Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 32 (22.4.1895)
- Date
- 1895-04-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVI. Jahrgang. Lrilage M M 32 des „Israelit“. Leitender Artikel. Made-Ariefe. Meran, 16. April. Als Ihr Correspondent von Berlin abfuhr, schneite cs. Auch bei der Ankunft in Meran sah er Schnee, soweit das Auge reichte, aber hier lag der Schnee als hübscher Zierrat aus den B.'rgriesen, doch im Thale herrschte sommerliche Gluth. Ein gesegnetes Fleckchen Erde dieses Meran. Man kann sich geradezu die Temperatur aussuchen, die man haben will. Im Thale Sommer, auf den Hügeln Frühling und eisigen Winter auf den B.rgen. War die Natur höchst verschwenderisch in der Ausstattung dieses Plätzchens, so hat menschliche Kunst nicht minder dazu beigetragen, hier ein klei nes Paradies zu schaffen. Himmelanstrebende Berge, an deren Füßen grotteske Felsenparthieu, die von romantischen Burgruinen gekrönt werden. Schäumende Wafferfälle, die stch von dcn Felsen herntederstürzen und sich im Thal zu smaragdgrünen Gebirgsflüssen einen. Und daran eine tropische Blüthenwelt, die berauschenden Duft emporsendet, lauschige Grotten zu beschaulicher Ruhe hergerichtet und Alles angefüllt von den fröhlichen Tirolern, deren Singen und Juchzen weithin über die Lande tönt. Sie tragen hier noch durchweg die anheimelnde Nationaltracht, noch vikl anheimelnder aber ist die nationale Treue, die aus den Augen der Tiroler blickt. — Freilich, auch manch trauriges Bild steht man hier. Von aller Herren Länder sind die Kranken herbeigeströmt, um im herrlichen Tirol Gmesung zu suchen —ob auch zu finden? Wenn man manche der elenden Gestalten sieht, die sich kaum vorwärts bringen, die Todesboten in den hohlen Augen — ich möchte davon schweigen, die Natur ist hier zu schön, um so trauriges zu denken. Und doch wird man fast stündlich an den Ernst des Lebens erinnert. Einen alten freundlichen Herrn, mit dem ich gestern Abend zusammen saß, man hat ihn heute früh todt gefunden. Auch so mancher, dem man es nicht ansehen würde, wie bald ihm die Stunde schlägt, geht hier umher. Ein sonnverbranntes Gesicht, rothe Wangen, frische Augen; doch indem wir mit ihm reden, packt ihn ein tiefer Krampfhusten, der dem Kundigen mehr sagt, als er zu wissen wünscht. — Hinweg au8 dem irdischen Jammerthal, hinaus auf die Burgen und Berge. Hier liegt das Dorf Tirol, von dem das ganze Land sc inen Namen führt, es liegt so schön — doch will ich keine Reisebeschreibung liefern. Vorbei an der Gtlfpromenade, am Zappe' rerweg — ringsum historische Orte vom Blut der Tiroler getränkt — dort ein Haus, in dem And eaS Hofer gefangen gehalten, dort eins, in dem er vrrurtheilt wurde. Im Thal erhebt sich eine mächtige Bretterbude. Die Tiroler Bevölkerung stellt hier ihre Nationalgeschichte schauspielerisch dar — von weit her kommen die Fremden, acht Tage vor der Vorstellung ist schon kein Platz mehr zu haben. Man kann nicht hinein, also weiter Wetter — vielleicht hinauf auf einen der Bergriesen? „Grüaß Enk Gott!- ruft da plötzlich ein gewaltiger Mensch in Tiroler Tracht, dessen langer Bart weit über die Brust herntederwallt. Ec streckt mir seine knochige Rechte hin. — „Kennt's mi nimmer?" Richtig, das ist ja einer der Führer, mit dem ich vor Jahren auf den Gletschern herumstiefelte. Nein, guter Freund, die Zeiten find vorüber, ich folge Dir nicht mehr in die Regionen deS ewgen Schnees, des rollenden Latschen und des blendend schimmernden Eises. Andere Gefühle beherrschen mich — und momentan habe ich sogar Hunger. In schnellem Schritte hinab nach Meran, dort weiß ich ein Haus, das die Hungernden sättigt, selbst wenn ste die strengsten Ansprüche an die jüdisch rituelle Kost erheb m. Der Starkenhof — alias Restaurant Bermann — ist der Platz, anZdem sich das jüdische L:ben des Badeortes vielfach con« eentrirt. Da wir hungrig sind, reden wir erst vom Essen. In der That famos! Ihr Correspondent ist ein vielgereister Mann, hat manche Städte gesehen und in manchem koscheren Restaurant Hunger gelitten. Er ist auch etwas Gourmand und wenn er Ihnen „famos" sagt, so können Ste es glauben. Die Lokalitäten sind etwas niedrig und meist überfüllt, dafür wird man aber reichlich durch die Speisen entschädigt, die an Delikatesse, Reichhaltigkeit und-Kaschruth Nichts zu wünschen übrig lassen. Der alte Bermann steht aus wie ein Patriarch. Hohe, breite Gestalt, lang herabwallender weiser Bart und die weisen Haupthaare stets mit einem goldgestickten Käppchen geschmückt, so wandelt er in den Sälen umher, übersteht seine Heerde und sorgt dafür, daß ihre Bedürfnisse nach Wunsch befriedigt werden. Und was für eine Heerde ist es, die hier aus aller Herren Länder die Sehnsucht nach Genesung zusammengefegt. Oesteretch-Ungarn und seine Kronländer, Deutschland, Rußland England, Amerika, von überall her find sie gekommen und alle sammeln sie stch im Starkenhof, um zu speisen, zu beten und anderen religiösen Bedürfnissen nachzukommen. An