Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 35 (2.5.1895)
- Date
- 1895-05-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448593--40669-2489592- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXVI. Jahrgang. M 35 Dcr Israelit. (Sin Kenlrak-Hrgan für das orthodoXe Zudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 2. Mai SVSS (18SS). Leitender Artikel. Sprüche der Wäter. Fünftes Buch. XXVIII. Mainz, 1. Mai. onnn un> nxmn NP-IL »jmaa nno P21N njn u'y in' vb xim Dnn« «rr onnt* toa njn u*y tyttn D^ntt wp;rp , Ton Q’Tttujn'i in» „Bier Sinnesarten machen sich beim Zedaka-Geben geltend: Wer selbstgeben will, nicht aber, daß andere geben, der ist mißgünstig (gegen den Armen) in Bezug auf das, was andere haben; daß andere geben, nicht aber, daß er selbst gibt, der ist mißgünstig (gegen den Armen) in Bezug auf das, was er selbst hat; daß er und andere geben, der ist ein Frommer; daß er und andere nicht geben; der ist schlecht." Die vorhergehende Mtschna hatte die verschiedenartige geisttae Begabung zum Gegenstand. Der vorliegende Väterspruch greift die Abstufung des menschlichen Gemüths. somit die Verschiedenheit der sittlichen Qualification zur Betrachtung heraus. Die bloße Nebeneinanderstellung dieser beiden Momente und der sich daran knüpfenden Consequenzen zeigt, wie das Kriterium besten, was die Menschen, sowohl unter sich als auch von jeder Kreatur scheidet, nicht auf intellectuellem Gebiet, sondern auf dem der Sittlichkeit liegt. Wir haben bereits bet Erklärung der vorhergehenden Mischna daran erinnert, daß die vier Arten von Schülern trotz ihre größeren und geringeren geistigen Begabung in gleicher Würdigkeit und Ebenbürtigkeit > dastehen. Der mehr oder minder geistig Begabte i wird dadurch nicht gut oder schlecht. Deßhalb ist | dort nirgends von p'iLUnd M-, die Rede. Dagegen! macht der sittliche Ernst und die vollendete Hingebung denjenigen, der sie bewährt, zum Ton und läßt denjenigen, dem sie ganz abgeht, als j/ten erscheinen. So einfach und selbstverständlich dies ist, so wenig wird ihm in Wirklichkeit entsprochen. Die meisten Menschen nehmen es übler auf, wenn man sie beschränkt, als wenn man sie schlecht nennt. Sie hören es nicht nur lieber, wenn man sie für klug, als wenn man sie für gut hält, sondern das Attribut gut, ist im Sprachgebrauch so tief gesunken, daß man vielfach mit der Bezeichnung: „ein guter Mensch" geradezu einen beschränkten Menschen meint. — Diese geringe Taxirung sittlicher Vollendung einerseits und eine übertriebene Werthschätzung geistiger Befähigung andererseits hat unserem ganzen sozialen Leben ihr eigenartiges, materialistisches Gepräge aufgedrückt. Sie ist es, welche die geringere geistige Begabung durch vieles Misten zu ergänzen und die Höhere noch mehr zu vollenden sucht. Unsere Schulen werden dadurch zur Dreffuranftalten degradirt, in denen möglichst vieles gelernt, aber wenig wirklich gebildet und erzogen wird. Der Geist wird ausgebtldei, aber das Gemüth geht leer aus. Die Schulen begreifen sich in erster und oft in einziger Reihe als Mittel zur Aneignung von Lehrstoff, unbekümmert darum ob und in welcher Weise das Gelernte in Thaten umgesetzt und so nun auch verwirklicht wird. Die auf Kosten der Geistesbildung vernachlässtgte Herzensbildung soll dann durch feine Manieren und angelernte Anstandsformen dürftig und zum Schein ersetzt werden. Dicser Anschauung tritt schon die Rangtrung der verschieden begabten Schüler und der verschieden gearteten Mtldthättgen entgegen, und legt uns auch bet nur oberflächlicher Betrachtung die Wahrheit nah;, daß nicht unser Wissen, sondern unser Leisten über gut und schlecht entscheidet. Es ist aber hier gerade die Zedakah-Pflicht, oder vielmehr die ihre Ausübung begleitende Gesinnung hervorgehoben, weil diese in der That