.1895)
- Date
- 1895-05-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448599--40800-2489729- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
776 Hüufeld b. Fulda. Was Gutes ist an dem Antisemitismus, das muß man ihm trotz Allem doch lassen. Die zarte Rücksichtnahme auf das jüdische Kapital, die derselbe hier bekundete, möchten wir allen Judenfeinden im Deutschen Reicke auf das Wärmste zur Nacheiferung empfehlen. Wurde dahier vor einiger Zeit eine Zuckerfabrick mit einem Actienkapital von zwei Millionen begründet. An Juden wurden Actien des neuen Unternehmens nicht abgegeben und einem Nachkommen Sems war es selbst bet Aufwendung der größten Mühe nicht möglich sich in den Besitz eines solch vielversprechenden Papicres zu setzen. Die Zuckeractien-Gesellschast, deren Leitung vollständig in antisemitischen Händen lag, ist heute in Concurs, den Passiven von M. 2.000,000 stehen nur etwa M. 100,000 Aktiva — 5°/0 gegenüber. 95°/0 des arisch teutonischen Geldes ist futsch, bi p Oefterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Verschiedene Fleischverschleißer lassen durch ihre Firmatafel Verkauf von Koscher-Fleisch ankündigen, ohne für die rituelle Schlachtung irgend eine Garantie zu bieten, ohne sich unter die Aussicht des Rabbinates zu stellen. Gegen diese Ungehörigkeit ist nun behördlicherseits eingeschritten worden und auf einen Rccurs der betreffenden Geschäftsleute erfolgte nachstehende Erledigung: G. Z. 7801/95. Abschrift. Note des Magistratischen Bezirksamtes im II. Bezirke. An. Fleischhauer in Wien. Laut Erlasses der hochlöbltchen k. k. n. ö. Statthalteret hat das hohe k. k. Ministerium des Innern mit Erlaß vom 19. Februar 1895, Z. 30.240/94, Ihrem Rccurse gegen die Statthalteret. Entscheidung vom 18. September 1894, Z. 57.813, mit welcher Sie in Bestätigung der h. ä. Entscheidung vom 17. Mat 1894, Z. 8822, verhalten wurden, von Ihrer Betriebsstätte jene Tafeln, welche den Verkauf von „Koscherfleisch" anzeigen, zu entfernen, keine Folge zu geben gefunden, weil das Schächten, die Qualifictrung des Fleisches als koscher, sowie die Beaufsichtigung des Ausschrottens von Koscherfleisch eine Cultusangelegenheit der israelitischen Religionsgenossenschaft ist und Sie den bezüglichen Anforderungen der israelitischen Cultusgemetnde in Wien nicht entspreche». Hiervon werden Sie mit dem Aufträge verständigt, die beanständete Tafel nunmehr sofort zu entfernen, widrigenfalls gegen Sie strafweise vorgegangen und die Entfernung der Tafel von hieraus veranlaßt werden müßte. Wien, am 4. März 1895. Der Bezirksamtsletter. P. Ph ilipp m. p. Wien, 15. Mai. („Der Deckert-Cyklus"). Pfarrer Deckert hat seinen Cyklus von antisemitischen Hetzreden beendet. Es ist geradezu unbegreiflich, wie es die weltlichen und geistlichen Behörden ruhig hingehen lasten konnten, daß ein Priester die Kanzel der ihm zu Seelsorgezwecke übergebenen Kirche nicht nur'zu den schamlosesten Aufreizungen und Brandreden gegen die Juden, zur Verspottung der Staatsgrundgesetze, sondern auch zur schmutzigsten Reclame für seine eigenen Schriften ausbeutete. Pfarrer Deckert erinnerte nämlich am Schlüsse einer jeden „Predigt" seine andächtigen Zuhörer daran, daß man das, was er sage, haarklein dargrstellt lesen könne in seinen Schriften, und zugleich wurde abermals in und bei der Kirche ein schwungvoller Handel mit den Broschüren des geistlichen Schmierfinken getrieben. Der Rest des Cyklus galt wieder dem „Blutrituale". Es wurde wohl seit dem Mittelalter nie wieder von der Kanzel einer Wiener Kirche herab so aufreizend vom jüdischen „Ritualmord" gesprochen. Deckert behauptete, ein Rabbiner im Fürstenthume Moldau, Namens Moldawan, habe rin Buch über das Blutopfer der Juden geschrieben, welches merkwürdigerweise verschwunden sei, sowie die Juden überhaupt alle Bücher verschwinden lassen, in denen etwas gegen sie steht. Das Buch deS Rabbi Moldawan sei aber durch Uebersetzungen erhalten geblieben, und Deckert habe eS genau studirt. Dieses Werk bestätige, daß verschiedene jüdische Seelen thatsächlich Christenkinder abschlachten, nicht nur aus Haß gegen das Christenthum und den Messias, sondern zu religiösen Ceremonien. Sie brauchen daS Christenblut an Stelle eines Opfers, brauchen es als getrocknetes Blutpulver bei dem rituellen Act, brauchen es, um Tropfen davon in die Osterbrote (Mazzes) zu geben, brauchen es beim Schließen von Ehen, wobei ein Ei zerbrochen wird, worauf in jede Hälfte Christenblut kommen muß, und brauchen es endlich beim Sterben, um die Füße der Lerchen damit zu benetzen. Daß alle Juden diesen Ritus anerkennen, behauptet Deckert nicht. „Ich will ja nicht glauben, daß die Reformjuden Christenkinder schlachten," sagte er, fügte aber gleich hinzu, „daß es aber jüdische Secten giebt, die das thun und die Christenblut brauchen, davon bin ich vollkommen überzeugt, denn erstens — behauptet es Rabbi Moldawan und zweitens stimmt es mit den Acten über die jüdischen Mörder des Simon von Trient vollkommen überein, die ich selbst gelesen habe." Wieder schloß er mit dem eeterum censeo, daß die Anhänger des Blutrituals keine wahren Juden seien und daß es solche nur unter den wahren Christen, d. h. also, wie vorhergesagt, unter den Antisemiten zu finden seien. Tags darauf ging er dann auf den Gedanken des „Racenantisemitismus" näher ein; der jüdische Glaube sei nur eine „Raeenreligion"- Es sei ja richtig, daß die jetzigen Juden den Stifter der chr. Religion nicht gekreuzigt haben, allein,, die Karpeles und Tannenbaum und Fleckeles" seien die Söhne der damaligen Juden. Er warf dann die Frage auf, ob denn für dieses von Gott verfluchte Volk gar keine Hoffnung sei; das wolle er nicht ganz ausschließen! Einige können sich taufen lasten und trotz der Raceeigenschasten nach und nach gute Christen werden, doch müsse man bei der Taufe sehr vorsichtig sein und sich die Täuflinge genau beschauen, denn Viele seien erst nach der Taufe recht gefährlich. Für die Gesammtheit der Juden hat Deckert nur den einen Trost, daß sie jedenfalls am Ende der Wett Erlösung und Gnade finden werden, früher allerdings nicht. Vielleicht damit man an diese Weissagung eher glaube, gab er auch an diesem Tage einige Proben des Erstndungs-