Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1895)
- Date
- 1895-05-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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704 fen, verdrängen zu können, suchten die Judenfeinde um die Degradation derselben zu Dörfern nach, woselbst den Juden n->ch dem berüchtigten Gesetze des Grafen Jgnatjew voch 3. Mai 1882 jedweder Aufenthalt untersagt ist. In letzter Zeit wollten einige christliche Kaufleute aus dem Städtchen Kachowka im Gouvernement Cherson aus Brotneid die dortigen Juden verdrängen. Sie entsendeten eine Deputation zur Gouvernementsverwaltung in Cherson, um die Umwandlung eines Städtchens in ein Dorf zu befürworten. Die Verwaltung beeilte sich, dieser Bitte zu willfahren, und Städtchen Kachowka wurde in Dorf Kachowka umgetauft. Dadurch waren die dortigen Juden der Ausweisung preisgegeben. Aber der Besitzer von Kachowka, Constantin Pankojew, brachte die Angelegenheit zur Kenntniß des Senates und wies darauf hin, daß die Ausweisung der Juden aus Kachowka den finanziellen und ökonomischen Ruin des Städtchens herbeiführen würde. Der Senat annullirte denn auch den Beschluß der Chersoner Gouvernementsverwaltung, das Städtchen Kachowka in ein Dorf umzutaufen, und brachte gleichzeitig in einem Ukas Nr. 9240 zur allgemeinen Kenntniß, daß die Umwandlung von Städtchen in Dörfer ungesetzlich sei. Die von uns angeführten Entscheidungen des Senates bilden Lichtpunkte in der Leidensgeschichte der russischen Juden, welche jedoch erst zum Abschlüsse gelangen dürften, wenn einmal das Princip der Rechtsgleichheit in Rußland zur allgemeinen Geltung kommen wird. Gewitzigt durch traurige Erfahrungen, sind wir nicht so optimistisch, zu glauben, daß dies bald geschehen werde. (Fr. Bl.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 7. Mai. In aller Eile will ich Ihren werthen Lesern berichten, daß der liberale Wahlverein bei seiner Montag-Abend abgehaltenen Versammlung ein so jämmerliches Fiasko erlitten hat, daß er sich nicht wieder davon erholen wird können. Die Freude darüber bei allen religiösen Juden ist begreiflich. Die Versammlung ist nahezu gesprengt worden. Der Verlauf war im Kurzen folgender: Nach einem sehr langweiligen Vortrag des Herrn Rechtsanwalts Breslauer über hinlänglich bekannte Institutionen der jüdischen Armen-Verwaltung, der den überaus neuen Gedanken darlegen sollte, daß Arme auch Menschen seien, hielt sich der ehemalige Direktor der wiederholt fusionirten internationalen Bank verpflichtet, die Versammlung mit den verderblichen Zwecken des liberalen Vereins zu belästigen. Der Kern seiner verworrenen Ausführungen gipfelten in dem Satze, die liberalen Bestrebungen — die in dem Munde der Herren so viel bedeuten, wie die Vernichtung des Judenthums — seien nicht energisch genug zur Evidenz gelangt und müßten in Zukunft mit aller Thatkraft vertreten werden. Die kindisch unkundige Berufung auf Moses Mendels- ' lohn durfte in dem inhaltslosen Geschwätz nicht fehlen, ebensowenig wie die thörichten Phrasen von der Kulturunsähigkeit des überlieferten Judenthums. Die radikalen Umsturzpläne, die man vorhabe, würden, so fürchtet man — bei der jetzigen Repräsentanz auf Widerspruch stoßen. Es fei daher nothwendig angesichts der bevorstehenden Gemeindewahlen dafür zu sorgen, daß Männer entschieden liberaler (d. h. judenfeindlicher) Gesinnung gewählt werden. Rach einigen nichtssagenden Bemerkungen über modernes Bewußtsein und nothwendtge Concessionen und andere wirre Begriffe schloß der Redner seine Ausführungen, durch die er nur eines bewies, daß man lange reden kann, ohne etwas zu sagen. Nunmehr wollte der Vorsitzende, der froh war, daß die Sache bis dahin so programmmäßig glatt abgelaufen war, die Versammlung schließen. Aber der liberale Wahlverein halte bet aller Schlauheit sich verrechnet. Es geht eben nicht an, das Judenthum vor Judm zu beschimpfen und zu unterminieren ohne jeden Widerspruch. „Herr Dr. Klausner", der sich sehr deutlich zum Worte gemeldet hatte, „hat das Wort", bemerkte der wackere Braueretdirektor Fried mann etwas eingcschüchtert und Herr Klausner begang in dröhnenden Worten, die wie wohlgezielte Keulenschläge auf die armseligen Köpfe der liberalen Vernichter des Judenthums herniedersausten, den liber. Wahlverein und seine Ziele in seiner ganzen erbärmlichen Nacktheit darzustellen; doch kaum hatte er begonnen, ertönte die Glocke des ängstlich dreinblickenden Präsidenten, der mit der Bemerkung, nur unbedingten Gesinnungsgenossen das Wort verstatten zu können, Herrn Klausner das Wort entzog. Ein ungeheurer Entrüstungsfturm seitens der Versammlung brach los, Herr Klausner erwiederte, er müsse schweigen, da der duldsame und liberale Vorstand freie Meinungsäußerung nicht zulasse. Viele verlassen ostentativ den Saal, eine große Unruhe herrschte allgemein und unter großer Mißstimmung und Empörung schloß der erste Versammlungsabend des liberalen Wahlvereins. Die Blamage war gediegen und gründlich, wie wohl nicht unerwartet. Für heute brechen wir hier ab. In nächster Woche werden wir unseren Lesern ein ausführliches Conterfet des sogen, liberalen Wahlvereins und seiner Bestrebungen entwerfen. Es wird uns leicht fallen, denn er ist schon gerichtet. X. Hamburg, 6. April. Die jüdische Gemeinde zu Hamburg hat einen bedeutenden Verlust zu beklagen. Der weit über unsere Vaterstadt hinaus bekannte Wohlthäter und Menschenfreund, Herr Benjamin Luria, langjähriger erster Vorsteher der portugiesisch-israelitischen Gemeinde zu Hamburg, verstarb kürzlich zu Nizza. Benjamin Luria wurde