Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1895)
- Date
- 1895-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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718 Elbing, 30. April. Unsere Gemeinde ist während der letzten Wochen von herben Verlusten heimgesucht worden: dem langjährigen Repräsentanten-Vorsteher, Herrn Samuel Seliger, ist am 24. d. M. der Kgl. Sanitätsrath D r. Samuel David Cohn, seit 63 Jahren Ehrenbürger unserer Stadt, in die Ewigkeit gefolgt. Ueber Letzteren, dessen Beerdigung vorgestern unter überaus, lebhafter Antheilnahme der städtischen Behörden und der Berufsgenossen stattfand (auf dem Rathhause und BürgerrathS-Bureau waren die Flaggen auf Halbmast gehißt), schreibt die „Ostpreußische Zeitung": „In der Nacht vom 23. zum 24. April endete im Alter von fast Sv Jahren ein Bürger seine Laufbahn, der sowohl vermöge seiner Charaltereigenschasten zu den hervorragenden Männern seiner Zeit gehörte, als auch durch seine seltenen Kenntnisse, Geschicklichkeit und Pflichttreue ersprießliche, des Stadt Elbing bedeutende Dienste erwies. Ein freundlicher Geschick hat es ihm gegönnt, an jene Grenze des menschlichen Alters zu streifen, die nur wenige überschreiten, und diese meist unter der Last so vieler und ernster Gebrechen, daß ihnen das Leben wenig mehr der Freude bietet. Nicht so bei dem Verstorbenen. Bis zum Markstein seiner Tage erfreute er sich einer verhältnißmäßig sehr guten körperlichen Gesundheit und ganz wunderbarer geistiger Frische und Regsamkeit, welche ihn, den Studium und Lebenserfahrungen mit einer sehr bedeutenden Durchbildung auf den meisten Gebieten des menschlichen Wissens ausgestattet hatten, zu sicheren und klaren Urtheilen über die irdischen Dinge und Berhältniffe befähigten.Lieb und freundlich gegen alle Menschen, hat der Verblichene wohl nur Freunde und kaum einen Gegner in dieser Stadt hinterlaffen. Sein Andenken wird alle Zeit in Ehren bleiben!" Auch die „Elbinger Ztg." feiert in Worten lähmendster Anerkennung das verdienstvolle Wirken des ausgezeichneten Menschen und Arztes, namentlich seine beispiellos hingebende Thätigkeit während der Cholera-Epidemie des Jahres 1831 „Da die Leichen schon nach 24 Stnnden beerdigt werden mußten, entstand im Publikum eine große Beunruhigung (man glaubte, die Menschen werden lebendig begraben), die die sich in argen Ausschreitungen Luft zu machen drohte. Da machte der junge Arzt Dr. Cohn den Behörden den Vorschlag: „Alle Choleraleichen werden nach dem St. Georgen-Hospital gebracht, und ich verpflichte mich, keine Leiche beerdigen zu lassen, die ich nicht vorher mehrfach und gewissenhaft untersucht habe." Das geschah. Einen nicht geringen Theil des Tages brachte C. in dem zum Choleraleichen - Schauhause umgewandelten Hospital zu, als einziger Lebender unter so und soviel Todten. Ruhe und Ordnung waren wieder hergestellt, die Behörden sprachen Cohn ihre Anerkennung aus und ernannten ihn zum Ehrenbürger. Auf dem Friedhofe kennzeichnete Herr Rabbiner Dr. Stlberstein, der das sichtbarlich gottbegnadete, an Inhalt und Bedeutung reiche Mühen und Wirken des Verewigten schilderte, mit Recht das Motto seines Lesens mit den Worten I. S. 18, 14: „Und David war glücklich auf allen seinen Wegen und der Ewige war mit ihm," und mit dem Schlußsatz des Psalms 23, 6: Nur Giite und Gnade geleiteten mich." Der Geist der Erkenntniß und Gottesfurcht und hiermit verbunden der echten Menschlichkeit beseelte den Verklärten nnd strahlt auch aus seinen wissenschaftlichen Werken hervor. Es sei in unseren Tagen für jeden Menschenfreund doppelt wohlthuend, wenn, wie hier, die Glaubensschrar.ken fallen und die Menschheit sich eint zu gerechter Anerkennung. Verwahrung aber müssen wir dagegen einlegen, daß Männer wie der Entschlafene als eine außergewöhnliche Ausnahme bei einem Bekenner unseres Glaubens hingestellt werden, als ob ihr Glaube den Juden an der Betätigung echter, weltumfassender Menschlichkeit hinderlich wäre. Im Gegenthetl. unser Bekenntniß erblickt darin, wie Maleacht II, 10, Micha VI, 8 und andere Stellen beweisen, eines der heiligsten religiösen Gebote. „Ehren wir in diesem Geiste das Andenken des Verklärten," schloß der Redner, „indem wir alle geloben, seiner Menschenfreundlichkeit nachzueisern, dann wird Haß und Feindschaft schwinden und nur Liebe und Friede die ganze Menschheit umfassen!" Aus Baven. Das landwirtschaftliche Wochenblatt im Großherzogtum Baden enthalt in Nr. 51 des Jahres 1894 über den Genuß des thierischen Blutes folgenden Artikel: „Gefährlich ist der Genuß tuberkulöser Thiere. Bolltnger hat beobachtet, daß Impfung derselben bei Meerschweinchen Tuberkulose hervorricf. Diese Thatsache hat, obgleich Rtnderblut kaum als Nahrungsmittel Verwendung findet, gleichwohl praktische Bedeutung, da es kein absolut blutfreies Fleisch giebt, vielmehr bei den üblichen Schlachtmethoden etwa die Hälfte des Blutes im Thierkörper verbleibt. Da aber bet den Schweinen die Tuberkulose nicht selten vorkommt und bei ihnen rasch den Gesammtorganismus zu ergreifen pflegt, so darf das Blut solcher Thiere unter keiner Bedingung zur Bereitung von sogenanntem Blut- oder Rothwurst verwendet werden, um so weniger als diese nur meistens nur kurze Zeit gekocht zu werden pflegt, wobei eine sichere Ablötung der Keime nicht zu erwarten steht." Immer mehr tritt zu Tage, daß die jüdischen Speisegesetze, außer dem uns nicht bekannt gegebenen höheren Zweck, nach den Wissenschaft!. Forschungen auch in sozialhygienischer Beziehung von großer Bedeutung sind. Der Genuß des Blutes ist uns in der Thora strengstens untersagt. Durch das rituelle Schlachten wird der größte Theil des Blutes dem thierischen Fletsche entzogen; weiteres Entziehen geschieht durch Entfernung der Hauptader "vp'H und durch Einwäffern, Salzen und Begießen des Fleisches, so daß nur weniges Blut in den kleinen und kleinsten Aederchen übrig bleibt, deren etwa noch vorhandenen gefährlichen Keime durch das^ Kochen abgelötet werden und keine Gefahr