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Der Israelit · 1895-04-29 · Heft 34 (29.4.1895) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 34 (29.4.1895)
Date
1895-04-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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bestätigt find, so gewiß und noch viel gewisser hat die in der schriftlichen Thora vorgesehene Gesammtheitsrcpräsentanz „Im Namen Gottes" den zweiten Feiertag eingesetzt, von dem uns daher keine Abfallspropaganda abwendig machen kann. Statt so und ähnlich mit Aufgebot aller geistigen und sittlichen Kraft für die unantastbare Heiligkeit unserer Heiltgthümer in die Bresche zu treten, welche eine alles nivelltrende Zeitströmung gerissen und täglich mehr reißt, sehen wir da einen Rabbiner vor aller Welt unsere nach Jahrtausenden zählenden, von den Vätern überkommenen Institutionen der öffentlichen Verachtung pretsgeben und das alles ohne Schaam mit der ausgesprochenen Rücksicht auf die materiellen Bedürfnisse, mit Gewerbe- und Handelsfreiheit, kurz mit der Suche nach Brod begründen! Und das dünkt sich gebildet, aufgeklärt, fortgeschritten und auf der Höhe der Zeit! Da möchten wir denn doch fragen, ob der letzte, ungebildete Jude im letzten badischen Dorfe, der seinen Feiertag nach Gottes Willen feiert, der mit seinen Wochentagskleidern seine Wochentagssorgen abgelegt, der seinen materiellen Interessen keinen Einfluß aus feine von Gott geheiligten Zetten gestattet, wir möchten fragen, ob das Gottvertrauen, der Idealismus, die Herzensbildung eines solchen Dorfjuden nicht thurmhoch über die niedere, Futter suchende Denkweise erhaben ist, die sich nicht entblödet, unsere höchsten heiligsten Anliegen den Anforderungen der Gewerbe- und Handelsfreiheit zu opfern?! Herrn Dr. Sondheimer ist vielleicht selber eine Ahnung von dieser Ungeheuerlichkeit im Munde eines Rabbiners aufgegangen und er hat sich beeilt seinen handelspolitischen Herzensergießungen ein religiöses Mäntelchen umzuhängen. Er will uns bereden, durch die Abrogirung des zweiten Feiertags, werde der erste Feiertag um so lieber und würdiger begangen. Je länger ein Fest dauere, desto mehr erschlaffe seine Feier. Die Feier des zweiten Festtages sei keine Lust, sondern eine Last, und so geht es in dieser Tonart weiter. Es verlohnt sich nicht auf dieses Gerede auch nur mit einem einzigen Worte zu entgegnen. Wenn Herr Dr. Sondheimer selber glauben sollte, was er uns plausibel machen möchte, so braucht er sich nur die wenigen Gemeinden anzusehen, welche den zweiten Feiertag wirklich schon längst aufgegeben haben. Er wird dort wenig oder richtiger gar nichts von einer erhöhten Feier des ersten Feiertags vorfinden. Wie könnte es auch anders sein! Je länger ein Fest dauert, desto mehr erschlafft eS, und je kürzer es ist, desto festlicher ist ch. Dann müßte gar kein Fest, das doch die größte nur denkbare Kürze repräsentier, das höchste Fest sein! Während unsere Thora lehrt vd’öiö ttnipn by daß man von dem Wochentage noch zum Feste freiwillig einen Thell htnzufügen soll, lehrt Herr Dr. Sondheimer?inn by rmpo tb’oid daß man von unseren Feiertagen noch ca. 50% dem wochentägigen Leben überlassen soll. — Und dieses Attentat nennt sein Attentäter nicht Hillelismus oder Sonderheimerthum, sondern Judenthum, geläutertes fortgeschrittenes Judenthum! Er wird nicht viel Anhänger für diese funkelnagelneue Sorte seines sogenannten Judenthums finden, und deßwegen können wir seinen Schlußpaffus mit Stillschweigen übergehen, da er von den Consequmzen handelt, welche die Abstellung des zweiten Festtages nach sich ziehen wird. Es soll dann ‘ieji» msD und zb\b cvixd immer am ersten Tage erfüllt werden, auch wenn derselbe auf einen Sabbat fällt, und am 8. Tag Peßach pan gegessen werden dürfen. Wir vermißten im ersten Augenblick noch die Consequenz, daß an den zu Wochentage und Chol hamoed degradirten Festen, denn auch Tefillin zu legen sein. Zur rechten Zeit fiel uns jedoch noch ein, daß Herr Dr. Sondheimer jedenfalls seinen Entwurf im Sinne feinen Vorgesetzten Behörde, des badischen Oberraths der Israeliten ausgearbeitet hat. Da die Chol-Hamoed- Tage gewöhnlich für Reisen benützt werden, auf Reisen das Tefilltnlegeu aber durch oberräthlichen Ukas ohnedies unstatthaft ist, so hat Herr Dr. Sondheimer in der Nichtaufführung dieser Consequenz jedenfalls lnö'ffV gehandelt. Im übrigen empfiehlt sich Herr Dr. Sondheimer als friedlicher, jedem Zwang irreligiösen Dingen abholder Reformator. Er möchte seine Neuerung keiner Gemeinde aufoktroyreu. Wenn sich in einer Gemeinde nur eine Minorität befindet, welche den zweiten Festtag beizubehalten wünscht, so duldet das Herr Dr. Sondheimer nicht nur, sondern er möchte ihr sogar den gleichen Schutz gewähren bezw. die synagogale Feier ermöglichen. Hier hat Herr Dr. Sondheimer jedenfalls mehr Friedensliebe als Verstand verrathen. Wir möchten bezweifeln, ob er sich die Situationen und Compltcattonen klar gemacht hat, zu welchen diese Concession führen kann. — Denken wir uns eine Landgemeinde, von welcher ein Theil dem Judenthum treu bleiben und eine andere dem Sondheimerthum Heeresfolge leisten möchte. Der erste Theil betet die v"i'-Gebete mit -imo, svnnn rw’ip, »pio und coro nro, während der andere Theil bin n?on betet. Sie einigen sich auch über die Zeit, so daß die eine Parthie die Synagoge vorher und die andere ste später benützt. Beide Parteien haben aber zusammen nur einen Darf dieser sich auch zu der einen oder der anderen Richtung bekennen, dann fehlt

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