Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 33 (25.4.1895)
- Date
- 1895-04-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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629 2Dpu »JN nvwy »Knechtschaft gebe ich euch" 'S-?-V, ergänzt Raschi, 2'D-> -ij? »weil auf seinen Nacken gleich sam das Joch vieler gelegt ist;" nannte sich sogar auch der große Friedrich von Preußen nicht anders, als den ersten Diener des Staates." In der Thal, meine verehrten Festgenossen, das Feld, welches sich meiner Thätigkeit hier eröffnet, ist ein weites, mit einem Blicke kaum übersehbares, aber rnyD auch ein ergiebiges. Denn gerade hier in diesen Gegenden beginnen Gottesfurcht und GotteSerkenntniß wieder in den Herzen sich einzunisten und neue Lebenskraft zu entwickeln, sprießende- Keimen regt sich schon im Schootze der Erde; fromme Glaubensvereinigungen erheben sich zur Höhe der Gottesidee, schließen sich zum festlichen Reigen, errichten in ihrer Mitte den Altar wahren Glaubens und göttlich Heil ringt sich schon singend empor. Das sind die Vorboten schon einer besseren, großen Zeit, die vernehmbaren Tritte der Heilsverkünder, der aus der Ferne zu uns schon herübertönende SiegeSklantz voranstürmender Herolde, der schon näher rauschende Flugelschlag der kommenden Stunde des himmlischen Triumphs. Nacht und Nebel zerrinnen, der Morgen tagt, das junge Roth sendet schon seine ersten Strahlen, Glaube und Religion rütteln sich aus des Schlummers Banden, Gottdurchdrungenheit wird wieder wach. Besonders da draußen auf den weiten Feldgebieten des Landes, allwo die Natur und ihre Schöpfungen dem mit Auge und Herz begabten Menschen von Gottes weiser Kraft predigen, beginnt der lohe Funke im Innern der Brust wieder zu glimmen und zu glühen und wartet des Sturms, der ihn zu Flammen, zur rvrDrfctf entfacht. Hier möchte ich daS Wort des Talmuds anwenden jQ fi^H l-'Sr< 1JD N’DtP „Selbst das Haupt einer Grube bestimmt der Himmel, 2'Q NH'S.I Nir-r-Q- „um die Gruben, wie der Raschikommentar ergänzt, mit Wasser zu füllen sTlS nipLPn? HD pnrw und damit ihre Felder zu tränken. Nun ich soll und ich will unter göttlichem Beistände die Gefilde da draußen tränken, aus daß dem schon fast verwesenden Kern neue Keime entsprießen; das sei meine heiligste Aufgabe Besuch der Landgemeinden und Pflege der Religion daselbst. Und ist die Aufgabe auch schwer, doch nH VJ>”DD ina? NDH „wer da kommt, um zu reinigen, zu säubern, zu läutern, den unterstützt der Himmel." Nächstdem ist eS die Synagoge selbst, deren Erhaltung und Pflege mich beschäftigen soll. Wenn durch das Gewirr des Weltengetriebes während der Tage der Arbeit und Mühen der Bruder sich von Bruder, der Freund sich vom Freunde trennt, die Synagoge, das Gotteshaus ist da der Versammlungsplatz, indem alles, was bis dahin fremd und unbekannt an einander vorbeigegangen ist, sich aneinanderfchließt, sich zusammenkettet zum Bunde d«S Glaubens, sich verschwistert in der Harmonie der Gottesverehrung. Hier lebt der Ermattende aus, findet Halt der Sinkende schöpft Athem, feiert Ruhe und Erholung, in den wechselvollen Bewegungen der Lebensmühen der Arbeitende und Schaffende. Hier, in die heiligen Hallen des Tempels, tritt das Volk in geweiheter Einmüthigkeit und Eintracht, ein Zusammenklang der verschiedenartigsten Elemente, hinein. Da aber ist es die wichtigste Sorge, die bedeutendste Ausgabe des Seelsorgers dahin zu wirken, daß Gebet und Andacht nicht blos äußerer Gottesdienst seien, nicht in die peinlichen Schranken eines blos nachgeäfften Tempelanstandes eingeengt werden, daß nicht das aufstrebende, sich emporschwingende Gefühl durch die bleiernen Gewichte langsamer, schleppender, schwerfälliger, aus der Fremde herübergeholter Erbauungsformen beschwert werde, daß nicht die Begeisterung, die Freude vor Gott, die da leicht ist wie der Adler, hurtig wie der Hirsch, stark wie der Löwe, kühn wie der Tiger, zu thun den Willen ihres himmlischen Vaters, daß sie nicht geschmiedet werde an den Block toter Mittel, welche bloß^ NachahmungSsucht geschaffen. Da soll der Raw sorgen, daß die GotteSverehrung nicht Schaale ohne Kern, Körper ohne Seele, ein geistloses Gewebe von Bewegung und Geberden, eine D’EUN mso ein bloß angelerntes Menschengebot sei, der Gottesdienst, nur Schein und Schatten, Unwissenheit, Trägheit, Heuchelei und Selbstbetrug nicht begünstige. Da muß der Seelsorger eben von Zeit zu Zeit durch erbauliche Vorträge auf die Gemüther einzuwirken suchen, erfreuend und ermunternd, belehrend und erhebend, mahnend und warnend; er muß die Besucher der Synagoge die hohe Bedeutung der Gebete von ihren erhabenen Gesichtspunkten aus kennen lehren, damit die Zeit, die nur am Niederreißen Gefallen zu haben scheint, nichts am synagogalen, von Alters her durch Ursprung und Tradition geheiligten Gottesdienste ändere und kürze. Doch gehört auch in das Bereich des Kanzelvortrags, zum GesetzeSstudium, zur Ausbildung göttlicher Gebote, zur Erfüllung der Pflichten zwischen Menschen und Menschen anzuregen und zu begeistern. Darum sei n"ty3 die Kanzelwirksamkeit eine meiner hervorragendsten Aufgaben. Doch nicht soll hier daS Panier des Herrn mit allerlei Tand und Flitterputz der hohlen Phrase behängt werden. Von der Kanzel herab theile sich der Rabbiner seiner Gemeinde belehrend mit, spreche offen, frei, wahr, ohne Rückhalt und Scheu, geißele mit der Sprache Allgewalt die Schäden der Zeit; er umgebe sich nicht mit einem trügerischen Glorienschein, suche nicht von der Masse durch falschen erborgten Nimbus sich in ein geheimnisvolles Dunkel, zu hüllen, als sei er unnahbar, und unzugänglich, klar und frei, jedermann nahe und bereit, stelle er sich als Vertreter des Herrn in die Mitte des Volkes. ' Diese Anschauung von dem Berufe, der Würde, der Bestimmung des Raw sei mein Leitstern auf dem Pfade der Seelsorge. Die Synagoge ist im Judenthume nur Mittel zum Zweck t£HpD lttfjJl und sie s"llen mir machen ein Heiligthum □D'irQ TiJDttN, daß ich in ihrer Mitte bleibe. Die Heiligkeit des Tempels werde übertragen auf die des Hauses, die Seele bleibe nicht nur in der geweihten Stätte des Gottesdienstes festlich geschmückt, sie prange ewig im Feiergewande vor Gott, ob im Tempel oder in der häuslichen Welt oder draußen im geräuschvollen Treiben des Verkehrs. Das Leben des wahren Israeliten im Hause und außerhalb desselben auf dem Geschäftsmarkte ist wichtiger und kerniger als daS flüchtige Gefühl der Andacht, die wallende Empfindung eines Augenblicks wahrend des kurzen Aufenthalts im Gotteshause. Neben der Kanzelwirksamkeit hat der Rabbiner noch andere Pflichten zu erfüllen. Er muß auch für das jüdische HauS seiner Gemeindeglieder Sorge tragen, er mutz auch riN-nn miD sein, über nno und ndd, über 1WJ und DSHD, über tidn und imo gewissenhaft entscheiden VT rYPpn JDNn iOttf, daß kein Versehen, kein Irren und Verschulden durch ihn, Gott behüte, geschehe; er muß darum ununterbrochen an seiner religiös-wissenschaftlichen Weiterbildung arbeiten, lernen und forschen im Gotteswort, damit er jeder Zeit diese eine seiner wichtigsten Amtspflichten, die gewissenhafte und rechte Entscheidung die Haussatzungen betreffender Fragen, zu erfüllen bereit und im Stande sein. Auch dahin sei nach Maaß meiner Kräfte meine Thätigkeit gerichtet. Endlich, doch nicht an letzter Stelle, sei die Pflege der Schule, der Jugendunterricht, mein Sorgen und Bestreben. Der Mensch arbeitet nicht sowohl für sich, für seine Zeitgenossen, als vielmehr für die Nachwelt, für Kind und Kindeskind. Werke von Dauer werden ins Leben gerufen, im Hinblicke auf die kommenden Geschlechter; selbst und besonders Heiligthümer werden in solcher Kraft und Fülle des