Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1895)
- Date
- 1895-05-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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716 Und nun lese man den Aufruf „der die Fahne des Fortschritts im Judenthums entrollt." Doch was bedeutet dieses Wort in ihrem Munde — Einführung deutschen Gottesdienstes! Das nennen sie Fortbildung des JudenthumS Bruch mit dem Judenthum sollten sie schreiben. Ein Fortschritt, der an den heiligsten Grundpfeilern des Judenthums rüttelt und mehr Freude am Niederreitzen als auf Auferbauen findet, und unter dem heuchlerischen Vorwände vaterländischer Gesinnung das Judenthum aller charakteristischen Eigenheiten entkleiden möchte, ein solcher Fortschritt bedeutet die Vernichtung, die Herauseskamotierung des Judenthums. In jenem armselig-pfiffigen Spiel mit Worten, in jenem künstlichen Nebelgebilde von Phrasen ist die Rede, daß nur die wtsenhaften Formen unseres Glaubens betbehalten werden sollen. Welches aber diese wesenhaften Formen seien, darüber schweigen sich die Herren aus. Nicht der Sabbat, den sie schänden, nicht die Speisegesetze, die sie mit Füßen treten, nicht der Abrahamsbund, den sie durch die Taufe in der Wiege schon ersetzen, das alles ist nicht wesenhaft, das alles ist veraltet, erstarrt. Und dabei erfrecht man sich zu behaupten: „Wir stehen auf dem geschichtlichen Boden unseres Glaubens." Eine flache seichte Ktrchenreligion, ein vages proteusartiges Bekenntniß, das von jedem Lufthauch abhängig ist und nach jedem Lob oder Tadel von Außen sich modelt, das nennen sie Judenthum, nennen sie geschichtliches Juden-hum. Elende Heuchelei! Wollt ihr das geschichtliche Judenthum erhalten, so erkennt und achtet Israels tausendjährige Vergangenheit und verleugnet sie nicht. Wollt ihr geschichtliches Judenthum, so dürft ihr unseren heiligen Glauben nicht zu einer kahlen Schablonenreligion umgeftalten und seine ehrwürdigen Formen, weil sie Eurer Mode widerstreben, über Bord werfen. Wollt ihr geschichtliches Judenthum, dann dürft ihr Euch nicht entnationaltfieren und alles von Euch thun, was Euch an Eure Abstammung gemahnen könnte, dann müßt ihr endlich wieder so viel Ehrgefühl für Eure Gesammtheit Euch wieder geben, daß ihr das Beschämende und Lächerliche deffen einsehen lernt, durch den Flitterstaat der Tochter die alten ehrwürdigen Mutter umzuwerfen, die dadurch nicht geziert, sondern entstellt wird. Ihr dürft Euch nicht zur Legalisierung Eures frevlen Beginnens auf die jüdische Vergangenheit, wie es in dem Aufruf geschieht, berufen. Haben die alexandrinischen Juden griechisch gebetet, so hatten sie ein jüdisches Vaterland in Palästina und brauchten vielleicht nicht in ,so hohem Maße das gemeinsame Band der Sprache, wie wir. Für uns giebt es keinen anderen konkreten Ausdruck der Zusammengehörigkeit, als die gemeinsame Gebetsprache, sie ist das heilige Band, der geweihte Boden, auf dem wir uns Alle zum Verein mit unseren Gotte zusammenfinden. Aber ich gehe weiter. Ich. behaupte, daß es ein Unrecht gewesen von den alexandrinischen Juden, die geheiligte Sprache ihrer Väter aus dem Gotteshause zum Theil zu verdrängen. Und die Geschichte giebt mir recht. Für die religiöse Entwicklung des Judenthums war der hellenische Zweig fast ohne jede Bedeutung. Wollt ihr aber durchaus ein Analagon aus der Geschichte, so sucht es bei jenen abtrünnigen Hellenisten, die sich des Gottesbundes an ihrem Fleische schämten, sucht es bei den feigen und feilen Verräthern, die in knechtischer Nachahmung ihr Heiligstes preis gegeben. Wahrlich Ihr würdet zur Zeit der Makabäer sicherlich auf Seiten des abtrünnigen Menelaus gewesen sein, wie ihr zur Zeit Hadrians die Anbetung der römischen Imperatoren und zur Zeit des spanischen Philipp die Anbetung des Kreuzes anempfohlen hättet. Nur in einem Punkte geschichtlicher Remiscenz hat der Aufruf Recht: „Wir wollen unserer Väter", die in Berlin „die geistigen Kämpfe des Judenthums ausgefochten", „nicht unwürdig werden!" Von welchem Geiste jene „geistigen Kämpfe" im Anfang dieses Jahrhunderts beseelt waren, dafür legt der Umstand beredtes Zeugnis ab, daß ihr erster und typischer Systemfabrikant, ein ungarischer Spieljude und ein notorischer Betrüger, Namens Liber mann, nachdem er in gesinnungsloser Feilheit die Reformhelden mit der gehörigen Portion gefälschter Talmudcitate versehen hatte, dann — die Taufe annahm. Und wie urtheilt der freisinnige Grätz über die würdigen Väter von anno 1830? „In dem von den Friedländern und Jacobssohns versandeten Berliner Boden konnte nichts gedeihen. Es war, als ob ein Fluch auf diesem Orte lastete." Und nun spielt stch diese Species von Judenthum wieder als Retter auf, kreischt mit vom Schwärmen heiserer Kehlen Reform, deutsche Gebete, zeitgemäßer Gottesdienst u. a. n. Die Heuchelrcgeln des Salons und der Mode werden Flugs als religiöse Prtncipien ausgegeben und schnell sind jene Kreise, die auf ihren schlupfrigen Parquettes beim ästhetischen Thee interessanten Thcaterklatsch und pikante Rouös- Abenteuer und — den lieben Gott verhandeln, bereit unseren Kult zu regeln und Gebete zu fabricieren. wie man Cravatten sabriciert. Ich weiß wirklich nicht, ob die anmaß!icke Dummheit oder der bodenlose Cynismus mehr Abscheu verdient. Also fashionables Judenthum mit der verlebten Romantik deutscher Grbete und Kttchenlieder die Umtverthung aller religiösen Werthe, so weit Anttsemitenangst und Brquemlichkeit es ver-