Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 39 (16.5.1895)
- Date
- 1895-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gewöhnlich wird von dieser Frage gerade nicht soviel Aufhebens gemacht. Im allgemeinen entscheidet man sich heut zu Tage zu Gunsten der Erde. Und auch diejenigen Herren, welche sich in unserer Mitte mit einer gewiffen Gespreiztheit israelitische Theologen nennen, sie verkünden es von den Kanzeln: Ja die Religion müsie sich dem Zeitgeiste, den Zettverhältniffen oder wie sonst die Redensarten heißen, fügen." Damit finden sie gar großen Beifall, die gedankenlose Menge jauchzt ihnen zu. Wenn wir es ablehnen, in diese Redensarten miteinzustimmen, so soll dies nicht als ein Zeichen gelten, daß unsere Wissenschaft an deren Höhe nicht heranreiche, auch nicht als ein solches, finsterer, bildungsfetndlicher Gesinnung. Auch geschieht es nicht darum, weil von diesem Standpunkte aus an dem Beifall der Menschen nichts gelegen sei, oder daß man ihn gar verachte. Lehren uns doch die Weisen beten: dini 'p!w ’tjq xd bxtn in nsdji, daß wir Gunst und gute Würdigung in den Augen Gottes und der Menschen finden! Was betrachten wir als eine der höchsten Errungenschaften unserer Beschäftigung mit der heil. Lehre? an* yi xnp), daß man uns allgemein liebwerthe Freunde nenne! Allein wenn wir nach dem Wohlgefallen bet Menschen streben, so haben wir höhere Gesichtspunkte anzuwenden, um das zu erreichen. Wir dürfen um des Beifalles der Menschen willen, nicht das Wohlgefallen Gottes, opfern; darum ”pV« »rya mv ton in nsdji und dann d“ini. Ruft man jedoch, wie so vielfach üblich, aus vollem Halse in die Menge hinein: die Religion müsse sich den Zetiverhältniffen fügen — kann man sich alsdann noch einreden, daß die Schwierigkeiten gelöst seien? Heißt das nicht vielmehr den Knoten zerhauen, statt daß er aufgelöst und kntschürzt werden sollte? Heißt daS nicht die Religion, als das Ewige, der Zeit, als dem Bor. gänglichen, geopfert? Ist das überhaupt noch Religion, Religion Israels, was nach solcher Verstümmlung zurückbleibt? Auf welchem andern Gebiete, das sich mit wichtigen Angelegenheiten der Menschen befaßt, wagt man es, die hohle, blasterte Redensart, so unbedingt herrschen und entscheiden zu lasten? Was würde wohl die bessere Gesellschaft dazu sagen, wenn jemand einen Rechtsbruch damit entschuldigen wollte, daß es vor dem Zettgeiste keinen solchen bedeute, da ja nach dem modernsten Philosophen, nach Nietzsche, man sich ohne Gewistensscrupel „jenseits von Gut und Böse" befinden kann? Wie, wenn unreife, wüste Jünglinge, die den aufschäumenden Begierden blindlings nachgeben, mit gleichem, nein mit größerem Rechte die Z^iiveryältniffe für sich und ihr Thun geltend machen? — Doch hören wir, was unsere Weisen zu solchen Gesinnungen sagen. Einer von den Großen der Stadt Sepporis — so erzählt uns na-, r6np mo z. St. mbb ny — feierte das Beschneidungsfest seines Kindes. Dahin begab sich auch Rabbi Simeon den Chalafta. Unterwegs begegnete er vor einem Gehöfte einer Schaar von Kindern, welche spielten. Da sie den schönen, stattlichen Greis bemerkten, umringten sie ihn und riefen: „Nun spiel uns auf Alter, spiel uns auf. sonst lasten wir Dich nicht i" Doch jener sprach: O, sehet ihr denn nicht, daß ich ein schwacher, ermatteter Greis bin?" Allein sie ließen dennoch nicht von ihm. Da wurde er auf einmal gewahr, wie das Gebäude inmitten des Gehöftes mit dem Zusammenbruch drohte, während dcffen Eigenthümer sorglos daneben schlief. Nun wohlan, sprach er, ich will auch auffpielen, doch finget mir nach so laut, daß der Schläfer dort erwache. Und er sang ihnen vor und sie fielen ein und sangen nach: „Ha, ha, nur der Anfang der Sünde ist süß, das Ende aber ist bitter!" Da erwachte der Schläfer und stand entsetzt vor dem Zusammenbruch seines Hauses. Er warf sich vor die Kniee des Greifes und flehte: „O, vergieb ihnen doch, sie sind noch jung und thörtcht und wissen nicht, waS sie thun." Er aber sprach: Rette schnell was noch zu retten ist, der Sturz des Hauses ist unvermeidlich! — Wenn wir diese harmlose Erzählung etwas tiefer auffasssn, so wird sich leicht ergeben, daß es sich dabei nicht sowohl um die Darstellung eines äußern Ereignisses, als vielmehr um die Wiedergabe eines innern Gedankenvorganges handelt. Rabb. Simeon b. Chalafta lebte in einem Zeitalter, wo alles dem Auginbltck, seiner Lust und Zerstreuung blindlings huldigte. Wie die Kinder ließen sie sich von den äußeren Eindrücken der Freude und des Schmerzes ganz beherrschen. Sie vergaßen darüber die Heiligthümer, welche nur alleine den Bestand