Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1895)
- Date
- 1895-05-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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724 Thatfachen zu beleuchten und zu beweisen, daß es gradezu eine Herabwürdigung der Orthodoxie wäre, deren Amtsrabbiner von der Hauptstadt zu verbannen und nur der Reform das Recht eines Amts- Rabbiners in der Hauptstadt einzuräumen; wir begnügen uns um somehr mit dieser Ausführung, da die Angelegenheit ja so gründlich bereits auch in Nr. 36 des „Israelit" beleuchtet worden ist. Nur das Eine sei zum Schluffe noch erwähnt, daß Gefahr in Verzüge und darum beeile sich jede Gemeinde der Prov. Starkenburg sofort der hohen Behörde zu erklären, „daß der Sitz des Amts - Rabbinats für die Orthodoxen Darmstadt sein solle und daß zum Amts- Rabbiner der Orthodoxen, Herr Rabbiner Dr. Marx in Darmstadt ernannt werden möge. Köln. Wer von Zeit zu Zeit Gelegenheit hat einen Blick in die Zeitungen zu werfen, welche die Interessen der „Mission zur Bekehrung der Juden" und andere wahlverwandtschaftltchen Anliegen vertreten, stößt dabei auf Schritt und Tritt auf Klagen über die Lieblosigkeit und Verfolgungssucht der Juden denjenigen gegenüber, welche dem Judenthnm den Rücken gekehrt und sich zum Christenthum bekannt haben. Wir haben außerhalb der Spalten dieser Blätter in Wirklichkeit zwar nirgends etwas von dieser Lieblosigkeit gefunden, aber jeder halbwegs Unbefangene wird es verzeihlich oder doch begreiflich finden, wenn die Juden von ihren fahnenflüchtigen Elementen nicht sehr erbaut sind und ihnen keine besondere Sympathien entgegen bringen. Unwillkürlich frägt man sich aber, wie man wohl in christlichen Kreisen diejenigen behandelt, welche das Christenthum verlassen und sich zum Judenthnm bekannt haben. Darüber erhalten wir Aufklärung aus der Notiz eines Wiener Antisemitenblattes, welches wörtlich schreibt: „In der Oeffentlichkeit sind in der jüngsten Zeit zwei derartige Borgänge bekannt g> worden und in beiden Fällen wurden die Thatfachen aufgedeckt in den Nachforschungen bei zwei schweren Verbrechen. Die Fälle Eichinger und Hannemann, die wir dabei im Auge haben, sind in der That angethan, Untersuchungen anzuregen über die Wandelungen, die in der Seele und im Geistesleben eines M annes vor sich gehen, welcher vom Christenthum zum Judenthnm Übertritt. Der Uebertritt eines christlichen Retigionsgenossen zum Judenthum erscheint selbst unter den Verhältnissen der modernen Gesellschaft als etwas schwer Begreifliches. Die Abneigung gegen die Personen, die sich dazu herbeilassen, ist so groß, daß man den Betreffenden als einen Ausgeschloffenen betrachtet. Die beiden Verbrecher, Eichinger und Hannemann, haben dieses Gesellschaftliche Urtheil in seiner ganzen Schwere erfahren. Zunächst zogen sich die eigenen Verwandten von ihnen zurück, und zwar nicht die christlichen Verwandten allein; dann die eingeweihten Freunde; dort, wo sie Unterkunft, Arbeit, Verdienst suchten, mußten sie den Vorgang sorgfältig verheimlichen. Dort, wo nur heimlich geflüstert wurde: „Er war ein Christ," war es mit dem Ansehen vorbei, die Stellung untergraben. Immer stellte sich die Frage in den Weg: Welche Jntereffen können den Mann veranlaßt haben, diesen Schritt zu thun? Jede Untersuchung führte zu der Erkenntniß, daß von einer Ueber-- zeugung nicht die Rede sein konnte, wohl aber eine durch Leidenschaft hervorgerufene Verblendung, oder, was noch schlimmer ist, eine vollständige Gleichgültigkeit gegen daS religiöse Gefühl, die im Stande ist, die Religion als Tausch- Objekt zu mißbrauchen." Einem Blatt von dem Kaliber des „Wiener deutschen Volksblattcs" gegenüber wird man stch über solche Leistung nicht wundern. Daß aber ein Blatt wie die „Kölnische Volkszeitung" diese ungeheuerliche Selbstanklage treuherzig nachdruckt, ist auch ein Beweis für die Wandelungen, die in der Seele und dem Geistesleben eines sonst vernünftigen Blattes — der Judenhaß zuwege bringt. Wenn Jemand vom Christenthum zum Judenthum Übertritt, trotz der vorhandenen Abneigung und trotzdem, daß man ihn als Ausgeschlossenen betrachtet, so können eben äußere Vorthetle und Aussichten schlechterdings nicht das Motiv des Glaubenswechsels sein. Dann liegt in dem Uebertritt vom Christenthum zum Judenthum schon eine Garantie für die Wahrheitsliebe des Uebertretenden, welche dem Uebertritt von dem verachteten Judenthurn zu dem domirenden Chrtstenthum abgeht. „Welche Interessen können den Mann veranlaßt haben, diesen Schritt zu thun? Die Herren fallen mit dieser Frage ganz aus ihrer Rolle, direkt in dtejentge hinein, die sie sonst den Juden anlügen, indem sie dt- Frage nach dem Interesse, dem Geschäfte und Profitchen als etwas specifisch jüdisches stempeln! Wenn da von Ueberzeugung nicht mehr die Rede sein kann, dann möchten wir wohl wissen, wo ja noch von ihr die Rede sein dürfte. Wenn Abneigung und Ausschließung das Tausch-Objekt sind, das diese Convertiten für ihr Christenthum eintauschen, dann gehört doch eine wunderliche Logik dazu, in voller Gleichgiltigkeit gegen das religiöse Gefühl, das Motiv eines solch heroischen Schritts zu erblicken! Wir glauben, daß wenn Jemand eine andere Religion annimrnt und dadurch fein Ansehen verliert und seine Stellung untergräbt, daß ein solcher auf einem höheren Niveau steht, als diejenigen, welche seine Stellung untergraben, und als diejenigen, welche dieses Vorgehen ausposaunen, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie sie selber damit über sich den Stab brechen, und glauben den gesunden Menschenverstand bei Juden, Christen und Türken dabei auf unserer Sette zu haben. Von der Ruhr, Ans. Mat. Im wunderschönen Monat Mai, da alle Knospen sprangen, ist unser Antisemitenblatt gar kläglich etngegangen.