Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 36 (6.5.1895)
- Date
- 1895-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448594--40691-2489615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
680 Aboda. Während im Gebet das Gemüth sein Sehnen und Hoffen, sein Weh und sein Glück vor Gott aushaucht, ist jedes Wort der Thora ein Apell an den wachen, denkenden Geist. Diese Bereinigung von Denken und Fühlen, von Thora und Tefilla, von Bcth-Hamidrasch und Beth Hakneses, haben Israel bis auf den heutigen Tag die Helle des Geistes und Wärme des Gemüths bewahrt, haben sein Denken vor Ausartung in Schwärmerei gerettet und seine Glaubensinnigkeit gegen Verflüchtigung in kalte, abstrakte Spekulation geschützt. Es ist die Herrlichkeit Gottes, die sich in diesem harmonischen Zusammenwirken von Kopf und Herz manifestirt, die aus dem Leben aller derer leuchtet, welche tagtäglich von der Synagoge ihre Schritte ins Lehrhaus lenken. na nb n ivn miria-pDim «mon djdii nojan rvao küim K*»n .(td nn-Q) nw» »3d ^apDi nan Wenn die Schwungkraft des Gottesgesetzes es ist, welche Israel siegreich alles irdische Mißgeschick überdauern ließ und läßt, wenn der Flügelschlag des Thoragkistes uns über alles Herbe und Trübe das uns zu Boden ziehen wollte, adlerleicht und löwenstark, htnwepgchoben hat, so ist das Beth-Hamidrasch die Quelle, aus der die geistige Kraft und sittliche Macht quillt, welche die «mon tva »aVin, die Besucher des Lehrhauses auszeichnet. Diese energiebolle sittigende Kraft und Wethe, mit welcher das Beth Hamidrasch seine Besucher ausstattet, hat in allen Zeiten wahre Wunder vollbracht. Als die affyrische Heeresmacht das heilige Land unter ihr Joch zu bringen drohte, zerschellte dieses Joch an dem Geiste, mit dem die Stätten der Thora und des Gebets ein ganzes Volk getränkt batte. „Das Oel, mit welchem König Chisktjah die Synagogen und Lehrhäuser erleuchtete, lockerte das Joch Sancheribs. Statt das Schwert gegen den feindlichen Eroberer zu führen, stellte er es in den Dienst der Thorakunde, die von den Bothe Midrasch ausging. Damals fand sich im ganzen heiligen Lande von Norden bis Süden kein Am Haarez, von Osten bis Westen weder Knabe noch Mädchen, kein Mann und kein Weib, dem nicht die complicirteften Parthien der Thora geläufig waren." (Sanhedrin 94. d.) Und wie die Gesammtheit so fand in noch höherem Grade jeder Einzelne in dem Beth.Hamtdrasch den schützenden Port, der ihn alles Widerwärtige im Leben draußen derart vergessen ließ, daß auf die Frage, wie fortwährenden äußeren Feinden erfolgreich zn begegnen sei, die Antwort lautet: Suche früh und spät das Beth-Hamidrasch auf, und die Feinde vergehen von selber." Gitttn 7.) Wie der rege Verkehr mit den Genossen, der lebendige Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, wie vor allem das belehrende, mahnende Wort der Meister und Lehrer des Beth-Hamtdrasch, wie nichts sonst geeignet ist, die Leidenschaft zurückzudämmen und die schlummernde sittliche Kraft zu wecken und zu stähle», daß sie Siegerin bleibt, in dem Kampf gegen Leichtsinn und Sünde, darüber sind uns goldene Lebensregeln aus dem reichen Erfahrungsschätze unserer großen Altvorderen erhalten, die ihre geistige Höhe und sittliche Größe eben dem Beth-Hamtdrasch verdankten. „Wenn Dich die häßliche Leidenschaft ergreift, führe sie ins Beth- Hamidrasch." (Sukkah fol. 52.) u. a. m. Die Bedeutsamkeit des ganzen Geistes, der, von den Bothe Midrasch ausgehend, in den trüben, nächtigen Jahrhunderten des Exils, das zerstreute Israel erhalten und es bis hart an die Schwelle unserer Zeit mit der Kraft ausgerüstet hat sein schweres Geschick leicht und heiter zu ertragen, das hat in sinniger, inniger Weise der Psalm Commentar von Samson Raphael Hirsch zu dem V. 2 des 88. Psalm in folgende Worte gekleidet: Tim N7H2 ’npys di» Tag's schrie ich, Nacht's bin ich vor Dir,-habe ich am Tage „geschrten", hatte ich am Tage mit allen Qualen meiner Stellung unter den Völkern zu kämpfen und zu leiden, die Nacht findet mich aufathmend vor Dir, als dem Gott meines dauernden Seins. In der That, am Tag hatte der Jude zu kämpfen mit der Sorge um das Brod für Weib und Kind, mit den Feinden seiner Existenz, mit dem Hohn und der Verachtung, mit den böswilligen Plackereien, die man ihm allerorts in seinen ohnehin dornenvollen Lebensweg streute. Wie aber der Tag zur Rüste ging, rief die sinkende Sonne ihn heim, heim zu seinen Lieben, heim zu seinen Brüdern, zu seinen Büchern, seinen Bet- und Lehrhäusern, zum Verkehr mit seinem Gott, seinen Geist- und Gesinnungsgenossen der Gegenwart, und, meist tu Gemeinschaft mit ihnen, mit den großen Geistern seiner nationalen Vergangenheit, aus deren Schriften ihm Verständniß und Erkenntniß, Trost und Muth, Begeisterung und Kraft für seine gottgewiesene Lebensbahn quoll, und in deren Geiste er in gemeinsamen Wirken für werkthättge Bruderliebe und eines am Recht und Ordnung zu tragenden Gemetndelebens thätig war. Mit dem Quersack legte der wandernde Haustrer auch die Bürde des geplagten Lebens ab, athmete als Mensch, als freier Mensch, vor seinem „freimachenden" Gott auf und genoß ein Geistes- und Gemüthsleben und eine erfrischende Gemeinsamkeit, für welche dem ihn am Tage hetzenden Pöbel jedes Verständnis abging, von dem er keine Ahnung hatte, das er zu wenig kannte und glücklicher Weise noch mehr verachtete, um irgendwie störend oder maßregelnd darin einzugreifen. Bon Zeit zu Zeit