Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1895)
- Date
- 1895-05-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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697 von ihnen Belehrung zu empfangen, wird nicht das Aufgenommene engherzig in der Brust verschlossen halten, sondern er wird das, was ihm an Weisheit geworden, auch anderen mitzutheilen bedacht sein. Was er hier aufnimmt giebt er an anderen weiter und zwar wie der Trichter, dessen obere Oeffaung weit und dessen Ausfluß eng ist. Der Schwamm bedarf erst des äußeren Druckes, wenn er von dem, was er ausgenommen hat, wieder abgeben soll. Der Trichter thut dies von selbst, aber immer in dem Maaße, daß die Fähigkeit aufzumhmcn größer ist als die Ausstrahlung. Dieser Strahl der Thorawetsheit, den der Begabte dem Minderbegabten zuwendet, ist das geistige Band, welches Lehrer und Schüler, Meister und Jünger, jede Gegenwart mit der Vergangenheit verbindet. Die dritten gleichen der Sethe, die den Hefensatz zurückhält und den Wein fließen läßt. So gewiß die Hefen des Weins ungenießbar sind und mit dem gegohrenen, abgeklärten Wein gemischt, dessen Werth beeinträchtigen, so gewiß sind selbst diese Bestandtheile für den Wein unerläßlich. Sie enthalten die geistige Kraft des Weins vielleicht in noch höherem Grade als dieser selbst und bedürfen nur der Destillation, um diesen geistigen Gehalt rein zu Tage treten zu lassen. Freilich würde der ungeläuterte Hefenansatz, so wie er ist, Niemanden munden. So haben die Weisen eine große Zahl tiefer, bedeutsamer Wahrheiten in Formen gekleidet, die dem nur am Aeußeren haftenden Blick wenig Zusagen. Der wahre Schüler der Weisen wird diese Wahrheiten zunächst für sich behalten und seinen Jüngern nur dasjenige bieten, dessen hoher Werth auch für den weniger tief Eindringenden offen daliegt. Gibt es doch eine große Zahl unbestrittener Wahrheiten, die den Gereiften beglücken, während sie den minder Reifen bedenklich und geradezu gefährlich sind. Diesem Umstande trägt derjenige Rechnung, der gleich der Seihe die Hefen zurückhält und den klaren Wein seinen Jüngern kredenzt. Die vierten gleichen der Schwinge, die den Mehlstaub von sich gibt und das Kernmehl zurückhält. Es ist die vollendetste Stufe derjenigen, die zu Füßen der Weisen sitzen. Die Vorsicht derjenigen, welche der Seihe gleich das an und für sich weniger Genießbare zurückhalten, und nur den abgegohrenen Wein den anderen reichen, geht hier noch einen SchrUt weiter. Handelt es sich doch hier um diejenigen Jünger, welche den Meistern bereits so nahe stehen, daß sie selber die gelehrten Weisheitssprüche zu erwägen und nach ihrem Werth zu rangiren verstehen. Dieser Werth kann oft durch individuelle Etgenthümltchkeiten des Meisters beeinträchtigt werden. Wenn Dein Lehrer einem Engel Gottes gleicht an sittlicher Vollendung seines Lebenswandels, dann magst Du Belehrung aus seinem Munde suchen, lautet in diesem Sinne ein mahnendes Wort der Weisen. Wenn aber der Lehrer mit der That seines Lebens die Lehre seines Mundes Lügen straft, dann meide einen solchen Lehrer. Unter den nach Tausenden zählenden Weisen Israels ist uns nur ein einziger genannt, der in seinem praktischen Leben die von ihm gelehrte Thorawetsheit verleugnete, dieser eine war Elischah ben Abujah, der berühmte Lehrer des noch berühmteren Schülers Rabbi Melr. Rabbi Mir konnte sich von seinem Lehrer selbst dann nicht lossagen, als er bereits in offenem Abfall vom Gottesgesetze lebte und hoffte noch bis in den Tod des Meisters, daß dieser wieder zu^der verlassenen Lebenspfltcht zurückkehre. Wie durfte Rabbi Mir bet einem solchen Lehrer Thora lernen? Rabbi Mt'ic hatte nur den guten Kern, aber nicht die ungenießbare Schaale dessen sich angeeignet, was der Meister bot. Das dürfte allerdings nur ein Rabbi Mir sich getrauen, einer von dem am meisten mit göttlicher Weisheit begnadeten Sterblichen. Ec verstand es auf der Schwinge seines Geistes, den Mehlstaub von der Kernfrucht zu sondern, er war der bn osn ms, der Weise, dessen Weisheit ihm gestattete von jedem zu lernen, ohne dte Nachthetle eines solchen Lernens fürchten zu müssen. Diese Weisheit war zu allen Zetten selten, und sie ist nichtsdestoweniger diejenige, welche die meisten sich selber am leichtesten zugestehen! (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Corresporrdenzeu. Deutschland. Berlin, 28. April. Eine für das gesammte Auswanderungswesen nach Amerika, insbesondere aber für unsere europamüden Glaubensgenossen im Osten wichtige Aenderung ist an der deutschrussischen und theilweife auch an der deutschösterreichischen Grenze in Kraft getreten. Es sind nämlich in Folee eines Abkommens der Behörden mit dem Roiddeuschen Lloyd in Bremen und der Hamburg- Amerikanischen Packetfahrt-Aktiengesellfchaft in Hamburg, an verschiedenen Grenzpunkten Kontrollstationen errichtet worden, in denen die Auswanderer einer ärztlichen Untersuchung auf ihren Gesundheitszustand unterworfen werden. In Folge der durch die amerikanischen Etnwanderungsbehörden getroffenen Maßregeln zur Zurückweisung mittelloser und erwerbsunfähiger Einwanderer kann Nordamerika nur noch für solche Auswanderer in