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Der Israelit · 1895-05-23 · Heft 41 (23.5.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 41 (23.5.1895)
Date
1895-05-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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773 den Gedanken gefunden und habe mich von der Ausführbarkeit desselben überzeugt. Ich bin in der Maske eines wahnsinnigen Bettlers nach Eger gelangt. Es war dies ein großes Wagniß. Wäre meine Maskerade entdeckt worden, ich hätte als Spion den schimpflichen Tod am Galgen erleiden müssen. Ich hatte vieles zu erdulden. Die schwedischen Soldaten hatten mich zur Zielscheibe ihres Spottes gemacht, ich mußte ihre rohen Spässe, ihre Mißhandlungen ertragen; aber es gelang mir meinen Zweck zu erreichen. Ich kenne Eger genau, ich habe lange Zeit dort gelebt, mir ist dort jedes Haus, jeder Stein bekannt. Ich habe eine Stelle gefunden, wo ich nächtlicher Weise unbemerkt fünfhundert Mann in die Stadt bringen, mich in den Besitz der Festung setzen kann." Einen Augenblick ward Colloredo von der Seltsamkeit des Vorschlages überrascht; aber schon nach kurzem Bedenken erwiederte er, sich von Odowalsky losreißend: „Ich kann Euere thörichte Forderung nicht erfüllen!" „Warum, aus welchem Gründen?" „Ich sehe zwar nicht die Nothwendigkeit ein Euch diese anzugeben" erwiederte Colloredo hochmüthig „aber ich will doch Euere unbescheidene Neugierde befriedigen. Ich kann von der ohnehin kleinen Besatzung nicht fünfhundert Mann entbehren, und dürfte ich auch in keinem Falle eine solche Truppenzahl an ein zweifelhaftes Unternehmen wagen...." „Es ist kein zweifelhaftes Unternehmen" warf Odowalsky dazwischen. „Und würde auch meine Pflicht in gröblichster Weise verletzen und vor dem Hofkriegsrathe nicht verantworten können, wenn ich Euch, einem verabschiedeten Rittmeister das Kommando über fünfhundert Mann Fußvolk anvertrauen würde.,, „Euer Gnaden Herr Generallieutenant, gebt mir fünfhundert Mann, — Ihr könntet es sonst bedauern meine Bitte abgeschlagen zu haben. „Wollt Ihr mir drohen?" „Euer Gnaden, Herr Generallieutenant, ich drohe Euch nicht, ich will nur sagen, Ihr könntet zu spät bedauern, den günstigen Moment dem Kaiser die wichtige Grenzfestung zurückzuerobern, versäumt zu haben. Ihr werdet es nicht verantworten können, Herr Generallieutenant! .... Laßt Euch erflehen, bewilligt mir fünfhundert Mann!" „Nicht Einen!" rief Colloredo, mit dem Fuße aufstampfend. Einen Augenblick schien es dem General, als wenn Odowalsky in entsetzlichstem Zorne auffahren, auf ihn losstürzen, sich an ihm vergreifen wollte. Seine Augen starrten mit, grauenhafter Wildheit aus seinem fahlen Gesichte, der Schaum trat ihm auf die Lippen, ein convulsivisches Zucken durchflog seinen Körper — aber plötzlich bemeifterte er sich in bewundernswürdiger Weise und sprach mit vor Aufregung klangloser Stimme: „Herr Generallieutenant, ich besitze leider nicht die Macht Euch hierzu zu zwingen. Ihr hättet dern Kaiser einen unschätzbaren Dienst erwiesen und mich gerettet, Ihr stoßt mich erbarmungslos in mein Elend zurück!" Er wankte wie gebrochen aus dem Zimmer. Zweite s K a p i t e l. Der Primator der Prager Judenschaft, Israel Brandeis, saß in seinem Kabinete in dem Rathhause, welches der berühmte Philantrop Mordechai Meisel, nebst andern noch heute bestehenden Gebäuden und zwar, der nach ihm benannten Meisel- oder Hochsynagoge und das Hospital gebaut und seiner Vatergemeinde geschenkt hatte. Israel Brandeis, gleichzeitig Rosch Besdin, das heißt Vicepräsident des Rabbinerkollegiums, war ein mittelgroßer Mann von achtundvierzig Jahren. Sein dunkelbraunes Haar und sein bis an die Brust reichender breiter, dichter Bart, war schon hier und da von Silbersäden durchzogen, seine Gesichtsfarbe stach ein wenig ins Gelbliche und deutete aus cholerisches Temperament, aus die Neigung leicht erregt zu werden. Unter dichten, zusammengewachsenen Brauen blitzten große schwarze Augen, die alles zu durchdringen schienen. Israel Brandeis war einer der vornehmsten Juden seiner Zeit. So gedrückt auch diese damals waren, hatte sich doch in dem Ghetto eine starke Aristokratie herausgebildct, und ^iebus-, das heißt vornehme Abstammung, große Gelehrsamkeit, Stadlonis, das heißt Einflußnahme auf die Machthaber, und endlich, wie zu allen Zeiten, großer Reichthum verliehen Ehre und Glanz. Israel Brandcis vereinigte in seiner Person alle die vorbenannten Vorzüge und Eigenschaften. Er entstammte von Vater und Mutter Seite den edelsten Familien der Judenhcit. Die Primatorenwürde war seit mehreren Generationen in seinem Hause erblich. Sein Großvater, Maier und sein Vater Moses, hatten beide mehrere Jahrzehnte dieses hohe Amt in der Prager Gemeinde bekleidet. Mutterseits stammte er vom hoben Rabbi Löw ab. Er besaß ein fürstliches Vermögen, großes talmudisches Wissen, stand bei den kaiserlichen Behörden in hohem Ansehen und war ein überaus wohlthätiger und auch kluger, cngergischer Mann. Daß er aller seiner Vorzüge bewußt, und dies auch erkennbar war, that seiner Amtsbefähigung keinen Abbruch, im Gegentheil es vervollständigte dies seine Eignung zu seiner hohen Würde, es verstärkte den gewaltigen Eindruck seine imponirenden Persönlichkeit. Die Prager Judengemeinde war damals die größte in Deutschland, sie zählte mehr als zehntausend Seelen und nahm eine weit günstigere Stellung als

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