Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 39 (16.5.1895)
- Date
- 1895-05-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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740 im Sitzungssaale der Kultusgemeinde unter Leitung des Präsidenten Herrn David Ritter von Gutmann statt. Aus dem Berichte entnehmen wir, daß die Förderung der Erziehung durch Hebung des Schulunterrichts in armen Gemeinden als eine der wichtigsten Aufgaben behandelt wurde. 24 Gemeinden werden angeführt, die zu diesem Zwecke unterstützt wurden. Ferner wurden Unterstützungen zu Theil der Königswarter-Stiftung tn Meran, dem Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studtrcnder in Wien, dem russisch-akademischen Verein in Wien, dem akademischen Verein „Humanitas" in Graz, dem Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten in Wien, dem juridischen Unterstützungsvercin an der Universität in Wien, dem Centralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag für dessen Handwerker-Abtheilung, der Lesehalle in Zaleszczykt, dem Thoras-Emeß-Verein zu Mattersdorf, dem Theresten Kreuzer verein in Wien, dem Verein zur Unterstützung der Untversitätshörer in Lemberg u. s. w. Weiter wurden Frauen und Kinder aus Rußland unterstützt, die sich zu ihren Angehörigen nach Frankreich, England und Amerika begaben, wo sie sich bereits eine Existenz begründet hatten. Speziell für die Unterstützung russischer Juden wurden 17.719 fl. verwendet, für Schulzwecke wurden 3993 fl, für litterarische Zwecke 2233 fl., für sonstige Htlfszwecke 357 fl. ausgegeben. Die Mitglieder hatten 13,158 fl. betgesreucrt, an Spenden sind 1925 fl. eingeflossen. Wien, 14. Mai. Im Abgeoidnetenhause interpellirte Abg. Exn er über die ünUftmittschen Predigten des Pfarrers Dc ckert in Weinhaus und fragt, ob die Negierung die strafrechtlichen Handlungen des Pfarrers Deckert der gesetzlichen Sühne zuführen und deren Wiederholung verhindern werde. Wien. (Oberkantor Gold st ein.) Samstag den 25. d. feiert Herr Josef Goldstein, Oberkantor der Wiener israelitischen Kultusgemetnde, seinen 60. Geburtstag und zugleich das 37. Dienstjahr seines kantoralen Wirkens am Leopoldstädter Tempel. Josef Goldstein, der berühmteste Temp.lsänger der Gegenwart, dessen phänomenale, herrliche Tenorstimme Tausende von Zuhörern stets entzückte, begeht diesen Tag im Vollbesitze seiner gewaltigen Stimmmittel und ist ungebrochener Frische. Aus dem Kreise angesehener Gemeindemitglteder hat sich ein Komite gebildet, um in festlicher, den Jubilar ehrender Form diesen Tag zu feiern. Es werden sich hierbei selbstverständlich seine Amtskollegen, die Mitglieder des österreichisch-ungarischen Kantoren- Vereins, insbesondere aber der Gisammlvorstand der Wiener israelitischen Kultusgemetnde, sowie seine zahlreichen auswärtigen Freunde in hervorragender Weise bethetligen. Wien, 15. Mai. Das hiesige Strafgericht hat gegen Pfarrer Deckert wegen baffen gegen die Juden hetzenden Predigten Erhebungen etngelcitct. Budapest, 15. Mai. (MagnatenHaus.) Der Gesetzentwurf betreffend die R ception der Juden erzielte Stimmen-Gleichheit: 107 gegen, 107 für. Der Präsident entschied zu Gunsten des Gesetzes, welches zur Grundlage der Spezial-Debatte angenommen wurde. Der erste Paragraph wurde angenommen, der zweite, der vom Ueberrritt handelt, wurde mit 11 Stimmen Majorität abgeleynt. Preßburg, 6. Mai. Bezugnehmend auf die Notiz aus Fulda vom 2. Mat kann ich H. Grü n ebaum mittheilen, daß ich diesen Fall schon vor 13 Jahren in Regensburg zu konstatiren Gelegenheit hatte. Moritz Hosner ibid. vermischtes. (Der antisemitische Postkutscher.) Der Postkutscher Sebastian Neustift machte sich unlängst den Scherz, neben einem Zuge in die Kaserne zurükkehrender Einjährig-Freiwilliger einherzuretten und denselben Commandos zuzurufen. Dieser Vorgang rief begreiflicherweise die ungezügelte Heiterkeit der Stratzenjugend hervor, welche miteinstimmte in das Commandrren. Als der Postkutscher deshalb zur Rede gestellt wurde, meinte er: „Das macht nix, das san so lauter Juden!" Das Bezirksgericht Landstraße, vor dem sich Neustift kürzlich wegen dieses Vergehens zu verantworten hatte, sprach Neusttft frei, und zwar mit der merkwürdigen Mottvirung, daß das Commandiren des Geklagten keine Verhöhnung involvtre, weil sonst sich jeder Soldat beleidigt fühlen müßte, wenn sein Vorgesetzter ihm ein Commando srthetle. Was den Ruf: „Es san so lauter Juden!" betreffe, so liege darin gleichfalls keine Beleidigung, weil die Juden eine anerkannte Religionsgenossenschaft seien. Gegen dieses Uctheil wurde die Berufung eingelegt und der gestern unter Vorsitz des Landesgerichtsrathes Grom an n tagende Appellsenat war wesentltch anderer Ansicht. Der antisemitische Postbedienstete wurde zu einer Woche Arrestes verurtheilt und mottvirte der Vorsitzende, daß in dem Ausdrucke: „Es san so lauter Juden", das Verhöhnende durch das Wörtchen „so" ganz sichtlich zum Ausdrucke gelangte. Berlin, 17. März. Wie sich die antisemitischen Gesellen vergnügen, wie sie mit der Wahrheit umgehen und mit dem Gesetz Spott treiben, dafür lieferte ein gestern vor der 141. Abtheilung des Amtsgerichts I. verhandelter Proceß typische Beispiele. Der Schneider Soult besitzt Schützenstratze 18/19 eine Werkstatt, in der mehrere „Platzgesellen", d. h. Leute, die selbstständig arbeiten, thätig sind. Diese Anhänger Ahl-