Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1895)
- Date
- 1895-05-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXVI. Jahrgang. M 38 Der Israelit. Ein Kentrak-Hrgan für das orthodoxe Zudenlßum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den IS. Mai 5655 (1895). Leitender Artikel. Liberales Judentum. Berlin, 5. Mat. Der liberale Wahlverein Hai in dieser Woche begonnen, die reiche Agitation, die er geplant, hat, ins Werk zu setzen. Er hielt es für angemessen, zunächst an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Flugblätter zu versenden, welche die zersetzenden Tendenzen jenes Reformklubs unschuldigen Seelen anpreisen sollten. Zu diesem Zweck hat er feine Phrasendreschmaschine mit Dampfbetrieb so gut es ging — und die geisiesarmen Verheerer und Zerstörer des Judenthums sind ja darin Meister — in Aktion treten lassen. Die verschwommenen und doch auf die Vernichtung des Judenthums so listig berechneten Auslassungen, mit denen der Verein die Berliner Juden schon brieflich behelligt, haben nun auch in der gesinnungsverwandten Zeitung des allgemeinsten Judenthums ihre geeignete Ablagerungsstätte gefunden. Die schmalstirniqe Gedankenschwindsucht, die aus dem armseligen Elaborat hervorgeht, nöthigt uns wirklich aus vollem Herzen tiefes Mitleid ab. Jedenfalls wollen wir die wackeren Herren darin zuvorkommend unterstützen, daß wir ihnen zwei Mottoworte für ihre ferneren schriftstellerischen Leistungen anempfehlen wollen. Wir schlagen ihnen zunächst vor all ihren auf die Untergrabung desJudenthums hinzielenden Expectorationen die Dtchterworte an die Spitze zu setzen: „Mit Worten läßt sich trefflich streiten, Mit Worten ein System bereiten", oder vielleicht jenen anderen Vers.- „Und wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein." Vielleicht ist das kernige Leitwort nvn das man der Wtencr'schen Hetzbrochüre anempfohlen hat, auch hier am Platze. Denn in der Thal an dem ganzen widerlichen Machwerk ist — genau so wie an der Berliner Gemeinde-Officiösen nach einer scharfen aber treffenden Bemerkung in einem hiestgen Wochenblatt — nichts anderes jüdisch als das — Deutsch. Wenn wir im folgenden dennoch auf das hohltönende Phraseneonglomerat eingehen, so find wir uns bewußt, daß wir ihm eigentlich zu viel Ehre erwiesen und die Sache vielleicht ernster zu nehmen scheinen, als ste gemeint ist. Allein principiis obsta, in jedem Falle halten wir es für geboten mit aller Schärfe aber auch mit aller Sachlichkeit die dort ausgestellten Forderungen zu beleuchten und zurückzuweisen. Die künstlich angestrebte Verschwommenheit und Nebelhaftigkeit des Ausdrucks macht dies Beginnen nicht grade leicht. Die Tendenz des ganzen Aufrufs ist durchaus assimilatorisch. Feige Antisemttenfurcht im Bunde mit elendester Deutschthümelei und sträflicher Aufdringlichkeit wollen das große Wort zum fortschrittlichen Ausbau des Judenthums führen. WaS man gern möchte ist eine Uebergangsbrücke schaffen zum Christenthum. Wir hätten wahrlich keinen Grund darüber traurig zu sein, wenn der atheistische Bildungspöbel und das gaunernde Protzenthum, das dem Judenhaß immer vom neuen Anlaß giebt unsre Gesammtheit zu beschimpfen, durch die Taufe aus unsrer Mitte ausscheidet. Aber deswegen das positive Judenthum zu Gründe zu richten, weil es der Laune und Bequemlichkeit eines gottentfremdeten Sinnenlebens nicht entspricht, lediglich aus Rücksicht für jene, die wenn es nur angängltch gewesen wäre, schon längst den jüdischen Namen von sich abgethan hätten, werden wir nimmer geschehen lasten. Das sogenannte Reformjudenthum bleibt was es gewesen ist vom Anbeginn seiner Existenz, der Inbegriff aller Flachheit und Beschränktheit. Jene kräftigen Worte die Jakob Bernays den verrotteten Glaubensverräthern seiner Tage zuruft, haben an Aktualität nichts eingebüßt. Sie reden von „einem Gesindel, das in einem Pyramtdentempel haust und ihn sich bequem für ihre schmutzigen Bedürfnisse zurechtlegt."