Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-04-22 · Heft 32 (22.4.1895) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 32 (22.4.1895)
Date
1895-04-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448590--40611-2489531
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

612 &~ä2rT&$C7 Quantität steht Rußland oben an — wie in den meisten Badeorten für Lungenkranke. Da steht man in vielfacher Gestaltung den Chostd in biS auf die Erde gehendem Talar, die Hüften, mit einem Strick umwunden, der in zwei Quasten endet. Daneben der Nationalruffe mit der russlfchen Mütze auf dem Kopf, mit wohlgepflegtem Bart und einem Anzuge, wie er dem russischen Natkonalgeschmack entspricht und endlich der feine Russe, der sich xsntlsmau Ms kleidet. Der galizlantsche Chosio ist von dem russischen nur schwer zu unterscheiden. Kleidung. Manieren und Lebensweise, alles stimmt überein und Beide finden sich auch sofort zusammen. Sehr reserviert hält sich der Engländer, der in vornehmer Zurückgezogenheit abseits steht. Man merkt ihm das Opfer an, das er seinem Glauben bringt — die polnischen Glaubensgenoffen gefallen ihm nicht. Dagegen läuft der Berliner plaudernd umher, spottet, neckt und wird geneckt, während Süddeutschland und Orstereich sich brüderlich die Hände reichen. Führwahr, eine intereffante Vlumenlese. Dort der schmächtige Knabe im langen Rock, der nur etwas Farbe in die bleichen Wangen bekömmt, wenn er in begeisterter Weise sein Gebet verrichtet, wird kaum auf 15 Jahre taxiert. Doch er zählt schon 19. Jahre und ist seit einem Jahr bereits glücklicher Familienvater. Die rauhe Hand des Arztes hat bas eheliche Band getrennt und ihn aus seiner Warschauer Hetmath hierher verbannt, in Begleitung seiner jugendlichen Mutter. Ihm gegenüber sitzt eine Dame aus berühmter jüdischer Familie — wie überhaupt so mancher vielgenannte jüdische Name hier vertreten ist. Sie ist die Wittwe eines bekannten Rabbiners und Talmudgelehrten und zeichnet sich durch hervorragende und geradezu rührende Frömmigkeit aus. Ihre Mazzoth, natürlich Schmuroth, führt sie stets in ein großes Tuch eingehüllt bei sich, auch ihr eigenes Bestcck gebraucht sie, mit einer Schnur elegant zusammengewunden. Die Ausübung ihrer Frömmigkeit wird ihr hier aber nicht so leicht, wie sie vielleicht glauben mochte, denn auch die Restauration Bermann hat ihre Gamins, einige lustige junge Leute, die zur Begleitung leidender Verwandten hierhergekommen sind. Die arme Frau darf nicht den Rücken verwenden, so wird ihr ein Stück gewöhnlicher Mazze in ihr Bündel Schmuroth geschoben. Wenn sie zurückkommt und es bemerkt, geräth sie in große Aufregung und die Gamins lachen. Manchmal findet sie gar ihre Teller, Meffer oder Gabeln vertauscht — es ist schrecklich! Die Folge davon ist, daß sie sich von ihren Eßwerkzeugen und Schmuroth fast niemals trennt, sondern stets ihr wohlgeschnürtes Bündel mit sich umherführt. Nicht weit von ihr sitzt ein Norddeutscher. „Sonst halte ich nicht viel davon," meint er. „aber anD-ßachZund^Jom Kippur esse ich immer koscher." " Orthodox und reformirt, arm und reich, jung und alt, alle Gegensatz: findet man hier vereinigt, ja, dort in der Ecke sehen Sie sogar in Mitten einer Schaar schwer bekümmerter und schwer leidender Menschen ein jugendirtsches, junges Pärchen, das sich auf seiner Hochzeitsreise hierherverioren hat. Jeder Gast ist Gegenstand ihres Jnteressts, ihrer Theilnahme oder auch ihres Humors. Ich glaube sogar, daß der letztere überwtegt, denn dte Beiden haben Stunde.!, in denen sie aus dem fröhlichen Lachen nicht herauskommen und die Heiterkeit dieser beiden glücklichen Menschenkinder wirft einen sonnigen Reflex auf das Antlitz so manches Leidenden. So groß aber auch sonst die Gegensätze sein mögen, in einer Sache finden sich sehr viele gleichgestimmte Sreleri, im „Mazzeneinbrocken." Am Morgen, beim ersten Frühstück, da geht es lebhaft her. Ob man Thee oder Kaffee nimmt, Ckjokolade, Milch oder Bouillon, das „Mazzt brocken" fehlt außer bei der oben genannten Dame, die aus religösen Rücksichten nur mir „Fruchtsäften" benetzte Mazzoth genießt, fast niemals. Ein alter Ungar erklärt mit würdigem Ernste staunenden Zuhörern, auf welche Weise dies am besten gcschiehr. Ringsum steht man und lauscht, in ununterbrochener Stille, wie es der Sache ziemt. „Also zuerst nimmt man eine ganz große Schaale. in dte brockt man dte Mazze ganz klein hinein. Dann nimmt man wieder eine andere Schaale, tu die thut man viel Zucker. Darauf schüttet man einen heißen schwarzen Kaffee — aber gut muß er sein. — Dahinein thut man dann auch reine Milch und rührt das ganze mit einem Löffel um. da hierauf thut man ein wenig Rahm und rührt wieder um. Dann gießt man den heißen, süßen, mtlchtschen Kaffee — aber gut muß er sein — in dte Schaalen, wo dte Mazzes darinnen sind, das schmcckt ausgezeichnet — aber gut muß der Kaffee sein." Inzwischen hat ihm der Kellner den Kaffee gebracht. Das ist e Schaalen? fragt der Ungar erstaunt, das ist für eine Puppe von kleinen Kindern. Immer größere Taffen werden ihm gereicht, bis er sich endlich mit einer noch ungebrauchten Bouillontaffe von ungeheuren Dimensionen einverstanden erklärt. Nun brockt er endlich seine Mazzes nach angegebeulM Rezepte und seufzt noch dazu: „Man versteht nöt zu speisen, außer in Ungarn." — Im oberen Stockwerk des Starkenhofs befindet sich die Synagoge, ein einfach aber würdig ausgestatieter Raum; in einem Zimmer nebenan ist die Frauensynagoge. Während der Feiertage findet zu allen Synagogalzeiten gemeinsamer Gottesdienst statt. Sehr erhebend

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.