Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 36 (6.5.1895)
- Date
- 1895-05-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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688 . i»«^; «/7 aller Ausgaben durch die einlaufenden Steuern gedeckt: In den letzten 3 Jahren habe die Gemeinde 200.000 Mark Ersparnisse erzielt. Interessanter und lehrreicher noch, als dieser Etatbericht, war eine feine und glückliche Bemerkung, die Herr Sch eher, der wackere und verdiente Vertreter einer gesunden Entwickelung des Berliner Judenthums zur größten Freude aller Anwesenden machte. Als er den an alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde versandten Haushaltungsbericht gelesen, habe er sich nicht des Gefühles erwähren können, als ob in demselben eine absichtliche Dunkelheit und Unübersichtlichkeit angestrebt worden sei, die Berechtigung dieser dunklen Ahnung sollte sich bald Herausstellen. Der Vorsteher Jacoby soll die Aeußerung gethan haben, daß der Bericht eigens daraufhin zugeschnitten und eingerichtet sei, daß er nicht von den Gemeind emttgltedern verstanden werden solle. Wir fügen dem kein Wort hinzu. Ein zweiter bemerkenSwerther Moment in der Versammlung bildete die Statistik, die Herr Klausner in Bezug auf den Religionsunterricht erstattete. Er wiederholte im Gegensätze zu den Ausführungen des Herrn Simon, daß von 14.000 Kindern thatsächlich 10.000 ohne jeden Religionsunterricht seien. Es hätten 800 Kinder Unterricht in der Knabenschule der jüdischen Gemeinde, 1000 Kinder Unterricht in den Religionsschulen der Gemeinde und 1000 in den Privatschulen; während 1000 privatim in der Religion unterrichtet werden. Es bleiben somit über 10.200 jüdische Kinder ohne jeden Unterricht der Religion ihrer Väter. In der wetteren Discussion sucht Herr Sch eher die vielfach verbreitete und besonders von gegnerischer Seite angeführte Auffassung zu widerlegen, daß die Unterhaltung von neuen Synagogen einen zu großen Aufwand von Geldmitteln erfordern, — berechnet nach dem letzten Bericht der Gemeinde den Zuschuß für jede einzelne der 4 jetzt bestehenden Synagogen auf durchschnittlich etwa M. 30.000. Bei den schließlich vorgenommenen Wahlen für den Central- Verein des W. und S. W. der Stadt wurden die alten Vorstandsmitglieder wieder und die Herren Martin Lesserund Willy Steinberg neu gewählt. Herr Steinberg, der langjährige Propagator des Vereins „Esra" und ein thatkräftiger Förderer des historischen Judenthums in Berlin, ist den Lesern dieser Zeitschrift schon rühmltchst bekannt. Wir freuen uns, es an dieser Stelle aussprechen zu können, daß Herr Steinberg als Mitglied der 75er Commission, in die er nunmehr etngetreten ist, reiche Gelegenheit haben wird, thatkräftig und mannhaft für die Interessen des wahren Judentums einzutreten. Einen ganz verwandten Charakter trug die zahlreich besuchte Bezirksversammlung für das Centrum und den Norden Berlins. In formvollendeter Ansprache wies zunächst Herr Wilhelm Goldschmidt, der rühmlichst bekannte Verfechter aller wahrhaft jüdischen Interessen auf die gewaltige Bedeutung de8 diesjährigen Wahlkampfes hin. Dem Centralverein stehe ein gegnerischer Bund gegenüber, der sich fälschlicher Weise den Ehrentitel des Liberalismus anmaßt. Der Central- Berein allein sei wahrhaft liberal, seine Mitglieder schaaren sich um die alte Fahne mit der Devise „Gleiches Recht für Alle." Von wahrhaft liberaler Gesinnung erfüllt, halte es daher der Central- Verband für seine ritterl.che Ehrenpflicht der conservativen Minorität, die bisher so stiefmütterlich behandelt und um ihr gutes Recht betrogen ward, zur Anerkennung ihrer Forderungen zu verhelfen. Nachdem er die Wichtigkeit der nächsten Legislaturperiode gekennzeichnet, — gilt es ja auch dort über eine Umsturzvorlage zu verhandeln, die die jüdischen Synagogen in christlich demsche Kirchen umgestalten möchte, — eröffnete er die Discussion mit der dringenden Aufforderung, daß jeder auf seinem Platze sein möge, für Männer mit Muth und Ueberzeugungskraft einzutreten, die das alte überlieferte Judenthum in Berlin vor dem Untergänge retten wollen. Aus der sehr bewegten Discussion wollen wir wiederum nur 2 Punkte zur ausführlicheren Besprechung hervorheben. Bei Eröffnung der Diskussion richtete Herr Segall die Anfrage an die Versammlung, ob es nicht angebracht sei, wenn der Central-Verein bet dem Oberpräsidenten vorstellig würde, um den Passus des neuen Statuts bezüglich des geheimen Wahlrechtes schon bei der diesjährigen Gemeinde-Wahl in Kraft treten zu lassen. Redner motivirte seinen Antrag damit, daß bet dem jetzigen Wahlmodus viele Stimmen verloren gingen, die bet geheimer Wahl für die Candidaten des Central-Vereins stimmen würden. Hierzu nimmt auch Herr Scheyer das Wort, um zunächst milzutheilen, daß dieser auf die geheime Wahl hinzielende PassuS des neuen Statuts lediglich dem Drängen d:s Central-Vereins zuzuschreiben sei. Wäre es nach den Wünschen der jetzigen Gemeinde- Vertretung gegangen, so hätten wir wahrscheinlich das elendeste aller Wahlsysteme, nämltch, das Drei- Klassensystem. Ucbrtgens sei die geheime Wahl, wie sie das neue Statut regelt, nur sehr bedingt geheim, indem bet der Abgabe des Stimmzettels es dem Vertrauensmanne immer noch möglich set, bet Abtrennung des Namens sich einen Einblick in den Stimmzettel zu verschaffen. Ja selbst bei der besten Absicht sei dies nicht ausgeschlossen. Schließlich wird vielseitig mit Entrüstung und Bedauern