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Der Israelit · 1895-05-20 · Heft 40 (20.5.1895) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 40 (20.5.1895)
Date
1895-05-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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754 der antisemitische Janhagel hat den so lange begehrten Stuhl in Händen — die Frage dreht sich aber um „Was nun?" In Wien ist gestern Dr. Lueger zum Vize-Bürgermeister gewählt worden. Das bedeutet eine sehr ernste Krisis sür die Stadt W^en. Das große deutsche Gemeinwesen, das die Fahne des Fortschritts und der Gleichberechtigung auch in dm schwersten Zeiten der Reaklion hochgchalten hat, läuft Gefahr, gänzlich in die Hände der Antisemiten überzugehen. Eine wüste, auf die niedrigsten Leidenschaften der Menge spekulirende Agitation verstand es, in jahrelanger Verhetzung das gutmüthigste Volk der Erde in eine Gegnerschaft mit dem Judenthum zu bringen, an die man in der Phäakenstadt nie gedacht hätte. Das Kleinbürger- Ihum wurde mobilisirt, der Kleingewerbrstand, der im Kampf ums Dasein dem Großgewerbebetrieb unterliegt, auf die Rennbahn berufen, und nun ging es gegen die Juden los. Der „dumme Kerl von Wien," der bürgerliche Mittelstand, schloß sich der „Hetz" an, er folgte den Schlagworten gewisser Führer, und von Jahr zu Jahr nahm die Verblödung Wiens zu. Der Wtener Gemcinderaih zählt heute bereits neben 62 Liberalen, 64 Antisemiten und 12 Parteilose, sodaß die Entscheidung über das Wohl der Rctchshauptstadt in die Hand der Antisemiten gelegt ist. Führer dieser Gesellschaft, die sich auch auf das christlich soziale oder katholische Gebiet hinausspielt, ist der Hof- und Gericktsadvokat Dr. Lueger, ein Mann, der wie ein Chamäleon die verschiedenartigsten Wandlungen durchzemacht hat. Er war radikal, liberal, judenfreundlich; — er erhielt von den Inden für eine Berrhcidigung eine Busennadel mit den zwei Gesetzestafeln, und er trug sie Jahre lang. Dann endeckte er sein antisemitisches und katholisches Herz, er wurde der rücksichtslose Agitator, dadurch Landtags- und Reichsraths-Abgeordneter. Nun mag seine Partei die Versprechungen erfüllen, die sie „dem kleinen Mann" von Wien gemacht hat! Wien, 7. Mai. Die letzte Sitzung vor dem Eintritte der neugewählten Gemeinderäthe brachte noch eine Judeühctze. D'e Frage, welche dazu die Handhabe bieten mußte, war der Entwurf für die Organisation des Gemeinde-Sanitätsdiensds in Wien. Unsere antisemitische Opposition ließ sich diese Geleoenheit nickt entgehen, den jüdischen Aerzien eins am Zmqe zu flicken und sich über die Protection zu beklagen, welche dm jüdischen B werden um städtische Armenärztenstellen zu Theil werde. Man hatte heule Gelegenheit, einen Vorgeschmack von den Debatten zu erhalten, die nun bevorstehm. Mit dem heutigen Tage scheiden aus dem Gemeinderäthe neunzehn Mitglieder, von denen mehrere der Stadtvertretung durch Decennien angehörten, fast alle aber sich in vermiedenen Zweigen der städtischen Verwaltung große Verdienste erworben haben. Sie machen neuen Männern Platz, die bisher nichts geleistet haben und in der Verwaltung vollständig unerfahren sind. Die Zeit wird lehren, ob die Wählerschaft Recht hatte, als sie diesen Wechsel vornahm. Pesth, 7. Mat. (Dte Renngewinne des Baron Hirsch.) Baron Hirsch hat seine Gewinne auf der Rennbahn auch in diesem Jahre wieder den Anstalten für wohlthätige Zwecke in London überwiesen. Die Summe beträgt 5005 Gntenas. Baron Hirsch hat jetzt bere.ts diesen Anstalten im Ganzen 58.850 Guineas gespendet. Budapest, 16. Mat. Der Gesetzentwurf über die R ception der Inden wurde durch Stichentschetd des Präsidenten, da 96 Magnaten sür und 96 gegen den Entwurf stimmten, mit Ausnahme des vom Uebertritt handelnden zweiten Paragraphen angenommen. — Betreffs der Kirch.nvorlagen beabsichtigt die Regierung die Ausscheidung des Uebertrittsparagraphen aus der Rec ptton, um diese zur Sanktion unterbreiten zu können und über den Uebertritt, mit der Konfessionslosigkeit vereinigt, neuerlich verhandeln zu lassen. Trieft, 30. April. Der Wohlthätigkeitssinn der Titester Cultusgemeinde ist allgemein bekannt, und welcher Fremde hteher kommen mag, kann sicher sein, daß er nicht umsonst die Hilfe des Gemcindesäckels in Anspruch genommen hat, falls er sich an denselben wenden sollte. Auch am vergangenen Peßachfeste hat sich dieser schöne Wohlthättgkeitsstmr wieder bewährt. So erhielten alle hier aas der Durchreise befindlichen Fremden und ebenso auch alle Jene, die darum ansuchten, während, der acht Festtage Gratisverpflegung auf Kosten * der Gemeinde. Nebstdem wurden 4000 Kilogramm Mazzos und 1000 fl. in Baarem an die hier ansässigen Armen vertheilt. — Die berühmte jüdische Bidlrothek der Familie Triesta in Padua wurde an das Landesrabbiner-Seminar in Budapest verkauft, wo dieselbe zur Stunde schon etngetroffen ist. Schade, daß dte reiche jüd. Gemeinde in Triest gar nicht daran gedacht hat, diesen Bücherschatz für unsere Stadt zu erwerben. Wie verlautet, soll diese ganze Bibliothek, dte auch kostbare jüd. Manusccipte enthält, im Ganzen nur 15000 fl. gekostet haben. Rußland. Petersburg, 10. Mat. Bor Kurzem konnte ich auf Bestrebungen innerhalb der Intelligenz Finnlands Hinweisen, deren Zweck eine Befferung

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