Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 39 (16.5.1895)
- Date
- 1895-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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»-^r^r^LU?*-. >-ff/-t'TV't^fs?tmjLae*rz&T\*-z' 738 des Einzelnen wie der Gesamtheit zu sichern vermögen, die Religion wollten sie dabei keineswegs gtrrzlich verstoßen. Ueber den Rabbi, den Vertreter derselben, fielen sie her: „Spiel uns auf Alter." Sie wollten sich am Taumel der Zeit berauschen; die Religion sollte ihnen dazu aufsptelen, die Musik dazu machen und sich auf diese Weise den Forderungen der Zeit gegenüber nützlich machen! — Indes schaute jener, wie ihnen bereits das Haus über dem Kopfe zusammenzubrecheu drohte, so sehr hatten sie schon jeden kräftigen moralischen und religiösen Halt verloren. Trotzdem schlief der Eigenthümer dabei ganz ruhig, als wäre keine Gefahr vorhanden. Nun stimmte ihnen R. Simeon b. Chalafta einen ohrenbetäubenden, ernüchternden Gesang an: Nur der Anfang der Sünde ist süß, das Ende aber ist bitter!" Der Träumer erwachte — es war zu spät! Die Religion muß, was der Leichtsinn unrettbar zerstört hat, dem Verderben überlassen. Sie wird dem jedoch niemals mit Schadenfreude ins Gesicht schauen. Wie so oft, so trat sie auch damals als Retter auf, um, was noch rettbar ist, dem Verderben zu entreißen. DaS ist ein Spiegel, in welchem man die Ereigniffe und das muthmaßltche Geschick auch der Gegenwart schauen kann. Wollen wir uns bei Zeiten eines bessern besinnen, dann dürfen wir uns den Bedürfnissen und vermeintlichen Forderungen der Zeit nicht auf Gnade und Ungnade auSltefern, dürfen über das Zeitliche nicht das Ewige vergessen. Wo Zeitliches und Ewiges in Widerstreit geratheu, da haben wir nicht alleine darüber zu befinden. Die Religion muß ebenfalls zu Worte kommen! Denn die Religion hat für die Roth der Zeit ein Herz und sucht ihr Gerechtigkeit widerfahren zu laffen. Israels Herz hat niemals an zeitlichen Gütern ausschließlich sein Genüge gehabt. Das aus Egypten ziehende Sklavenvolk hatte eben die Freiheit gewonnen. Wie glücklich mußten sie sich als Menschen fühlen! Wie mußten sie, menschlich betrachtet, die Gunst des Augenblickes in vollen Züge» schlürfen, an deffen Genuß sich berauschen! Doch nein, die Freiheit hatte für sie nur Werth, wenn sie ihnen eine Grundlage wurde, um darauf die Pflanzungen der Ewigkeit gedeihen zu laffen. Darum zählten sie in brennender Sehnsucht die Tage und Wochen bis zu jenem großen weltbewegenden ersten Schowuausmorgen, wo sie am Abhänge des flammenden Sinai der Offenbarung Gottes lauschen durften. Jetzt erst fühlten sie sich auf dem Höhepunkte des Lebens, da sie dem flüchtigen Rahmen der Zeit einen ewigen Inhalt geben konnten. Denn groß ist die Zeit, größer die Ewigkeit! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Ls. Berlin, 5. Mai. An Stelle des am Schluß des letzten Semesters verstorbenen Dozenten Dr. von G cyckt liest jetzt an hiesiger Universität der Professor der Teologie, Kunze, eine von Studierenden aller Facultäten zahlreich besuchte öffentliche Vorlesung „Geschichte der Ethik." Professor v. Jhering sagte mit Bezug auf sein die „geschichtlich gesellschaftliche Ethik" schilderndes Buch, er habe nur die reife Frucht vom Baum der Zeit zu brechen gehabt, und in der That hat man sich tm letzten Jahrzehnt mehr als je mit der Ethik beschäftigt, wie die Werke von Wundt, Stetnthal und dem leider so früh verstorbenen Gicyck! beweisen. Professor Kunze unternimmt die für die heutige Zeit und angesichts gewisser Strömungen doppelt wichtige Aufgabe, die ethischen Anschauungen aller Völker und Religionen unparteiisch den Studierenden zu schildern. Bezüglich der Ethik des Judenthums nannte er in seiner Vorlesung in letzter Woche in der Litteraturüberstcht als sehr zur Einführung in die viel geschmähte Talmudmoral geeignet den Studierenden dle bekannte Schrift „Der wahre Talmudjude" von Albert Katz. Es ist heute, wo die antisemitischen Schlagworte auch Hörsälen der Universitäten nicht mehr fern geblieben sind und auch unter die Studierenden in jedem Semester neue Söldlinge für den Raccnhaß angeworben werde», der Erwähnung nicht unwerth, daß ein Lehrer der christlichen Theologie den Muth gehabt hat, leine Zuhörer ohne Voreingenommenheit auf den Quell der Sittlichkeit im Talmud aufmerksam zu machen. Gerade jetzt, wo der Talmud von gewissenlosen Agitatoren verdächtigt wird und man eifrig dabet ist, auch dem jüngeren Nachwuchs der Theologen den unbefangenen Blick zu trüben, ist es wichtig, daß von autoritativer Stelle auf das Werk htngewiesen wird, das mit seinem genauen Quellennachweis vieler talmudischen Belegstellen die Möglichkeit gewährt, sich selbstständig darüber zu unterrichten, wie die talmudische Ethik sich an die Aufgaben des täglichen Lebens aufs engste anschließt. Ein an derselben Universität wie Kunze lehrender jüdischer Professor hatte vor Jahren versprochen, ein über die Ethik des Juden-- thumS orientierendes Werk zu schreiben und mit dem Sammeln der talmudischen Belegstellen begonnen; bisher ist das Werk nicht erschienen und doch ist jede Arbeit sehr wichtig, welche Aufklärung über den Talmud gewährt in einer Zeit, in der selbst die pathologischen Paradoxen eines Nietzsche als „Herrenmoral", „autonome Sittlichkeit" bewundert werden.