Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 32 (22.4.1895)
- Date
- 1895-04-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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606 Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Berlin, 18. April. Man konnte bisher von den jüdischen Gemeindewahlen nicht behaupten, daß sie sich von Seiten der interessierten Kreisen einer größeren Aufmerksamkeit erfreut hätten. Das hatte viele Gründe. Das bewundernswerthe Talent des Berliner Gemeindevorstandes und seines wohllöblichen Beirathes, die jüdischen Wähler mit dem Gifttrunk der Gleichgültigkeit und des Jndifferentismus einzuschläfern, feierte glänzende Erfolge. Alles ging programmäßig vor sich, bis der leichte Sieg wieder einmal erfochten war. Dann galt es weiter zu arbeiten an der fortschrittlichen Ausgestaltung des Jadenthums, was ins ehrliche und verständliche Deutsch übersetzt, so viel bedeutet wie durch Beseitigung alles Historisch-positiven das Judenthum allmählich durch Schlafmittel und andre preiswerthe Arzeneien der wohlverdienten Grabesruhe zu übermitteln. Das wäre auch beinahe gelungen, wenn eben die Berliner Gemeinde und das Judenthum identisch wären. Es war still, so idyllisch still noch vor wenigen Jahren in dem Berliner Gemeindejudenthume. Da konnte reformirt werden, daß es eine Lust war, die wackeren Gemeindemitglieder schwiegen. Da wurden Gebete verrenkt nnd verstümmelt, die fertigen Urkunden der Vergangenheit gefälscht und verwässert, die treuen Berliner trugen es fein ruhig. Ob auch die Schulen und Gemeindetnstitutionen immer dreister und frecher d e heiligsten Satzungen des Judenthumes mit Füßen traten, ob auch die Berliner Gemeindeleitung deren theuersten Pflichten in unbegreiflicher Gewissenlosigkeit verletzte, der Berliner Jude zahlte pünktlich seine Gemeindesteuer und ließ im übrigen den Vorstand für die Fortextstenz des Judenthums sorgen. Doch wie die Weltgeschichte im großen, so liebt auch die Geschichte des Judenthums im kleinen einen gesunden, urwüchsigen Humor und eine frische heilsame Satire. Der Humor begann, als in der jüdischen Gemeinde sich endlich nach langer Lethargie eine ztelbewußte und s lbstlose Opposition regte. Wenn es wahr ist, was ein derbes Volkswort sagt, daß selbst Gott im Himmel einem ehrlichgemeinten Scherze gnädig ist, so gilt dies gewiß bet jener erstaunlichen Komttragik, die ein so ergötzliches und spafstges Blatt der neuesten jüdischen Geschichte bildet. In Berlin W hatte man eben alle Vorbereitungen getroffen, das Judenthum in Ehren einzusargen, und stehe, grade da erwacht in Berlin 0 und N und im Centrum in erneuter Kraft die Anhänglichkeit zum altangestammten Glauben nnd der Berliner Centralverein für die" Interessen der jüdischen Gemeinde trat ins Leben mit seinem freundlichen Etnladegruß: „Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde sind als Gäste willkommen." Damit war das Signal zum Kampfe gegeben. Man begannimmer deutlicher zu empfinden, daß es gute Justizräthe gäbe, die vortrefflich Bescheid wissen mögen in ihrem eorxus juris, ohne daß ihnen darum die wundersame Begabung zu Theil geworden ist, die rege Begeisterung für das Judenthum zu erhalten und die rege Theilnahme in allem Jüdischen zu steigern. Kurzum es begann endlich auch in der jüd. Gemeinde zu gähren; zunächst geschah dies noch leise und mit allzuviel Rücksicht, doch es ist gesorgt, daß sich bald energische Stimmen werden vernehmen lassen. Wir meinen, es könnte gar nicht schaden, wenn auf die Todessttlle, die bisher das Charakteristikum der Berliner jüdischen Gemeinde darstellte, endlich ein reger und im gewissen Sinne leidenschaftlicher Kamps für die Wahrung und Erhaltung unserer idealen Güter folgte. Und in der That, versprechen diesmal die Wahlen zur Repräsentanz der jüdischen Gemeinde, die Anfang November dieses Jahres bevorstehen, recht interessant und bewegt zu werden. Schon jetzt, wo ein halbes Jahr uns noch vom Wahltermin trennt, sind fast alle Parteischattierungen eifrig thätig. Eine energische Agitation wird aller Orten in Angriff genommen. Wem dabei bange wird, kann man sich leicht denken. Wirklich hängt diesmal mehr als eine bedeutsame Anordnung von dem Ausfall der Repräsentanten - Ergänzungswahlen ab. Der Berliner Gemetndevorstand trägt sich mit großen Plänen. Eine neue Heilsära soll anbrechen. Die Reformbewegung im Judenthum soll endlich ihren krönenden und siegreichen Abschluß finden. Nicht nur die R^formgemetnde der Johannisstraße soll in die Hanptgemeinde eingehen auch umgekehrt wird gehofft, daß der Geist des Reformtempels klärend auf die Gemeindesynagogen wirke. Daher die bedeutsame Personalunion schon jetzt, daß das führende Vorstandsmitglied der Berliner jüdischen Gemeinde zugleich ein überaus thätiges Mitglied der Reformgemeinde ist. Bekanntlich unterhandelt der Berliner Gemeindevorstand mit dem „St. Johannistempelverein", um eine Vereinigung herbeizuführen. Grotzmüthig und hochsinnig wie der Berliner Gemeindevorstand ist, will er dem Etat der jüdischen Gemeinde natürlich alle Kosten der Reformgemeinde zuweisen. Daß die so in Aussicht genommene Neubelastung eine ganz gewaltige ist, ist klar. Die drei Prediger, die sehr beträchtliche Gehälter für ihren Neformkult beziehen, sollen als Gemeinde-Rabbiner von der Gemeindekasse besoldet werden. Wir nennen nur die Namen Oppenheimer—Klemperer und