Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1895)
- Date
- 1895-05-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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660 ein bewährter Prüfstein für die Herzensbildung ist. Zedakah-Geben an und für sich ist so wenig Maßstab für das mehr oder minder gute Herz des Gebers, als es das Steuerzahlen für den Zahlenden ist. Zedakah ist in der biblischen Sprache, die Pflicht, treue, und in dem späteren Sprachgebrauch die pflichtgemäße Gabe an den Armen. Zur Zedakah ist jeder in demselben Maaße wie zu jeder anderen pflichtgemäßen Abgabe derart verpflichtet, daß, wo jüdische Gerichtsbarkeit existirt, man Zedakah sogar zwangsweise einsordern kann, npnsn by paroo — Daß jemand nicht Zedakah giebt, kann daher unter dem Regime des jüdischen Gesetzes faktisch gar nicht Vorkommen. Wenn unsere Mtschnah dennoch zwei Fälle aufzählt, in welcher der Betreffende gar keine Zedakah giebt. so ist dies schon deshalb nicht wortwörtlich zu nehmen, weil sie sonst nicht von Vieren sprechen könnte, die Zedakah geben, und unter diesen vier zwei aufzählt, die es nicht thun. Sie könnte bei ihrer Klasstficirung der verschiedenen Geber, diejenigen, die gar nichts geben, nicht als npis »jdu aufführen. Der Nachdruck liegt auf dem nsn, auf der Gesinnung, welche das Gcben begleitet. Alle viere geben; sie geben schon deshalb, weil man sie sonst durch Pfändung dazu zwingen würde. Aber es fehlt nicht an solchen, die gegen ihren Willen geben, die also nicht geben wollen. Der jüdische Zedakah-Geist, welcher die dem Armen gereichte Gabe, nicht als ein Almosen, sondern als eine pflichtgemäße Abgabe ansteht, ist leider selten geworden in einer Zeit, die nur zu leicht geneigt ist, den Armen Bettler zu nennen, und dann das Betteln d. h. das Ansprechen um eine Gabe als ein Unrecht zu bezeichnen, das mit Schub und Gesängniß bestraft wird. Um so mehr machen sich die Gesinnungen geltend, welche hier auf die Mißgunst der Begüterten zurückgeführt werden. Wer selbst geben will, nicht aber daß andere geben, der ist mißgünstig (gegen den Armen) in Bezug auf das was andere haben. Wer selbst geben will und auch wirklich giebt, hat damit nichts mehr als seine Pflicht gethan, von seinem Ueberfluß den Darbenden zu unterstützen. Erst wer sich nicht auf Erfüllung dieser Pflicht beschränkt und möchte, daß auch andere dem Armen helfen, hat mit diesem Wunsch sein gutes für den Armen warm schlagendes Herz bekundet. Wenn Jemand nun selbst giebt, aber nicht will das andere auch geben, der mißgönnt dem Armen diese Spenden anderer. Er hat seine Mißgunst gegen den Armen verrathen, indem er ihm die Gabe dritter vorenthalten möchte. Wenn das richtig ist, so liegt in dieser ausnahmslos ausgestellten Behauptung, eine bittere Wahrheit, die uns vielfach verbreitete Ansichten und Gesinnungen in ganz anderem bedenklicheren Licht erscheinen läßt, als unsere Eigenliebe sonst gelten lassen möchte. Biele von uns gtben dem Armen seine Gabe wie groß oder gering sie nun seine möge; aber wenn der Arme nun unser Haus verläßt und die anderen Häuser aufsucht, so nennen wir das „Wanderbettel" und stiften Kaffen und Vereine, um das „Vagabundenthum" zu beseitigen. Wir bereden uns dabet noch, als ob lediglich Humanität und Fürsorge für die Armen die Triebfedern dieser Stiftungen wären, ja wir rechnen an den Fingern her, daß die Armen auf d ese Weise ihre Rechnung sogar noch bester fänden, und glauben mit der Gründung solcher Armer-Vereine noch Wunder welch gutes Werk vollbracht zu haben. Unsere Mtschnah zerstört diese Selbsttäuschung durch die Behauptung, daß nicht Wohlwollen, sondern Mißgunst gegen die Armen die Quelle jener Gesinnung ist, welche möchte, daß die anderen nicht ferner geben sollen, wenn wir selbst sogar eine offene Hand für die Linderung der Armuth haben. Prüft man an der Hand der unbestechlichen Weisheit unseres Wetsen viele der angeblich zu Gunsten der Armen gestifteten Institutionen, so wird man zu demselben Resultate kommen. Man wird dann finden, daß viele unserer Armen Vereine zutreffender den Namen Reichen Vereine führen würden, weil sie mehr den Interessen der Reichen als denjenigen der Armen dienen. Die Armen selbst werden ja niemals um ihre Ansicht gefragt, die sie von diesen zu ihrem Besten gegründeten Vereine haben. Würde man sie fragen, so würde man ganz wunderbare Dinge zu hören bekommen. Sie verzichteten auf diese Weise der „Abfertigung", mit welcher die Armuth behandelt wird und würden laut gegen die Vortheile an Zeit-Ersparniß, Bequemlichkeit u. s. w. protestiren, wenn sie nicht eben zum Schweigen verurtheilt wären. Ihr Verdikt würde mtt dem unserer Väterweisheit übcretnstimmen, daß das letzte, einzige Motiv der Gesinnung, die nicht will, daß Andere geben, Mißgunst gegen die Armen ist, die ihnen selbst die Gaben anderer mißgönnte, auch wenn der eigene Besitz gar nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Man mag eben das von Haus zu Haus wandernde und an die Thüre pochende Elend nicht sehen. Die Noth ist aber zu stark, als daß man sie einsperren könnte, sie jagt ihre Opfer gewaltsam auf die Straße, um das Mitleid der Besitzenden wachzurufen. Die Widerwärtigkeit dieses wandernden Elends zu beseitigen, dafür gtebts kein anderes Mittel als die Parole auszugeben, die Anderen sollen nichts geben. Dabei kann eS aber immer noch sein, daß diejenigen, welche