Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 33 (25.4.1895)
- Date
- 1895-04-25
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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639 Niveau, so ständen fie doch niedriger. Die aus Rußland und Polen Eingewanderten haben ausnahmslos Dank der hingehenden Sorgfalt, welche zu Hause der Thora zugewandt wird, in der Jugend etwas, zum Theil sogar beträchtlich viel gelernt. Bei den hier Eingesessenen wächst schon eine zweite Generation heran, die in der Jugend so viel wie nichts von alledem gelernt hat, dessen Kenntniß für das jüdische Pfltchtleben unerläßlich nöthig ist. Die letzteren haben nie das Beispiel eines jüdischen Gemeinde- und Einzellebens wie es sein sollte vor sich gesehen; sie sind Irrende (qvuw) die von ihrem Jrrthum keine Ahnung haben und ihm daher nothwendtger Weise verfallen und unterliegen müssen (o’dum). Aber meine Landsleute, die sich von den primitivsten Anforderungen des Religionsgesetzes emancipirt haben, kennen ihren Gott und lehnen sich mit vollem Bewußtsein gegen denselben auf. Ich muß einräumen, daß fast alle einen schweren Kampf um das Stück Brod zu kämpfen haben und daß die gewissenhafte Beobachtung von Thora und Mizwoth ihnen doppelt Opfer auferlegt. Aber dieser Kampf und die Anforderungen, die er stellt sind ihnen nicht neu. Er war zu Hause heißer und dennoch haben sie dort als gesetzestreue Juden und Jüdinnen gelebt, während sie hier alles specifisch Jüdische wie alten Trödel wegzuwerfen suchen. Ein Theil von ihnen hat seit einigen Jahren allerdings eine Art religiöse Vereinigung gebildet, einen Betsaal gemtethet und seit einigen Monaten auch einen Lehrer für ihre Kinder engagirt, der voll und ganz auf dem Boden unserer heiligen Thora steht, aber dadurch in.der That völlig isolirt dasteht, wie eine Myrthe unter Nesseln. ('zb'n 'Z'I ’Npn non). Ich brauche nicht erst zu sagen, daß auch er keinen Bissen Fleisch in Zürich genießt, wenn er es sich nicht von auswärts kommen läßt und es sich selber zubereitet. Mit dieser Vereinigung und ihren primitiven Institutionen hat es folgende Bewandnitz. Wie der Judenhaß das Wort „Jude" im Munde führt, um damit alles Verschlagene, Listige, Unredliche und Verächtliche mit einem einzigen Ausdruck kurz zu charakterisiren, genau in derselben Weise führen viele Deutsche m-d Schweizerische Juden das Wort „Pollack" im Mu ^de. Um als Pollack zu gelten, braucht man nie Polen betreten od?r gcse.jcn zu haben. Wer durch sein Lprächrbiom verräth, daß er außerhalb der Deutschen oder Schweizerischen Grenzpfähle zu Hause ist, auf dem ruht das Odium eines Pollack. Mit einem Pollack will man nicht gern zu thun haben, man geht ihm aus dem Wege, man beschränkt den Verkehr mit ihm auf das Nothwendigste, kurz man sähe es am liebsten, wenn man ihn gar nicht sähe. (In Parentese erlaube ich mir Angesichts der gehässigen Lieblosigkeit, die sich heute gegen Juden gerade in den Culturstaaten so fühlbar geltend macht, auf die ergreifende göttliche Waltung hinzuweisen, wie fie „Maaß gegen Maaß" heimzahlt. Mit welchem Recht können wir auf Menschenliebe Anspruch erheben, wenn wir selber den eigenen Brüdern die Bruderliebe schuldig bleiben!) Unter diesen Umständen waren die hiesigen russischen und polnischen Angestedelten genöthigt, nicht aus religiösen sondern aus socialen Rücksichten sich ihren eigenen Betsaal zu miethen und ihre Kinder von einem eigenen Lehrer unterrichten zu lassen. Damit ist aber auch der ganze religiöse Fonds erschöpft. Wäre es anders, so müßte man doch etwas von der Religiosität merken. Man 'stößt aber auf Schritt und Tritt auf das Gegenthetl. — Es ist hier nicht einmal ein mpo vorhanden, im Geschäfte, im häuslichen Leben, macht sich ein rav geltend, der wirklich haarsträubend ist, besonders für Jemanden, der, wie ich weiß, daß diese Leute vor wenigen Jahren noch den Sabbath in der Heimath gewissenhaft beobachteten und von der Rücksicht auf unsere Speisegesetze auf ivd und hb-id --davon möchte ich am liebsten gar nicht reden, wenn ich nicht meinem Frankfurter Freunde, Rechenschaft darüber schuldig wäre, warum ich seine Gesellschaft beim Nachtessen zurückweisen mußte. Ich wiederhole, daß mir die Absicht fern liegt eine Kritik an den Zuständen und Institutionen der hiesigen jüdischen Gemeinde üben zu wollen. Im Gegenthetl muß ich betonen, daß die russischen Ekngewanderten vielfach von dem Wohlthätigkeitssinn, der in der hiesigen jüdischen Gemeinde herrscht, in so liberaler Weise unterstützt werden, daß es undankbar wäre dieses zu verkennen. Wenn dort nicht alles so ist, wie eS sein sollte, so habe ich keine Veranlassung mich darüber aufzuhalten. Was mich empört ist die Lethargie, der religiöse Leichtsinn, die frivole Geringschätzung, mit welcher meine Landsleute sich mit diesen Zuständen abstnden. Von ihnen kann ich getrost sagen, und will es vor Gott und den Menschen verantworten, daß nicht ein einziger einen koscheren Haushalt hat! Wie zuverlässig oder wenig zuverlässig die rwnv ist, darüber habe ich kein Urtheil, da das Fleisch in Folge des Schächtverbots von der italienischen Grenze bezogen wird. Angenommen das Fletsch wäre von dort aus zweifellos ivd, so wird es^dennoch nsiv, sobald es von Metzgern ausgegeben wird, die trotz ihrer ungenügenden, religiösen Vertrauenswürdigkeit ohne jede Controlle ihr Geschäft betreiben. Und diese Metzger porschen sogar Hinterviertel, und