Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-04-25 · Heft 33 (25.4.1895) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 33 (25.4.1895)
Date
1895-04-25
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448591--40646-2489567
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

638 außer Ihrem Ukberfluß an wichtigerem Stoff die Ursache des verspäteten Erscheinens. Ein hiesiger geistlicher Herr, hat vermuthet, daß die Grobheit seiner Sprache meinem zweiten Tagbuchblatt die Spalten des „Israelit" geschloffen habe. Er gehört zu den „Gebildeten," welchen Grobheit und Wahrheit Synonima sind, denen man eine Grobheit sagt, wenn man ihnen mit der Wahrheit kommt, und denen man daher in Wahrheit am besten diente, wenn man ihnen mit Grobheit entgegen träte. Wer wollte auch bet einem russischen Hausirer, der sich unter die Zeitungsschreiber verirrt hat, Feinheit und Bildung suchen! Ich habe so wenig Zeug, selbst zu einem Tagbuchschreiber, daß ich sogar den Faden verloren hätte, an den ich diese Fortsetzung knüpfen wollte, wenn er m r nicht gestern in Gestalt meines jungen Frankfurter Freundes zu meiner freudigen Ueberraschung hier begegnet wäre. Ich haustrte gestern Abend im Hotel Habis, gehe von Mann zu Mann, preise meine Hemdenknöpfe, Zahnstocher, Eigarrenspitzen, Seife, Ohrlöffelchen, Portemonnaies und Hosenträger an-da fitzt er, mein Frankfurter Gönner, er war es wirklich! Wir hatten uns gleichzeitig erkannt und unsere Freude war eine gegenseitig herzliche. „Wie kommen Sie hierher?" „Ganz, so wie Sie und sogar in derselben Eigenschaft wie Sie. Ich bin auch Hausirer aber in Tuckwaaren. Man nennt mich und meinesgleichen „Reisender." Das Kriterium aber, welches uns vom Hausirer unterscheidet, habeich trotz vielen Nachdenkens noch nicht ausfindig machen können. Ich führe nur Muster, aber Sie sind selber eines. Ich werde oft moralisch hinausgeworfen, Sie wahrscheinlich auch. Worin unterscheiden wir uns eigentlch?" Es entging mir nicht, daß mein Freund den Unterschied zwischen einem Reisenden und einem Hausirer wahrscheinlich ganz gut kennt und daß es nur seine zarte Rücksicht war, welche mich xar kores zum Kollegen stempeln wollte. — Er nölhtgle mich eine Tasse Thee mit ihm zu nehmen, und ich nahm die Einladung gerne an, denn es war bitter kalt draußen. Er erwartete noch einen anderen Freund, mit dem er dann zusammen zu Nacht essen wollte. Als dieser ausbüeb, bat er mich, ihm zum souxer Gesellschaft zu leisten. „Was haben Sie zu essen", fragte ich, indem wir uns zum Weggehen anschickten, in der Voraussetzung, mein Freund speise auf seinem Zimmer und zehre von seinen Frankfurter Fleischtöpfen. „Was wir zu essen haben, das werden wir erst aus der Speisekarte im Restaurant N. N. erfahren; aber Sie brauchen deßhalb nicht besorgt zu sein." Ich sah meinen Begleiter groß an. — Ich muß bemerken, daß mein junger Freund in Frankfurt unter die exquisite Elite pi-rnv) der dortigen Orthodoxie zählt. Er bersäumt, wenn er zu Hause ist, keinen Tjr», keine -na’sn nbsn, er trägt selbstredend nicht an raff, und — ißt in Zürich! Ich machte aus meinem Staunen gar kein Hehl, aber mein Begleiter gab sich nicht so leicht gefangen. Seit 4 Jahren besuche er regelmäßig die Schweiz, er kenne dieselbe ganz genau, sein Restaurateur beziehe sein Fleisch von dem benachbarten Baden und anderes mehr. Wenn Jemand sich in einer fremden Stadt aufhält und einen hungrigen Magen hat, dann kann man über ibo und nsnta mit einem solchen nicht gut diseutiren. Der knurrende Magen behält dann gewöhnlich Recht. Mein Freund und Gegner machte mir die Offerte mit mir zu speisen, wenn ich nicht mit ihm speisen wolle. Dieses Entgegenkommen brachte mich so sehr in Verlegenheit, daß ich alle Anstrengungen machte, mich mit Anstand loszureißen. Ich schützte Geschäfte und alles Mögliche vor und wir trennten uns, nachdem wir uns verabredet hatten, uns Freitag Abend wieder zu sprechen. Seit den langen Monaten, während welcher ich hier lebe, ist es meine angelegentliche Sorge, wenigstens einmal in der Woche einen koscheren Bissen Fleisch zu bekommen; aber man macht sich keinen Begriff, wie schwierig das ist. Einige streng fromme junge Leute aus Deutschland, Studenten und Geschäftsleute fahren täglich ein und zweimal nach Baden, um dort -itto zu essen. Das zu thun, erlauben meine Verhältnisse nicht. Ich will über die officielle Züricher Gemeinde hier nicht sprechen, sondern nur über meine Landsleute, die sich dort zahlreich niedergelassen haben. Die Züricher Gemeindezustände und Institutionen sind vielleicht nicht einmal so zerfahren und verlottert, wie sie mir schon vor meiner Ankunft in der Schweiz geschildert worden waren. Aber ich dachte mir, die russischen Emigranten, die ich zum Theil von Hause aus kannte, von denen ich wußte, daß sie in der Heimath streng nach den Anforderungen des Religionsgesetzes lebten, sie müssen doch wenigstens in den langen Jahren ihres hiesigen Aufenthalts dafür gesorgt haben, daß man hier als Jehudi leben kann. Von dieser Illusion bin ich längst geheilt. So schmerzlich es mir ankommt, ich mutz es laut vor aller Welt sagen: Die hier wohnenden Russen und Polen haben fast ausnahmslos der Thora und den Mizwoth noch geringschätziger den Rücken gekehrt, als die officielle jüdische Gemeinde und ihre Mitglieder. Ständen sie aber selbst auf demselben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.