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Der Israelit · 1895-05-09 · Heft 37 (9.5.1895) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 37 (9.5.1895)
Date
1895-05-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Frage kommen, die arbeitskräftig und mit einigen Mitteln versehen sind. An den Kontrollstationen werden diejenigen Auswanderer, deren Weiterbeförderung bis Amerika ein Vertreter der Dampfschiffahrtsgesellschasten übernimmt, ohne das Erfordernd eines Vermögensnachweiscs, eines Passes oder einer Kajülsreikarte zur Weiterbeförderung zugelassen und möglichst in geschlossenen Zügen nach den Seehäfen befördert. Kontrolstationen mit ärztlicher Untersuchung sind eingerichtet in Ey dt kühnen für die Ostbahn, ln Bojahren bet Memel, in Jllowo für die Bahn Warschau Mlawa-Martenburg, in Prostken für die oftpreußische Südbahn, und in Otloschin bi Thorn. Aehnlich sind die Erleichterungen für die österreichische Grenze in Myslowttz und Ratibor. Abgesehen von den sanitären Vortheilen, welche im Falle einer ausbrechenden Epidemie die regelmäßige ärztliche Ueberwachung bietet, hat dieses Abkommen auch dadurch Werth, daß es nicht nur die staatliche Armenpflege für alle Fälle, sondern auch unsere Glaubensgenossen in den Hafenstädten und Durchgangsstationen entlastet. Die beiden Schiffahrtsgesellschaften haben nach dem Abkommen für die Ausgaben aufzukommen, welche durch Verpflegung und Behandlung der Durchwanderer, gleichviel ob auf der Hin- oder Rückfahrt entstehen. Diese Verpflichtung bleibt auch dünn in Kraft, wenn die zu den Kontrollstationen zugelaffenen Auswanderer in Folge von Unterbrechung der Fahrt etwa Schiffskarten anderer Gesellschaften lösen sollen. Dieses Abkommen bedeutet, nachdem unsere Grenzkomites sich aufgelöst haben, eine Wohlthat für unsere durchreisenden Glaubensgenossen, wenn es richtig gehandhabt wird. Ans Ostpreußen. Nachdem die Mannschaften jüdischer Konfession der Gumbinner Garnison in neuerer Zeit so bedeutend sich vermehrt, hielt es, wie Schreiber dieser Zeilen der „A. Z. d. I." berichtete, als Prediger der dortigen jüdischen Gemeinde für angezetgt, die Militärbehörde um eine gebührende Berücksichtigung des gottesdienstlichen Bedürfnisses derselben anzugehen. Wir richteten daher ein diesbezügliches Gesuch an das Garnisons-Kommando dahin gehend, daß die Soldaten jüdischen Glaubens wenigstens ein Mal in jedem Monat den Gottesdienst zu besuchen angewiesen werden sollten. Hierauf erhielten wir folgenden Bescheid: „Euer Wohlgeboren thrill das Garnison-Kommando aus das Schreiben vom 10. d. Mts-, betreffend den Kirchenbesuch der Mannschaften jüdischen Glaubens, ergebenst mit, daß die Truppentheile der Garnison angewiesen worden sind, die Mannschaften am ersten Sonnabend in jedem Monat zum Besuch des Gottesdienstes in der hiesigen Synagoge zu kommandiren." Wir haben wohl nicht nöthtg zu konstatiren, daß uns dieses Eingehen auf unseren Wunsch mit ganz besonderer Genugthuung erfüllte. Denn abgesehen davon, daß die jüdischen Angehörigen der Armee hierdurch in eine gewisse Gleichstellung mit ihren christlichen Kameraden gelangen, wird auch hierbei Gelegenheit gegeben, die jungen Leute in Fühlung mit ihrer Religion zu erhalten. Allein man kann auch diesen Umstand benutzen, durch belehrende Vorträge Kenntniß und Wissen vom Judenthum, welche beide leider so spärlich bei unserer jungen Generation vorhanden, den Theilnehmern des Gottesdienstes zuzuführen. Wir haben solches bereits gethan und werden auch in der Zukunft bei jedem dieser Gottesdienste durch kurze Ansprachen diesen Gedanken zu verwirklichen suchen. Der jüdische Soldat kann hier so Manches über die Bedeutung feiner Religion und über die Geschichte des jüdischen Volkes erfahren, was Ihm im C vilstande kaum zum Bewußtsein kommt, da die religiöse Gleichgiltigkeit leider bei unserer Jugend ein ebenso erwiesenes wie allgemeines Nebel ist. Und darauf hin schon möchten wir die Nachahmung unseres Verfahrens an allen Orten empfehlen, wo eine größere Anzahl jüdischer, junger Leute ihrer Militärpflicht Genüge zu leisten hat. Anflenehm berührt fühlt man sich, wenn man von der Toleranz vernimmt, welche die protestantische Geistlichkeit bei Gelegenheit der Einweihung der neuen Synagoge in Sensburg an den Tag gelegt bat. Der Einladung des dortigen Synagogen- Vorstandes folgend, nahm sie innigen Anlheil an dem Akte, der für ihre jüdischen Mitbürger von so hoher Bedeutung war. Diesen Männern, sowie den übrigen christlichen Notabeln, die der Einweihung beiwohnten, dem Herrn Landrath, der städtischen Behörde, wissen wir Juden, besonders in Ostpreußen, es Dank, daß fie in dieser Weise ein Beispiel gegenseitiger konfessioneller Achtung in einer Zeit gegeben, wo andernorts die Verhetzung der verschiedenen Glaubensbekenntnisse sosehr an der Tagesordnung ist und jede humane Aeußerung aufhört zu extstiren, wo es um Angelegenheiten der Juden sich handelt. Wir können wohl behaupten, daß Ostpreußen noch frei von jener Epidemie ist, die sich unter der Bezeichnung Antisemitismus eine Bedeutung erworben, die ihr sogar in den Parlamenten eine Stelle gewährt und trotz der moralischen Vernichtung des größten Theils ihrer Verbreiter nicht ausgehört hat, sich als Heilmittel aller sozialen Mißstände auszuspiclen. Einen speziellen Bericht über die Einweihung des Gotteshauses zu geben, erachten wir nicht für nöthig, da sie in der erhebenden Weise sich vollzog, wie wir sie ja so oft an dieser Stelle zu lesen bekommen. M. Scherbel.

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