Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1895)
- Date
- 1895-05-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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665 Noth und Entbehrungen, Sorgen und schwere Arbeit hatten sein Haar gebleicht, seinen Rücken gebeugt, so daß er älter aussah als er in der That war. Dagegen leuchteten seine milden Augen noch im Feuer der Jugend und hatte ihn sein Humor nicht verlassen trotz der Arbeit und der schweren Sorge. „Guten Tag, Claus!" rief er schon von Weitem dem Bauern zu, der seinen Gruß freundlich erwiederte. „Willst Du Regen herbetgucken?" scherzte er, als er näher kam, „wird Dir wenig helfen. So lange die Welt so schlecht ist und die Macht unseres Herrgotts nicht anerkennt, so lange wird Er sie strafen, und leider müssen dann die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden." Der Bauer blickte den Juden von der Seite an. Er kannte ihn als einen frommen Mann, der stch um das Thun und Treiben feiner Mitmenschen, um derLN Glauben und Seligkeit niemals kümmerte, und der wohl seine Ursache hatte, so zu reden. „WaS hat Dir die schlechte Welt gethan?" fragte der Bauer, „daß Du so auf sie schiltst?" „Mir hat sie nichts gethan", erwiederte Apo« landt, „ebenso wenig wie Dir, aber wir beide müssen mit herhalten und Theil nehmen an der Gottesstrafe, die wir sicher nicht verschuldet haben. Doch was willst Du von mir? Du hast mich bestellt." „Ja, ich will Dir meine Schlafe verkaufen." „Jetzt schon? Roch ist nicht Zeit, Schafe auf den Markt zu bringen; hast Du Geld nöthtg, so sage nur, wie viel; ich schaffe e8 Dir zu mäßigem Zinsfüße." „Geld? Ich habe mehr Geld im Hause und auf der Sparkasse als ich je in meinem Besitz hatte. Leider! Nein, ich muß die Hämmel verkaufen, weil sie mir sonst zu Grunde gehen. Komme mit, betrachte Dir dieselben und sage, was sie werth sind." Avolandt rührte stch nicht von der Stelle. „Nun?" fragte der Bauer, indem er ihn er« wartend stehen blieb. „Es hätte keinen Zweck; ich kann die Heerde nicht gebrauchen." Der Bauer erschrack; er wußte, daß es kein Kniff von Apolandt war, um die Preise zu drücken. Wenn dieser sagte, er könne sie nicht gebrauchen, dann waren die Schafe keinen Pfennig werth und der Jude wollte ihm das nicht direct sagen. Aber was sollte er thun? Sollte er die Heerde zu Grunde gehen lassen? Die Sache war ernster als er gedacht hatte und rathlos blickte er bald zu Apolandt. bald zu dessen Sohne, der, mit einem jungen Teckel spielte und sich nicht an dem Gespräch betheiligte. „Ich muß sie aber verkaufe«, wenn ich sie nicht ganz verlieren soll", sagte der Bauer,; „sie finden nichts mehr auf der Weide und sterben vor Hunger." „Das ist schlimm; aber da muß auch Hilfe geschafft werden." Er besann stch eine Weile, dann sagte er: „I ch kann sie nicht kaufen, aber ich will sehen, ob ich einen Käufer finde und w:ll mich mit einer Provision von fünf Prozent begnügen." Der Bauer war damit einv.rstanden und bat Apolandt ihn nur nicht warten zu lassen, denn jede Stunde werde die Gefahr größer. Apolandt versprach sein Möglichstes zu thn und wollte sich entfernen. Da hielt ihn der Bauer zurück und sagte: „Kannst Du mir sechstausend Thaler gut unterbringen?" „Wie viel Prozont verlangst Du?" „Die Sparkasse gibt drei einhalb; ich bin mit vier einhalb zufrieden." „Willst Du eine Hypothek?" „Nein! ich muß mein Geld so anlegen, daß ich jeden Augenblick darüber verfügen kann und nicht erst ein Vierteljahr zuvor kündigen muß." „Dann kannst Du aber nicht so hohe Zinsen beanspruchen." „Weißt Du, Apolandt, Du verstehst das besser als ich, ich gebe Dir das Geld und Du ordnest mir die Sache. Es kommt mir auf die Zinsen gar nicht an; ich muß nur das Geld zu jeder Zeit wieder haben können." Ohne ein Wort der Erwiederung abzuwarteu ging der Bauer, den Juden mit sich ziehend, inS Haus und übergab ihm dort eine beträchtliche Summe. Als der gewissenhafte Jude ihm eine Empfangsbescheinigung ausstellen wollte, wehrte der Bauer mit den Worten ab: „Ach, das ist zwischen uns nicht nöthig!" Apolandt ließ stch jedoch nicht irre machen. Er stellte den Schein aus, unterschrieb und übergab denselben dem Bauern mit den Worten: „Nimm nur; es gehört stch so und ist auch wegen leben und sterben so besser." „Meinethalben." Claus nahm das Papier und verschloß es, ohne es zu prüfen, in der eichenen Truhe, die neben seinem Bette im Schlafzimmer stand. Dann begleitete er Apolandt bis zum Hofthor und bat abermals, ihm doch bald einen Käufer für seine Hämmel zu bringen. Als Apolandt seinem Sohn den Auftrag, den er von Claus erhalten hatte, erzählte, sagte dieser: „Das sind Geschäfte, bet denen nichts verdient wird und die einem außerdem noch Unannehmlich- I ketten bringen."