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Der Israelit · 1895-05-13 · Heft 38 (13.5.1895) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 38 (13.5.1895)
Date
1895-05-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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725 Die „Wacht an der Ruhr" hat m wachen, d. h. zu schimpfen und zu Hetzen aufgehört. Rußland. Riga. Die Tyrannei der Polizei und der unteren administrativen Organe gegen die Juden ist immer noch schrecklich. Am 27. März zur Mittagszeit erschienen hier plötzlich einige Polizet- Commiffäre mit mehreren Schutzmännern am großen Börsenplatz und veranstalteten eine Hetzjagd auf sämmtliche Juden, die in der Umgegend der Börse (es war kurz nach Schluß der Börse) sich befanden. Die Polizisten drangen auch in die umliegenden Cafes und schleppten alle jüdische Kaufleute, die dort mit ihren christlichen Geschäftsfreunden saßen, fort und zur Polizeiverwaltung. Nahe an vierhundert Juden wurden so durch die Straßen zur Polizei geschleppt, unter dem G johle der Straßenjugend und zum Erstaunen der christlichen Stadtbcvölkerung, die unter den „Eingefangenen" viele bekannte, angesehene Kaufleute erblickte. Auf der Polizei anqelangt, mußten die „Gefangenen" vier Stunden stehend verweilen, bis sie vorgenommen wurden. Endlich begann das „Verhör": es wurde Jeder über seine Herkunft befragt, diejenigen, die sich als Riga'sche Bürger oder Kaufleute legitimiren konnten, wurden entlassen, natürlich ohne jede Entschuldigung und Motivirung dieses beispiellosen Gewaltactes. Diejenigen aber, die als Nicht-Rigenser befunden wurden, wurden sofort, unter Begleitung von Polizisten, zum Bahnhof befördert und gezwungen, mit dem nächsten Zuge nach ihrem betreffenden Heimathsorte zurückzufabren. Unter diesen befanden sich viele Kaufleute erster Gilde, die das Recht haben, im ganzen russischen Reiche sich aufzuhalten, und der Rest waren sonstige Handelsleute, die nach dem Gesetze geschäftshalber auf bestimmte Zeit überallhin kommen dürfen — aber die Riga'sche Polizei kümmerte sich wenig um die Berufung der Leute auf die „bestehenden Gesetz:", und die „fremden" Kaufleute mußten sofort Riga verlassen, obwohl ihre Geschäfts Angelegenheiten sie für längere Zeit in Riga zurückhielten. Am folgenden Tage geruhte der Gehilfe des Polizeimeisters (der Polizeimeister selbst wie auch der Gouverneur waren zur Zeit abwesend von Riga) einigen Riga'schen Juden, die sich über die unerhörte Willkür beklagten, das Motiv zu dieser Razzia mitzuthetlen: Nach dem neuen Paßreglement nämlich muß jeder Jude ausnahmslos, sobald er in einer fremden Stadt ankommt, unverzüglich seine Ankunft bet der dortigen Polizei anmelden und sie um eine Aufenthalts-Erlaubniß ersuchen, unbekümmert um die Erlaubniß, die das bestehende Gesetz ihm, sei es als Kaufmann erster Gilde oder als akademisch Gebildeten, gewährt. Nun hatte die Riga'sche Polizei in Erfahrung gebracht, daß die nach Riga angereisten Juden diese Bestimmung (die übrigens noch Keinem bekannt war) nicht erfüllten, und um dem neuen Gesetze Geltung zu verschaffen, sah sie sich veranlaßt, diese Razzia in der Umgegend der Börse, wo die meisten zugereisten Juden zu treffen stad, zu veranstalten. Das ist eine kleine Illustration zu dem „freieren Geiste", der jetzt in Rußland herrschen sollt Italien. (r>) Rom, 28. April. Unser Cultusvorstand, welcher die Mazzos-Erzeugung selbst in die Hand genommen, um den Profit davon den Armen der Gemeinde zukommen lassen zu können, hat heuer ca. 15,000 Kilo dieser ungesäuerten Brode anferttgen lassen. Von dieser Quantität hat dann die Armencomm ssion 7000 Kilogramm im Betrage von 4,500 Lire übernommen, um sie an die Armen und Bedürftigen der Gemeinde, deren Anzahl 700 beträgt, zu vertheilen. Der Reingewinn an diesem Unternehmen hat Heuer etwa 2000 Lire betragen, der nun in drei Theile geschieden wurde, von denen je einen Theil die genannte Armencommisfion, dann das Asyl für Greise und die Talmud-Thoraschule erhalten werden. Frau Emilia Efrati (»ms«) Wittwe nach dem im vergangenen Jahre an der Cholera verstorbenen Alberto Campagnano, hat der hiesigen Catalonischen (sephardtschen) Synagoge eine Sefer-Thora mit zwei prachtvollen Mäntelchen und Silberschmuck geschenkt, die der berühmte jerusalemitanische Rabbiner, Rabbi Jakob AroVas, geschrieben. > Vermischtes. Mannheim, 3. Mai. Der 21jährige Redakteur des antisemitischen „Badischen Bolksboten", Ad?.m Sch w aiger von Karlsruhe stand heute unter der Anklage eines Vergehens gegen § 100 R. G. B. vor deni Schwurgericht. Nr. 04 der genannten Zeitung vom 1. Dez. v. Js. enthielt einen Artikel: „In den moral", in dem die Behauptung, der Talmud erlaube den Juden nicht nur Raub, Mord, Diebstahl, Betrug und sonstige Schandthaten den Christen gegenüber, sondern lege ihnen sogar solches als Gewissenspflicht auf, zum Ausgangspunkt eine Reiher unfläthiger 'Angriffe auf die Juden gemacht wurde. Der Angeklagte erklärte, es sei ihm fern gelegen, die Juden als Religionsgemeinschaft anzugreifen, sein Angriff gelte der Nation, der Nasse. Der Talmudkenner, Rabbiner Dr. Steckelmacher, der als Sachverständiger vernommen wurde, widerlegte die Behauptung, als enthalte der Talmud Aufforderungen zu Verbrechen, in einem gründlichen Vortrag. Der Talmud besitzt die Tendenz: Was Du nicht willst, das man Dir thu', das füg' auch keinem andern zu. Der Lertheidiger

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