Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 32 (22.4.1895)
- Date
- 1895-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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607 wir sind gewiß, daß selbst der gemäßigte Liberalismus, soweit er noch jüdisch ist, diesen Herren ein ganz energisches „Apage“ zurufen wird. Andererseits soll, wie von uns schon früher mitgetheilt, eine neue Synagoge im Westen erbaut werden. Der christlich-jüdische Kult der Reformgemeinde soll die dort einzuführende Gebetordnung darftellen. Diplomatisch-findige Köpfe mit weitem duldsamen Herzen haben einen famosen Ausgleich gefunden. Sie schlagen vor, man bete am Sonnabend im konservativen Sinne und Sonntag von 10—11 in — wie sollen wir sagen? — christlichem Sinne. Der Berliner Gemeindevorstand hat nun bekanntlich in allen Reformfragen ein sehr weiches liebevolles Gemüth. Er fühlt sich so hingezogen zur Johannisreform, er möchte so gerne, daß das ganze Berliner Judenthum eine große Johannisktrche sei — wir bemerken, daß der Ausdruck einem gewiß unverdächtigen Gewährsmanne Namens Prof. Dr. H. Graetz entnommen ist — wie sollte er nicht mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln sein herrliches Versöhnungsziel erreichen wollen? Doch leider, leider scheint die jetzige Repräsentanz kaum für so weitgehende Projekte zu gewinnen zu sein. Möglich, wie wohl — nach unseren Erfahrungen mit der jetzigen Repräsentanz — nicht recht wahrscheinlich. Aber die Wahlen, die schrecklichen Wahlen, die fürchtet man. Gewiß erfüllt gar manchen der hohen Herren die frohe Hoffnung, es werde treuer Arbeit gelingen, die Wahlen im 8oi disant liberalen Sinne zu leiten und hofft dann mit dem neuen Repräsentanten-Kollegium alles vereinbaren zu können, was zum Gedeihen Reform-Israels heilsam ist. Man scheut da selbst den Weg plebejischer Agitation nicht mehr. So ist denn unter dem Patronate der Reform ein neuer sog. liberaler Wahlverein eigens zu diesem Zwecke in aller Eile mit einem Eifer, der wahrlich einer besseren Sache würdig wäre, gegründet worden. Doch es ist bei dem Charakter des Vereins zu erwarten, daß es in jenem Verein im wesentlichen beim Gründungseifer bleiben werde. Zwar fehlt es dem Verein durchaus nicht an Geldmitteln, um eine erfolgreiche Agitation zu betreiben, gehören doch die reichsten Juden Berlins zu seinen Beschützern und Begünstigern; aber wir kennen diese Kreise, wir wissen sehr wohl, daß sie nur ihr Geld, im besten Falle ihren Namen geben, viel weiter geht ihr Interesse nicht. Vorläufig fährt er mit vollen Segeln. Er hat ein eigenes Bureau in der Markgrafenstraße eingerichtet und ein ganzes Heer von Sold-Beamten zur Durchsetzung seiner Pläne in Aktion gesetzt. Ja man wird sogar in der nächsten Woche mit dem Druck und der Vertheilung von Flugblättern — beinahe hätte ich Fluchblätter geschrieben — beginnen. Außerdem steht dieser Richtung in der „Allgemeinen Zeitnng des Judenthums," deren Besitzer und spiritns reetor Herr Rudolf Mosse. der Vorsitzende des Reform- Vereins und Repräsentantenmitglied der jüdischen Gemeinde ist, ein Parteiorgan zum unbeschränkten Gebrauch zur Verfügung, das in Berlin eine beträchtliche Zahl von Abonennten hat, aber zum Glück von ihnen nicht gelesen wird. Noch in einem anderen Punkte hat der liberale Wahlverein einen beträchtlichen Vorsprung vor den andern Parteien. Er erfreut sich eines Vorstandes, dem lauter glänzende Namen angehören. Männer mit Titeln und Ehren haben ihn unterzeichnet. Professoren, Gcheimräthe, Commerzienräthe und andere Räthe haben ihren Namen zur Verfügung gestellt, auch hat der Verein eine gar nicht so geringe Zahl von Mitgliedern und doch — und damit ist der Verein moralisch vernichtet — haben seine Mitglieder so wenig Interesse selbst für diesen liberalen Verein, daß bis jetzt keine Mitgliederversammlungen abgehalten werden konnten. Sein Programm ist, wie das ganze liberale Judenthum, — eine große hohle Phrase!- Was kündet der Profet? „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Schaaren!" X. Fürth, 17. April. Am jüngst ver stoffenen o"mn wurde die Installation des Herrn Dtstricts» rabbiners Dr. Deutsch zumDtrector des hiesigen tsrael. Waisenhauses vollzogen. Zu dem feierlichen Akte hatten sich, außer der Stiftungsverwaltung, die der israel. Cultusgemeinde mit dem Herrn Rabbiner, der Direktor der israel. Realschule und viele andere Notabtlitäten und Gemeindemitglieder in dem hell erleuchteten und mit Blattpflanzen geschmückten Sitzungssaale des israel. Waisenhauses eingefunden. Namens der Verwaltung begrüßte in sehr wirkungsvoller, begeisternder Rede Herr Banquier M. Rau den neugewählten Direktor. Er wies auf die mannigfachen und schwierigen Aufgaben hin, welche hier der Erfüllung harren und deren Bewältigung dem Neuberufenen nach der wirksamen Vorarbeit seines Vorgängers und bei seiner eigenen idealen Lebensauffassung, seinem ernsten Willen und gediegenen Waffen nicht schwer fallen könne. Herr Dr. Deutsch erwiederte in längerer, gewählter Rede mit Worten des Dankes und Vertrauens und indem er die Gesichtspunkte entwickelte, von denen aus er seinen wichtigen Beruf betrachte und die er zu Leitsternen seines Wollens uud Handelns zu nehmen gedenke. An den aufgestellten Grundsätzen und der Bestimmtheit und Festigkeit des Ausdrucks, mit welchen sie vorgetragen wurden, waren die lauteres Aufrichtigkeit