Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 41 (23.5.1895)
- Date
- 1895-05-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448599--40794-2489723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
770 gesagt, Unkontrollirbarkeit gegen eine jährliche bestimmte Summe an den Gemcindebund verkaufen würden, Nachtheile, welche die gesummte Deutsch isr. Lehrerwelt träfe. Zu diesem Aufgeben der Selbstständigkeit, die auf die Dauer zu empfindlichen Schädigungen führen kann, würden für die orthodoxen Lehrer aber auch noch andere, auf dem geistigen Gebiete zu suchenden Bedenken treten, die, wenn sie ins praktische Leben umgesetzt werden, von den schwerwregeuften Folgen begleitet sein könnten. Der Vorstand des Gemeindebundes ist in seiner Mehrheit oder vielleicht ganz aus Mitgliedern zusammengesetzt, die in Wort und Leben der Reform huldigen. Liegt unter diesen Umständen nicht die Befürchtung nahe, daß er im Vorstande des Lehrerbundes, innerhalb dessen religöse Fragen in Bezug auf Schule und Lehrer unzweifelhaft zu Tage treten werden, seinen Einfluß durch sein deputirtes Vorstandsmitglied dazu benutzen werde, seine reformistischen Ideen in die Lehrerkreise zu tragen? Das höchst auffallende und zugleich beharrliche Verlangen des Gemeindebundes nach einem Sitz im Vorstande des Lehrerverbandes läßt die weitere Befürchtung aufkommen, daß er in Folge seines gesteigerten Einflusses auf die Lehrer und Gemeinden für die Zukunft Bestrebungen im Auge habe, die dahin zielen, sich zu einer allgemeinen Behörde der isr. Lehrer und isr. Gemeinden des deutschen Reiches, zu einer Art von Kirchcnbehörde, Oberrath oder Consistorium auszugcstalten. Ein so innige Verbindung mit dem Lehrerverbande, wie sie der Gemeindebund anstrebt, wäre eine bedeutende, nicht zu unterschätzende Stufe zur Erglimmung jenes Höhepunktes. Diese Befürchtungen der orthodoxen Lehrer und der deutschen orthodoxen Israeliten überhaupt, würden nicht beseitigt werden können, wenn auch der jetzige Vorstand des Gemeindebundes klar und bündig öffentlich die Erklärung abgäbe, daß ihm solche Bestrebnugen ganz und gar fern siegen; die Menschen wechseln rasch; noch rascher jedoch ihre Ideen und Ziele; woran der D.-J. G.-B. vielleicht (!) heute noch nicht denkt, das kann er in den nächsten Jahren vielleicht erstreben, und geschieht es nicht von dem jetzigen Vorstande, so könnte dies von seinem Nachfolger zur Ausführung gelangen. Welcher Zwietracht und welche Wirren aber wiirden innerhalb der deutschen Judenheit von Neuem entstehen, wenn der Gemeindebund mit Hilfe des Lehrerverbandes je zu einem so hoch angelegten Ziele gelangte? Dieses traurige Bild zu schildern, überlasse ich andern Federn. Die strenggläubige, sogenannte orthodoxe Partei innerhalb der Judenheit ist mit allem und vollen Recht von jeher die größte Gegnerin aller derartigen kirchlichen oder geistlichen Behörden, weil in praxi es sich gezeigt hat, daß diese zur Ertödtung des echt religiöse» Lebens in der jüdischen Eonfession, in den Ländern, wo solche Behörden eingesetzt sind, in hohem Maße beigetragen haben. Aus all diesem erfolgt klar und deutlich, daß die Lehrer, wenn sie den Frieden wie bisher auch fernerhin unter sich und unter den Gemeinden wahren wollen, den verlangten Vertrag mit dem Gemeindebunde nicht abschließen dürfen, und noch klarer und deutlicher, daß, wenn dies wider Erwarten doch geschehen würde, alle orthodoxen Lehrer im deutschen Reiche diesem BUndniß mit dem Gemeindebunde sich nicht anschließen, unter keiner Bedingung, also nie unv nimmer unter die Oberaufsicht des Gemeindebundes sich stellen können und werden. In neuerer Zeit hat die in allen Ländern gewährleistete Gewissensfreiheit staatliche und jüdische Behörden zu der Ueberzeugung gebracht, daß in richtiger Würdigung dieser Gewissensfreiheit in Glaubenssachen man auch den Minoritäten gerecht werden müsse. Für diese Anerkennung haben die Orthodoxen in den letzten fünf oder sechs Jahrzehnten mit allem Opfermuthe gekämpft, und, Gott sei es gedankt, das Ziel ist erreicht. Selbst in der Hochburg der Reform, in Württemberg, steht nunmehr der israel. Kirchenrath nicht an, es unumwunden dem Kultusminister gegenüber auszusprechen, daß er fest gewillt sei den beiden Parteien der jüdischen Eonfession, den Orthodoxen und Reformern, ihren Bedürfnissen entsprechende religiöse Einrichtungen zu treffen, eine Willensäußerung, die von dem Kultusminister mit großer Befriedigung ausgenommen worden ist. In Hessen ist es die Regierung, die ihren Willen kund gegeben, daß in der Provinz Starkenbnrg neben dem Reformauch ein orthodoxes Rabbinat ins Leben gerufen werde. Um diesem Gewissenszwang zu entgehen, ist es daher Pflicht aller isr. Lehrer, daß sie einen selbstständigen Lehrerverband gründen, in dem sie ihre Angelegenheiten unbeeinflntzt regeln können. Und wenn auch in der Lehrerwelt die verschiedenen religiösen Anschauungen innerhalb der gegenwärtigen Judenheit zu Tage treten, werden sie bei gutem Willen — und den haben sie und haben es schon seit Jahren in ihren Lehrervereineu auf das evideudeste gezeigt — die Klippe zu umschiffen verstehen, welche sie in religiöser Beziehung trennt. Haben sie doch so viele innere und äußere, pädagogische und materielle Fragen zu lösen, daß sie die Schlichtung religiöser Verschiedenheiten den Rabbinen und Gemeinden ruhig überlassen können. Dann werden die Folgen eines selbstständigen Lehrerverbandes segensreich sein nicht blos für die Lehrer, sondern auch für die gesammte Judenheit des deutschen Reiches. Ginge jedoch trotz alldem das Project des Gemeindebundes durch, dann wäre die erste Folge, daß alle orthodoxen Lehrer des deutschen Reiches zunächst aus den Lehrervereinen austreten — und das wäre für diese Vereine ein höchst empfindlicher Schaden — und der Zwiespalt unter den isr. Lehrern wäre unüberbrückbar vorhanden. (Ich will es bei dieser Gelegenheit gleich festnageln, daß dann nicht die orthodoxen Lehrer den Bruch herbeigeführt hätten, sondern die Vota der Lehrervereine, durch welche die ersteren in Wahrung ihrer Gewissensfreiheit zum Austritte aus denselben gezwungen worden wären.) Aber auch dieser gemeindebündliche Rumpf-Lehrerverband würde früher oder später den Weg alles Fleisches gehen.' ^Dennj alle und jede ersprießliche Thätigkeit