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Der Israelit · 1895-05-06 · Heft 36 (6.5.1895) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 36 (6.5.1895)
Date
1895-05-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXTI. Jahrgm,,. Seilage M M 36 des „Israelit". Leitender Artikel. Berliner Briefe. Berlin, 28. April. IV. Der grandiose JndifferentismuS — wenn der kühne Ausdruck verstattet ist — der bisher die Signatur des jüdischen Gemeindelebens in Berlin gebildet, beginnt jetzt langsam und allmähltg vor dem energischen Andringen und muthigen Angriffen des Central-Bereins für die Interessen der jüdischen Gemeinde zurückzuweichen. Die propagandistischen Versammlungen, die der verdiente Verein jetzt in allen Vierteln unserer Stadt abhält, legen dafür ein beredtes Zeugnitz ab. Wenn man bedenkt, daß eS vor einigen Jahren noch schwer war, überhaupt jüdische Gemeinde-Versammlungen einzuberufen, so ist es wahrlich schon ein erstaunenswerther Fortschritt, wenn jetzt die Versammlungen nicht nur von zahlreichen Mitgliedern der Gemeinde besucht werden, sondern sich auch Männer, die den Tag über im Kampfe ums Dasein sich schwer abmühen mußten, recht lebhaft und eingehend an den Debatten und Diskussionen betheiligen. Man kann von allen Bezirksversammlungen des Central-Bereins sagen, daß eS so recht eigentlich Muster-Exemplare von belehrenden und anregenden Volksabenden gewesen sind. Wohl selten wird in Volksversammlungen so sachgemäß und doch so begeisterungsfreudig über die idealsten Fragen gestritten, wie hier. Doch der Ausdruck gestritten, paßt nicht recht, denn in einer Beziehung stimmten sie alle überein, die in längeren oder kürzeren Ansprachen sich an ihre Mitglieder wandten, in der kräftigen Verurtheilung deS Treibens, durch welches die Berliner Gemeindeleitung sich als die feilen Sargfabrikanten und Todtengräber des Judenthums gertrten, in der grenzenlosen Verachtung und in dem gründlichen Abscheu gegen jene Männer, die ihre Amtnnd Würdestellung in der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands nur angenommen zu haben scheinen, — wie einer der tüchtigsten Volksredner in der Bezirksversammlung des Centrum bemerkte, — „um das Judenthum zu erdrücken und zu erwürgen." Die leitenden Kreise scheinen in einer verhängnißvollen Selbsttäuschung zu leben und doch hätten sie es so leicht, sich eines Befferen belehren zu lassen. Es wäre gewiß für Herrn Justizrath Meyer und seine edlen Kampfkumpanen ein überaus lehrreiches Kapitel für weitere gedeihliche Förderung der Gemeindeleitung und ein wohlausgearbettetes Bademecum für fernere Gemeindethättgkeit — wir bitten den Setzer nicht gemeine Thätigkeit zu setzen — wenn sie sich all die liebenswürdigen Ehrentitel einmal anhören würden, die ihnen dort in ergiebigstem Maße beigelegt würden — wir nennen Schmetchelbezeichnungen, wie „unwürdige Vertretung des Judenthums. Leute die bequeme Brücke schlagen wollen, zum Christenthum" und andere Kosenamen, deren wörtliche Wiedergabe uns ein gewisser Polizeiparagraph verbietet. Sie würden sich dann in persona überzeugen, wie weit der Abscheu und der Haß vor ihrem destructtven Gebühren in gut jüdischen Kreisen aller Partetschattirungen wurzelt. In der That, wenn je das alte Bolkswort berechtigt war, das da die Volksstimme eine Gottesstimme nennt, so ist dies hier der Fall. Wir wollen nun in Folgendem, so weit es der beschränkte Raum gestattet, aus den beiden dieswöchentlichen Versammlungen einige markante und wesentliche Punkte hervorheben und besprechen. In der für den W. und 8. W. Berlins adgehaltenen Generalversammlung refertrte der Repräsentant der Gemeinde, Herr Martin Simon, über den Etat und führte in ziemlich umfangreicher Weise aus, daß derselbe ein so bedeutender sei, daß er sehr wohl mit dem Budget einer kleinen Stadt verglichen werden könne. Es schließt mit Mk. 1.090.000 ab. Der Zuschuß, den die 4 Gemeinde-Synagogen erhalten, beläuft sich auf Mk. 130.000, hierzu kommt noch Mk. 30.000, gegen früher Mk. 11.800, für die gottesdienstlichen Institutionen an den hohen Feiertagen. In diesem Jahre tritt außerdem noch eine wettere Ausgabe für die zu diesem Zweck gemietheten Räume des Keller'scheu Etablissements hinzu. Herr Simon betont, daß das Bedürfniß für Errichtung neuer Synagogen in vollstem Maße vorhanden sei und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die für den Westen der Stadt projectirte Synagoge recht bald erbaut werden möge. Die Schulen, so bemerkt der Vortragende weiter, erforderten eine Summe von Mk. 105.000, wobei er der Auffassung entgegen zu treten versuchte — er wurde in der dem Vorträge sich anschließenden Dtscussion erfolgreich widerlegt — daß 10.000 Kinder der Gemeinde ohne Religionsunterricht seien. Die humanitären Einrichtungen haben eine Ausgabe von 240.000 Mark erfordert, wovon auf das Krankenhaus der Gemeinde Mk. 120.000, auf die Waisenaustalten Mk. 100.000 entfallen. Die Gemeinde ist — fährt Herr Simon fort — gut situtrt, und es werden

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