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Der Israelit · 1895-05-02 · Heft 35 (2.5.1895) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 35 (2.5.1895)
Date
1895-05-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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661 diese Forderung stellen, ihr Scherflein zur Linderung der Armuth beizusteuern bereit sind. Ja sie können sich noch bereden, daß ihr gutes, mitfühlendes Herz eS sei, welches ihnen den Anblick der Armen unerträglich macht. Wer will, daß andere geben, aber daß er selber nichts gtebt, der ist mißgünstig gegen den Armen, im Hinblick auf sein eigenes Vermögen. Hier ist es Mißgunst und Habsucht in ihrer gewöhnlichen Form, welche die kleine Einbuße des eigenen Besitzstandes höher anschlägt und deßhalb dem Armen die Thüre weist. Es ist das die engherzige Anschauung, welche den Armen gern versorgt sähe, sobald es nicht auf eigene Kosten geschieht, die deßhalb mit dem Munde sehr wohlthätig ist, andere sogar zur Wohlthätigkeit anregt, aber für sich selber nichts davon wiffrn will. Leute dieses Schlags finden ebenfalls beschönigende Vorwände in Hülle und Fülle, welche sie von der Uebuug derMildthättgkeit mit Anstand dispenstren; aber alle diese Vorwände sind Täuschung und im günstigsten Falle Selbsttäuschung. Das einzige, wahre Motiv ist und bleibt Mißgunst gegen den Armen, welche die Gabe eben lieber sich als dem Armen gönnt. Wer selbergibt undwill, daßAndere geben, der ist ein Frommer. Mit der Zedakah Spende, die wir aus unserem Besitz abschetden und sie dem Armen geben, haben wir der Zedakah-Pflicht genügt. Wer überall seiner Pflicht gerecht wird, ist; Zaddik, ein Gerechter. Wer über das gebotene Maß hinausgeht und mehr thut als seine Pflicht heischt, ist: Chasid, ein Frommer. Hier bekundet sich erst der Charakter des Spenders, zu dessen Feststellung die Erfüllung der Zedakah- Pflicht an und für sich keine Handhabe bietet: Es kann Jemand von Natur hartherzig, habsüchtig und knauserig sein, aber dennoch gewissenhaft feine Zedaka geben. Er gibt sie ja nicht aus Gutmüthtgkeit, sondern aus Pflichtgefühl. Das ist ja der höchste Triumph der von Gott gebotenen Pflicht, daß sie alle widerstrebende Neigungen und Affekte siegreich überwindet, ohne sich von denselben beeinflussen zu lassen. Das ist ja auch der Umstand, der den Empfänger der jüdischen Zedakah so wenig in den Augen des Gebers erniedrigt, wie z. B. der Steuererheber nicht in der Achtung der Steuerzahlenden sinkt, weil er Geld von ihnen annimmt. — Erst wenn die Fürsorge für den Armen den Spender sich nicht auf seine Gabe beschränken läßt, sondern ihn drängt auch andere für die gleiche Thal zu begeistern, erst dann handelt er wahrhaft edel und dieser Edelsinn hebt ihn zur Höhe des Chastd, des vollendet Frommen. — Dem steht in vollendetem Gegensatz derjenige gegenüber, mit dem unser Spruch schließt: Wer selber nicht geben will, und nicht will, daß andere geben, der ist schlecht. Diese schlechte Gesinnung ist leider viel häufiger vorhanden, als wir es un8 zugestehen möchten. — Sie offenbart sich in der Lieblosigkeit, mit welcher so vielfach über Arme und Armuth abgeurthetlt wird, die richtet und verurthetlt, wo sie helfen und stützen sollte, und schließlich dazu gelangt Armuth als Verbrechen und Retchthum zur Tugend zu stempeln. Diese Herzlosigkeit legt sich ein ganzes System zurecht, welches in dem Nachweis gipfelt, daß man durch dieses Unterstützungswesen, den Müffigang fördert und den Armen thatsächltch schade, indem man ihm zu nützen glaube, und wie die Beschönigungen und Sophismen alle heißen, in welche sich diese schlechte Gesinnung hüllt, um salonfähig zu erscheinen. — Es ist wunderbar, wie diese lieb- und herzlose Anschauung eine so weite tief gehende Verbreitung gefunden hat in Kreisen, die sich auf ihre Humanität und Menschenliebe nicht wenig zu gute thun. Sie hat sich so in den Sprachgebrauch htneingelebt, daß Redewendungen, wie: „Er war ein armer abev redlicher Mann" von Tausenden gedankenlos gebraucht werden, ohne daß ihnen eine Ahnung von der Perfidie aufdämmert, die in diesem „aber" liegt. Mit aber leiten wir immer etwas ein, was wir eigentlich nicht erwartet hätten. Dieses aber sagt daher, daß ja der Arme eigentlich von Hause aus schlecht und unehrlich ist, dieser Mann ist jedoch arm aber redlich. Würde man oft nicht viel zutreffender sagen: „Er war ein reicher aber redlicher Mann?" Die Armuth des Armen platdirt schon für seine Ehrlichkeit. Hätte er sich reich gestohlen und gelogen, so wäre er ja nicht mehr arm. Aber ob der Reichthum des Reichen so ohne weiteres ein Beweis für die Redlichlichkeit des Besitzers ist, das dürste doch wenigstens fraglich erscheinen. Ist es erst gelungen den Armen als schlecht und wtderwerthtg hinzustellen, dann ist es selbstverständlich ein gutes Werk die Schlechtigkeit nicht zu unterstützen und bet anderen die menschliche Regungen des Mitleids zu unterdrücken. Viele von denen, die nichts geben und auch andere vom Geben zurückhalten, werfen sich selbstbewußt in die Brust und geriren sich als die von Sentimentalität freien Retter der Gesellschaft, bei welchen das Gefühl nicht die Oberherrschaft über den Verstand erlangen und wie die billigen Redensarten alle sonst heißen. Und es gtebt viele solche Redensarten und muß ihrer viele geben, denn es gehört wahrlich ein gutes Stück sophistischer Dialektik dazu, um die

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