Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1895)
- Date
- 1895-05-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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719 mehr vorhanden ist. Uebrigens ist vielen, vielleicht in den meisten Fällen ein mit Tuberkeln (myn) behaftetes Vieh zum Fleischgenuffe verboten. (Vergl. Gemare mit den betreffenden Decisoren). . Stuttgart, 26. April. Am 24. v. M. hat sich in hiesiger Stadt auf Anregung des Herrn Kirchenraths Dr. Krön er eine „Chewra Talmud Thora, Verein zum Studium jüdischer Litteratur und zur Förderung jüdischen Lebens" gebildet, dessen Mitglieder, welche allen Ständen und Lebensaltern angeboren, dreimal wöchentlich in einem von dem Israelitischen Kirchenvorsteheramt in höchst liberaler Weise zur Verfügung gestellten Saale des Rabbinatsgebäudes Zusammenkommen, um die Vorträge des Herrn Dr. Kroner im Talmud (Berachoth), Schulchan Aruch, Mischle und Chowath Halewawotli anzuhören, und sie bringen allesamlnt, insbesondere die Jüngeren, den geistvollen Vorträgen großen Eifer und lebhaftes Interesse entgegen. Anßer in diesem Vereine hält der Herr Kirchenrath auch noch einen täglichen Schiur-Vortrag in Talmud oder Decisoren, an welchem bis jetzt zwei Herren theilnehmcn, zu dem aber bereits für allernächste Zeit eine Anzahl weiterer Theilnehmer angemeldet ist. Der Aufgabe, jüdisches Leben zu fördern und jüdischen Sinn zu verbreiten, widmet sich auch der „Israelitische Jünglingsverein," welcher Wohlthätigkeits- und Geselligkeits-Zwecken dient, hauptsächlich die Förderung seiner Mitglieder auf dem Gebiete jüdischer Litteratur und Geschichte anstrebt. An den allwöchentlichen Vereins- oder Familien-Abenden werden Vorträge aus allen Gebieten jüdischen Wissens und Lebens gehalten. Für die nächste Sitzung ist der Vortrag des bekannten Schriftstellers Osterb erg-Vera koff angekündigt, welcher über seinen Roman „Das Reich Judäa im Jahre 6000" sprechen wird. Der Jünglingsverein zählt etwa 80 ordentliche und 70 außerordentliche Mitglieder. Vor einigen Wochen hat sich ein dritter Verein gebildet. Herr Banquier 5) aus me ist er, welcher als ein sehr idealer, humaner Mann geschätzt und durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Währungsfrage weithin vortheilhaft bekannt ist, berief eine Versammlung von Mitgliedern der hiesigen Gemeinde 'ein, vor denen er in beredten Worten darlegte, wie sehr in Stuttgart ein Verein noth thue, welcher einerseits den antisemitischen Angriffen entgegentrete, anderseits dem israelitischen Publikum Gelegenheit gebe, sich mit jüdischer Geistes- und Cultur-Arbeit bekannt zu machen und daran theilzunehmen. Die warmherzigen Ausführungen fanden lebhaften Beifall, und sofort meldeten sich hundert Herren als Mitglieder des Vereins, welcher seine Thätigkeit im Herbste aufnehmen wird. Schließlich sei noch über eine Angelegenheit von principieller Wichtigkeit berichtet. Bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Mitgliedes der Kgl. Oberkirchenbehörde hat diese Behörde Sr. Excellenz dem Herrn Cnltusminister Sarway ihr Programm ausgesprochen, das dahin geht: „sich über den in den Religionsanschauungen der Israeliten bestehenden Parteigegensatz zu stellen und demgemäß einerseits die orthodoxen Gemeinden in der ihrem Standpunkt entsprechenden Ausübung der Religion in keiner Weise zu hindern,'^andererseits den auf einem freieren Standpunkte stehenden Gemeinden orthodoxe Einrichtungen, welche dem überwiegenden Theile ihrer Mitglieder nicht zusagen, nicht aufzudrängen." Der Herr Minister hat diesen Entschluß der Behörde verschiedenen Herren im Lande, welche eine eben jene Wahl betreffende Petition ihm unterbreitet hatten, mit dem Ausdrucke seiner Billigung mitgetheilt. Dieses loyale Verfahren hat im ganzen Lande wohlthuend berührt, und die Israeliten Württembergs wissen dem Herrn Minister und der Kgl. Oberkirchenbehörde für diesen Entschluß aufrichtigen Dank. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 13. April. Der hier restdtrende I esuiten-Provinztal Pater Wtdmann nahm Veranlassung, sich einem Mitarbeiter des „Neuen Wiener Tagblatt" gegenüber folgendermaßen über die antisemitischen Hetzpredig er zu äußern: „Der Seelsorger steht über allem Partetgetriebe, er hat höhere Aufgaben. Ich mißbillige es auch, wenn ein Christ irgendwem gegenüber, sei es ein Israelit, ein Heide etc., den Racenstandpunkt einnimmt; das ist ganz unchristlich. Ein wahrer Christ kann das nicht thun; er achtet auch Jedermann Ueberzeugung in Glaubenssachen, und die Frage ist nur, wer von den Menschen den wahren Glauben hat. Der Mensch irrt, und wir sehen, wie beispielsweise Philosophen gleich dem von einem Rande zum andern oscillirenden Pendel von einem Extrem in das andere fallen; da, am einen Extrem, steht der Pantheist, am anderen der Materialist, Atheist. Das Schwierige ist nun, wie bei dem beständig oscillirenden Pendel die Mitte, die Wahrheit — Gott zu finden. Der Seelsorger, der Christ soll aber helfen, diese Wahrheit für diejenigen, welche sie suchen, ausfindig zu machen; allein man handelt unchristlich, wenn man den Andersgläubigen wegen seiner Ueberzeugung kränkt, angreift, stört. Demnach können auch Christen und Israeliten, welch letztere ja auch an einen außerweltltchen Gott glauben, ganz gut beisammenleben." Budapeft, 3. Mai. (Die kirchenpolitischen Vorlagen.) Angesichts der Ereignisse, welche der heutige Abend gebracht hat, sinken die heutigen Berathungen der Commission das Oberhauses über die beiden kirchenpolitischen Vorlagen fast zur Bedeutungslosigkeit herab, obgleich auch diese sehr interessant gewesen sind. Zu Beginn derselben stellt Baron Joseph Rudnyanszky im Interesse der Herstellung des religiösen Friedens und der endlichen Erledigung der kirchenpolitischen Vorlagen, wie er sich ausdrückte, den Antrag, des Oberhaus möge die auf die Confessionslostgkeit Bezug habenden Bestimmungen der Vorlage annehmen, mit der Modification jedoch, daß diejenigen, die eine Confesston verlassen und zu keiner anderen Confesston übertreten, verpflichtet, werden, ihre Beiträge für die